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»Ich werde Dich umbringen und verstecken«

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Vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts trafen die ehemaligen Eheleute nun wieder aufeinander. Archivfoto: Mosel © Jasmin Mosel

Ein Iraker ist vor dem Landgericht Gießen wegen versuchten Mordes angeklagt. Er soll während einer Autofahrt auf seine Ehefrau eingestochen und dann die drei Kinder ins Ausland entführt haben.

Kreis Gießen. (jmo). Die Konfrontation mit ihrem Exmann ist für die zierliche Frau augenscheinlich kaum zu ertragen. Dass der 29-Jährigen die Aussage vor der Schwurgerichtskammer des Gießener Landgerichts schwer fällt, ist aufgrund der massiven Tatvorwürfe kaum verwunderlich. Im vergangenen Juli soll ihr getrennt lebender Ehemann nach einer Vergewaltigung versucht haben, sie heimtückisch zu ermorden. Dann soll der Iraker die drei gemeinsamen Kinder ins Ausland entführt haben. In Bulgarien wurde er mit internationalem Haftbefehl festgenommen.

Dreijährige Tochter saß auf Rückbank

Laut Staatsanwaltschaft hat der zuletzt in Wettenberg wohnhafte 34-Jährige während einer Autofahrt sechs Mal auf seine Noch-Ehefrau eingestochen, ihr mit einer 25 Zentimeter langen Klinge Verletzungen in Bauch- und Brustbereich zugefügt und das Herz dabei wohl nur knapp verfehlt. Die dreifache Mutter hat offenbar nur durch eine Not-OP überlebt. Die jüngste Tochter, damals knapp drei Jahre alt, saß während der Tat auf dem Rücksitz.

Den Gang in den großen Saal 207 hat die Frau am Dienstagvormittag bereits hinter sich gebracht und neben ihrer Rechtsanwältin Platz genommen. Da führen zwei Justizwachtmeister den Angeklagten in Handschellen durch die hintere Holztür herein. Sofort springt die 29-Jährige auf, rennt zur nächsten Fensterbank und kauert sich dort zusammen. Ihre grellen Schreie sind selbst im Zuschauerbereich hinter Sicherheitsglas noch laut zu hören. Ihrer Rechtsanwältin und der Psychiaterin, die eigentlich als Sachverständige an dem Prozess teilnimmt, gelingt es schließlich, die Frau zu beruhigen. Im Zeugenstand zeichnet sie kurz darauf das Bild einer von Gewalt geprägten Zwangsehe, die den Gipfel der Eskalation am Abend des 9. Juli 2021 fand. Dass die 29-Jährige an diesem Tag durch Messerstiche verletzt wurde, steht außer Frage. Zweifellos war das Ehepaar an dem Sommerabend auch mit der jüngsten Tochter in dem BMW des Angeklagten auf der Landstraße zwischen Staufenberg und Allendorf/Lda. unterwegs.

Nach den Angaben des 34-Jährigen suchten sie nach einem Arzt, der gegen 21 Uhr noch die Verbrennungen an der Hand des Kindes versorgen konnte. Die Verletzung soll die Mutter durch einen Fön verursacht haben. Wie Verteidiger Alexander Hauer für seinen Mandanten erklärt, habe dieser gefragt, ob man nicht doch lieber ein Krankenhaus aufsuchen wolle. Wegen dieser »banal klingenden Frage« hätten die Parteien dann gestritten. Letztlich sei es die 29-Jährige gewesen, die während der Fahrt plötzlich ein Messer gezogen und in Richtung des Mannes gestochen habe. Er habe die Klinge daraufhin »wuchtig zurückgeführt«. Beim Anblick des Blutes sei er »erschrocken«. Die schnelle, ruckartige Reaktion auf den angeblichen Messerangriff stellt der Iraker sogar nach. Sein Dolmetscher nimmt dabei die Rolle der Beifahrerin ein, ein pinkfarbener Kugelschreiber wird so zum Tatwerkzeug.

Die Aussage der 29-Jährigen klingt sehr anders. Wegen des Besuchs einer Kosmetikschule habe der Angeklagte einige Tage auf die jüngste Tochter aufpassen müssen, die eigentlich bei der Mutter lebte. Als sie das Kind wieder abholen wollte, sei sie von ihrem Exmann vergewaltigt worden.

Mit der jüngsten Tochter auf der Rückbank hätten sie später einen Autohändler aufsuchen wollen, letztlich sei der Angeklagte aber »einfach hin und her« gefahren. Wegen des sexuellen Übergriffs seien sie in Streit geraten. Aus der Fahrertür habe er daraufhin das »schwarze, sehr scharfe Kampfmesser« hervor gezogen, mit einer Hand das Lenkrad gehalten, mit der anderen zugestochen und gedroht: »Ich werde Dich umbringen, zerstückeln und verstecken.«

»Sehr scharfes Kampfmesser«

Einige Tage vorher soll er ihr ein Video gezeigt haben. Darin zu sehen: Ein Mann, der eine Frau ersticht. »Das Gleiche mache ich mit Dir«, habe er beschworen. »Aber ich habe nicht gedacht, dass er wirklich so weit geht.«

»Ich habe geschrien und seine Hand festgehalten. Meine Tochter hat laut geweint, aber er hat trotzdem weitergemacht«, erinnert sich die Nebenklägerin. Schließlich habe sie sich bei voller Fahrt aus dem Auto fallen lassen. Eine entgegenkommende Fahrerin kümmerte sich um die Verletzte, die per Rettungshubschrauber in eine Klinik kam.

Der Sohn und die beiden Töchter des Ex-Paares sind heute 14, zwölf und dreieinhalb Jahre alt. Die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze möchte wissen, wie es den Kindern geht. »Gut«, sagt die 29-Jährige knapp. »Seit er weg ist, geht es ihnen gut.«

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