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»Ich habe mich einfach halbiert«

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Von: Rose-Rita Schäfer

Dominik Adolph ist Erzieher im Kindergarten Obbornhofen und hat in drei Jahren 108 Kilo abgenommen. Entscheidend waren eine App und viel Disziplin.

Hungen. Wer kennt ihn nicht, den ewigen Kampf gegen die Kilos? Leckeres Essen im Urlaub oder ein Schlemmerwochenende und schon zwickt die Hose, die Bikini- oder Badehosenfigur rückt in weite Ferne und der Gang zur Waage wird zum Horrortrip. Diäten sind nicht wirklich eine Lösung, denn der Körper erinnert sich an sein ursprüngliches Gewicht, hängt an jedem Gramm und legt im Jo-Jo-Effekt alles wieder zu. In Deutschland sind rund zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen gilt als adipös. Auch Dominik Adolph kennt das Schicksal von starkem Übergewicht - mit positiver Wendung.

Der 33-Jährige arbeitet als Erzieher in der Obbornhofener Kindertagesstätte Regenbogenland. Seine Erfolgsgeschichte beschreibt er wie folgt: »Ich habe mich einfach halbiert.« In drei Jahren hat er genau 108 Kilogramm an Körpergewicht verloren. Bei einer Größe von 1,84 Meter wog Adolph zu Höchstzeiten 197,1 Kilo und bringt heute noch 89 Kilo auf die Waage - und das ganz ohne harte Diät, allein durch eiserne Disziplin und eine Ernährungsumstellung.

»Als Frühgeburt kämpfte ich untergewichtig im Inkubator und nach einer Darm-OP erfolgreich um mein Leben. Als kleines Kind war ich schmal, spielte mit meinen Freunden draußen in der Natur«, erzählt der Erzieher. Das änderte sich in der Schulzeit. »Ich hatte massive Probleme in Mathematik und kompensierte meinen Frust sowie heimischen Stress mit Unmengen von Süßigkeiten. Ich stopfte alles in mich rein, die Süßigkeitenschublade war stets gut gefüllt und mein Gewicht schoss in die Höhe. Unglaubliche 130 Kilo waren es beim Schulabschluss.«

Als einziger Übergewichtiger in seiner Klasse war Dominik Adolph im Sport immer der Letzte und wurde von den Kameraden gemobbt, »Fette Sau« nannten sie ihn, was sich bis heute eingeprägt hat. Die Eltern mahnten zwar, nicht so viel zu essen und sich mehr zu bewegen, aber er schaffte das nicht. »Beim Bund wurde ich mit 140 Kilo sofort ausgemustert, was besonders niederschmetternd war. Ich saß bei der Musterung nackt unter lauter ›Spargeln‹, der Arzt schaute mich gar nicht erst an«, erinnert sich Adolph schaudernd.

Bei Stress und Schwierigkeiten, die es in seiner Ausbildung zum Sozialassistenten und nachfolgend zum Erzieher genügend gab, schaufelte Dominik Adolph weiter Unmengen an Süßigkeiten in sich hinein. Zehn Snickers oder zwei/drei Tüten Chips auf einen Streich waren kein Problem. Der Erzieher bekam zwar Bluthochdruck, blieb aber von Diabetes verschont. »Die Stühlchen im Kindergarten waren stabil, die hielten mein Gewicht aus. Nur das Hinknien zu den Kindern, das am Boden Sitzen und Wiederaufstehen waren äußerst mühsam. Ich kam bei Anstrengung schnell ins Schwitzen«, blickt er zurück.

2013 ging er in eine psychotherapeutische Klinik mit anschließender Reha, nahm dort 25 Kilo ab und erhielt die Diagnose »Binge-Eating« - eine Essstörung mit immer wiederkehrenden Essanfällen. Wieder zu Hause verlor er noch mal zehn Kilo. Aber als der Alltag ihn wieder hatte, nahm Dominik Adolph wieder zu und wog mehr als je zuvor.

Ein großer Schreck war es, als der junge Mann sich 2019 eine Waage kaufte, die seinem Gewicht standhielt. Ergebnis: 197,1 Kilo. Eine Freundin, der er sein Leid klagte, riet sorgenvoll »Du musst was tun, ich will nicht in ein paar Jahren deinen Grabstein besuchen«.

Der Gedanke an einen baldigen Tod sorgte endgültig für eine andere Einstellung. Die Hausärztin empfahl zwar eine Magen-OP, aber das kam für Adolph nicht in Betracht. Er fürchtete die Risiken und die diversen Nebenwirkungen.

Stattdessen beschloss er, die App »Yazio« - einen digitalen Abnehmcoach mit Kalorienzählen, Rezepten, hilfreichen Tipps, Tricks und Aktivitätsprotokollen sowie Tagesnährwertlisten - zum Abnehmen zu nutzen. Man gibt sein Gewicht sowie Größe ein und erfährt, wie viele Kalorien man pro Tag zu sich nehmen darf, um dennoch abzunehmen.

Dominik Adolph kaufte sich einen Thermomix und kocht seitdem seine Mahlzeiten selber, die er wochentags auch zur Arbeit in die Kita mitnimmt. Zu Beginn verlor er bei täglich 3000 Kalorien in zwei Wochen stolze sechs Kilo. Mit sinkendem Gewicht reduzierte sich die Kalorienzahl. Heute hält der 33-Jährige mit täglich erlaubten 2400 Kalorien sein Gewicht. Bei Fehltritten reduziert er auf 1800 Kalorien, um die zugelegten Pfunde schnell wieder loszuwerden. Nach wie vor nutzt er die App, um einen Überblick über sein Essverhalten zu haben.

Ohne Bewegung geht es nicht. Der Erzieher begann mit moderaten Spaziergängen, aus denen mit der Zeit längere Läufe wurden. Nach verlorenen 40 Kilo ging es mehrmals die Woche ins Fitnessstudio. »Während des Abnehmens musste ich mich alle paar Wochen neu einkleiden, das war schon Motivation pur«, merkt er lachend an.

Nach der extremen Gewichtsabnahme hatte Adolph natürlich mächtige Hautüberschüsse an Bauch, Rücken und Po. Die Krankenkasse bewilligte die Straffungs-OP, bei der ihm 2,5 Kilogramm Hautgewebe entfernt wurden. Es kam zwar zu Komplikationen und zwei weiteren OPs wegen Blutungen, aber schließlich war es geschafft: Dominik Adolph konnte sein neues Leben beginnen.

»Früher trug ich Shirts in 9XL, heute passt Medium. Griff ich damals zu schwarz, um meine Pfunde zu kaschieren, liebe ich heute helle, farbenfrohe Klamotten. Auch meine Erfolge beim Flirten sind von ›kaum vorhanden‹ auf ein gesundes Maß angewachsen. Meine Mitmenschen nehmen mich heute eben ganz anders wahr. Ich bin viel selbstbewusster geworden und gehe auf vollkommen andere Art durchs Leben, denn ich weiß, dass ich stark bin. Wer so einen Abnehm-Marathon durchgezogen hat, den wirft nichts mehr so leicht um«, freut sich der Erzieher.

Sein Tipp für Leidensgenossen: »Beim Abnehmen darf man nicht auf den angsteinflößenden Kilo-Berg starren, sondern muss sich Tag für Tag kleine Ziele setzen. Irgendwann liegt der Berg dann hinter einem. Ist man mal einen Tag schwach gewesen, hat Torte oder Pizza verputzt, darf man nicht verzweifeln, sondern sollte den nächsten Tag frohgemut nutzen, um weiter an sich zu arbeiten.« Vor so viel Disziplin, Durchhaltewillen und Verhaltensänderungen kann man nur den Hut ziehen. Das schaffen die Wenigsten.

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