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Abschied

»Ich bin mit meiner Arbeit sehr zufrieden«

Busecks Bürgermeister Dirk Haas wird heute 60 und ist nur noch wenige Tage im Amt. Im Interview mit dem Anzeiger spricht er darüber, wieso er die Wahl verlor und wie seine Bilanz aussieht.

Fangen wir mit einer ganz banalen Frage an: Wie geht es Ihnen?

Blendend. Man merkt relativ schnell, dass viel Last von einem abfällt. Ich kann besser schlafen. Gerade die vergangenen eineinhalb Jahre waren sehr belastend. Das hatte verschiedene Gründe, hauptsächlich die politische Situation. Wenn man sich engagiert, die Verwaltungsmitarbeiter motiviert für Dinge und sie arbeiten gut und man dann im politischen Rahmen keine Ideen mehr durchbekommt: Das ist einfach unbefriedigend.

Wie hat sich das schlechte Schlafen geäußert?

Ich konnte nicht einschlafen, meistens vor den politischen Situationen. Wie begründet man was, wie könnte man das anders machen etc., das hat mich dann bewegt. Gerade bei der Kinderbetreuung konnte nicht mehr nachvollziehen, welche Entscheidung in den Ausschüssen oder im Parlament getroffen wurde.

Die Wahl war Ende September. Wie lange haben Sie gebraucht, mit der Niederlage klarzukommen?

Nicht lange. Mir war im Vorfeld klar, dass es schwierig wird, es wurde immer schwieriger, deshalb hatte ich damit gerechnet. Das hat man vielleicht auch an meinem Wahlkampf gemerkt, dass ich entgegen meinen Naturell nicht so gekämpft habe, wie ich eigentlich hätte kämpfen können. Aber das hätte auch nichts geändert an dem deutlichen Abstand.

Wann war Ihnen klar, dass Sie verlieren würden?

Das weiß ich nicht mehr genau. Mir war vor einem Jahr klar, dass es schwierig wird. Wenn Sie die bürgerlichen Parteien gegen sich haben, dann haben Sie in Buseck eigentlich keine Mehrheit. Mein Verständnis, wie man das Amt eines Bürgermeisters ausführt, hat sich intensiv von dem meines Vorgängers unterschieden. Diese Veränderung wurde von der Bevölkerung auch so nicht mitgetragen. Ich habe mich sehr intensiv um Sachthemen bemüht, mich in viele Themen eingearbeitet und dafür das Gesellige hintenangestellt. Mir war bewusst, dass das ein Problem darstellt. Mir wurde auch von Externen immer wieder gesagt, ich müsste mehr auf die Geburtstage gehen. Aber da mein Selbstverständnis für den Beruf des Bürgermeisters anders war, habe ich es in Kauf genommen, dass es so ausgeht. Ich bin jetzt mit meiner Arbeit sehr zufrieden. Und aus den Briefen besonders von Unternehmen, von Vereinen und Menschen, die sich für diesen Ort einsetzen, sehe ich, dass das der richtige Weg war. Für die Mehrheit wohl nicht.

Wenn Sie gewonnen hätten, müssten Sie weiterhin mit den Mehrheitsfraktionen im Parlament klarkommen. Aus Ihrer Sicht vermutlich nicht erstrebenswert.

Ich hätte mich weitere Jahre ärgern lassen, weil ich die Erwartung der Leute, die mich gewählt haben und hinter mir stehen, erfüllen will. Auch ohne Mehrheit in den vergangenen drei Jahren habe ich viele Sachen auf den Weg gebracht. Nicht alles muss durchs Parlament.

War das eine Abwahl von Ihnen oder die Wahl von Michael Ranft?

Ich hätte eher gesagt, es ist eine Wahl von Erhard Reinl gewesen. Wegen der Art und Weise, wie Erhard Reinl das Amt des Bürgermeisters gut gemacht hat, aber auf eine andere Weise als ich. Und danach haben sich die Leute gesehnt. Michael Ranft ist ähnlich wie Erhard Reinl. Jemand, der versucht, zu moderieren, wie er selbst sagt. Ich bin jemand, der versucht, zu führen.

Waren Sie der falsche Bürgermeister für Buseck?

Es war für die Gemeinde gut, dass ich für sie Bürgermeister war.

Hätten Sie die Wahl auch verloren, wenn es die Betrugsfälle in der Gemeindeverwaltung nicht gegeben hätte?

Der Wahlkampf wäre komplett anders gelaufen. Das ist auch eine Belastung, die auf einem liegt, die eigentlich wöchentlich wieder aufgerufen wird. Dann kann man keinen ausgeglichenen Eindruck nach außen vermitteln und auch entsprechend nicht agieren.

Welche grundlegenden Fehler haben Sie gemacht?

Ein strategischer Fehler meiner Partei war, die Koalition mit der CDU einzugehen. Und der zweite Fehler war, als die CDU die Koalition verlassen hat, dass man nicht gleich den Kontakt zu den Freien Wählern gesucht hat. Selbstverständlich habe ich auch Fehler gemacht. Aber allzu viel habe ich mir nicht vorzuwerfen.

Ein fortwährender Kritikpunkt an Ihnen war, dass Sie nicht genügend kommuniziert und die Menschen bei Ihren Ideen nicht mitgenommen hätten.

Da muss man sich die ganzen sechs Jahre meiner Amtszeit angucken. Die Vereinsförderrichtlinien, der Sportstätten-Entwicklungsplan, Dinge, die hoch kommunikativ waren, die ich angestoßen habe und die mit breiter Beteiligung von den Vereinen abgelaufen sind. Gleichermaßen beim Stadtumbau in Großen-Buseck mit der lokalen Partnerschaft. Die Frage ist: Warum funktioniert es nicht in dem Moment, wo es in die parteipolitische Diskussion geht? Die Kommunikation hat nicht funktioniert zwischen mir und der CDU und den Freien Wählen und vielleicht auch zwischen mir und der SPD, das weiß ich nicht genau. Zum Thema »Grundschulkita« in Alten-Buseck wurden Freie Wähler und CDU von mir vor der SPD informiert. So war es auch bei den Haushalten. Das hat aber nichts genutzt. Irgendwas habe ich falsch gemacht, aber ich keinen anderen Weg gefunden.

Wie hat das Amt Sie verändert?

Hoffentlich nicht so sehr.

Was wird Ihnen zurückgespiegelt von Ihrer Frau oder Freunden?

Gerade in den vergangenen Monaten habe ich mich schon verändert, aber ich verändere mich auch wieder zurück. Ich bin auch jemand, der schnell vergisst.

Wie sah die Veränderung aus?

Weniger Vertrauen in die Mitmenschen, aber ich bin an dieser Stelle - und das ist gut so - vergesslich.

Was hat das Amt für Ihre Familie bedeutet?

Der Druck war besonders für meine 81 und 83 Jahre alten Eltern schwierig. Gerade wenn bestimmte Themen in der Zeitung hochkamen, die dann gegen mich waren.

Wie lief die Übergabe an Michael Ranft?

Wir hatten drei Gespräche. Ich stelle ihm alles zur Verfügung, was es an Informationen gibt. Er hat ein Mailkonto angelegt bekommen, wohin ich alle Sachen maile, die wichtig sind.

Welche unerledigten Themen lassen Sie ihm zurück?

Das was mich am meisten bedrückt, ist die Frage der Kinderbetreuung. Die Wiederöffnung des Freibades ist eigentlich kaum noch aufzuhalten.

Haben Sie Ihrem Nachfolger einen Ratschlag gegeben?

Ich habe ihm gesagt, er soll sich nicht von Frank Müller (CDU-Fraktionsvorsitzender, Anm.d.Red.) zu sehr beeinflussen lassen. Er soll seinen eigenen Weg gehen und eigene Ideen entwickeln, wie er Buseck voranbringen möchte. Dafür hat er gute Voraussetzungen, die habe ich ihm hinterlassen. Es ist finanziell alles in Ordnung. Er hat Gewerbeflächen, die er nutzen kann und es ist Vieles auf dem guten Weg.

Das Interview erscheint am Tag Ihres 60. Geburtstages. Was bedeutet dieses Alter für Sie?

Die 50 habe ich gut verkraftet, aber bei 60 ist man schon am Schlucken, weil man merkt, man wird älter. Die gesundheitlichen Zipperlein habe ich mir im ersten Wahlkampf geholt und die bleiben. Die Diabetes kam von dem Stress, sagt mein Arzt. Es ist sieben Jahre und paar Tage her, dass es mir bewusst wurde, dass ich Diabetes habe. Momentan habe ich es ohne Spritzen einigermaßen im Griff. Mein Arzt sagt, dass wir ein Vierteljahr nach der Wahl abwarten und gucken, wie es sich entwickelt. Momentan geht es ganz gut. Hohen Blutdruck habe ich schon ewig, auch dafür gibt’s Tabletten. Früher waren die Menschen mit 60 Jahren alt, richtig alt, heutzutage sind die Leute noch aktiv, selbst mit 70 Jahren und mehr. Was das Alter für mich bedeutet, werde ich im Urlaub testen.

Welche beruflichen Perspektiven haben Sie?

Keine Ahnung, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Das gehört zu dem Prozess: Gehen lassen, runterkommen und dann gucken, wie es weitergeht. Wir werden im Januar für vier Wochen nach Südamerika fliegen und wenn ich zurückkomme, mache ich mir langsam Gedanken, was ich tun könnte. Es gibt viele Stellen, wo ich einsetzbar wäre. Ich bin ja von Haus aus im politischen Bereich eher Sozialpolitiker, da könnte es was sein.

Stehen Sie 2026 auf der SPD-Liste für die Busecker Gemeindevertretung?

Nein. Das macht man nicht. Ich möchte nicht im Parlament sitzen. Ich habe ein Parlament, in dem ich mich austoben kann, das ist der Kreistag. Ich werde sicherlich meiner Fraktion weiterhin als guter Ratgeber zu Verfügung stehen, aber Gemeindevertreter zu sein, fände ich auch komisch für den Nachfolger.

Ist in der Gemeindeverwaltung noch etwas zum Abschied geplant?

Aufgrund der aktuellen Situation haben wir alles abgesagt. Natürlich hätte ich es gerne gehabt, dass es noch eine Mitarbeiterversammlung gegeben hätte, um sich ordentlich zu verabschieden, aber das ging nicht. So habe ich jeden nochmal an seinem Arbeitsplatz besucht und Kuchen ausgegeben usw.

Der Urlaub ist schon mehrfach angesprochen worden. Warum Ecuador und die Galagapagos-Inseln?

Wieso ›Warum‹? Wollten Sie noch nie dahin?

Das steht auf meiner Wunsch-Reiseziel-Liste nicht ganz oben.

Bei mir ist das die Tier- und Pflanzenwelt, die mich begeistert. Wir werden sehen, wie es in Ecuador mit der Höhenlage ist, wie der Körper damit zurechtkommt. Da soll das Wandern schon ziemlich anstrengend sein.

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