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»Ich züchte doch kein Wolfsfutter«

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Seltenes Fotodokument: Ein Wolf überquert einen Waldweg, © Nabu/Gerber

Der Hungener Stadtschäfer Ralf Meisezahn ist sicher: Der Wolf ist schon da.

Hungen . Schäfer ist ein aussterbender Beruf. Nur noch rund ein halbes Dutzend Berufsschäfer gibt es in Hessen. Anders sieht es mit dem Wolf aus. Anderthalb Jahrhunderte lang galt er als ausgestorben: 1841 wurde im Brandoberndorfer Forst der letzte Wolf des damaligen Herzogtums Nassau erlegt, heißt es.

Doch das hat sich mittlerweile geändert. Immer mehr Wölfe wandern nach Deutschland ein, auch nach Hessen.

Die Rückkehr des stolzen Wildtieres freut viele. Anderen macht es Angst. Dabei geht es ihnen aber weniger um Leib und Leben als um die blanke wirtschaftliche Existenz.

Doch wie sieht es im Kreis Gießen aus? Als letzte Kommune in Hessen besitzt die Stadt Hungen bis heute einen fest angestellten Stadtschäfer. Bis in den Januar hinein zieht der mit seiner Herde von derzeit um die 500 Mutterschafen plus Nachwuchs über die Felder der Gemarkung. Und Schäfermeister Ralf Meisezahn ist sich sicher: »Auch bei uns ist der Wolf schon unterwegs - ich spüre oft eine ungewohnte Unruhe in der Herde.«

In der Tat wurde 2020 in dem gerade einmal 30 Kilometer entfernten Urichsteiner Stadtteil Unter-Seibertenrod über einen längeren Zeitraum hinweg ein Wolf beobachtet. Laura Hollerbach vom Hessischen Landesamt für Naturschutz bestätigt, dass es sich dabei wirklich um eine Wölfin handelte: »Das konnte durch DNA-Spuren nachgewiesen werden.« Allerdings habe man seit einem Jahr keinen weiteren Hinweis auf das Tier. Auf Anfrage erläutert die Expertin, dass Wölfe in der Regel ein Territorium von bis zu 300 Quadratkilometern durchstreifen können.

In Unter-Seibertenrod führte das Auftauchen der Wölfin zu einer Panik im Dorf.

Die Furcht vor Meister Isegrim sitzt tief, zu lange war vom bösen Wolf im Märchen die Rede. Allerdings sehen selbst Wolfbefürworter allzu zutrauliche Tiere kritisch.

Wie Hollerbach berichtet, gibt es beim Hessischen Wolfszentrum mit Sitz in Gießen jährlich bis zu 500 Meldungen über Wolfsichtungen. »Einmal haben wir sogar eine Tonbandaufnahme mit Geheule bekommen«, erinnert sich die Wissenschaftlerin. Jeder Spur werde nachgegangen, nur selten handele es sich dabei wirklich um einen Wolf.

Die Chance, einen Wolf zu Gesicht zu bekommen, sei für Menschen äußerst gering. Die Tiere seien sehr scheu.

Sichere Nachweise seien nur durch Foto- oder Fimaufnahmen sowie DNA-Proben von Kot oder von Rissen zu führen.

Beim Monitoring vor Ort begleitet Laura Hollerbach deshalb oft eine vierbeinige Spürnase: Labrador-Hündin »Maple« hilft der Forscherin, indem sie den Kot seltener Arten erschnuppert. Dazu gehören Luchs und Wolf.

Auf die Hilfe von Hunden setzt auch Stadtschäfer Meisezahl. Anfang des Jahres legte er sich zwei nordmazedonische Herdenschutzhunde der Rasse Šarplaninac zu, denn der 50-Jährige ist überzeugt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es auch seine Herde treffen könnte. Die Hunde leben in der Herde und sind nachts mit den Schafen im Pferch. Von Elektrozäunen als Wolfschutz hält Meisezahl nicht viel: »Die sind 1,40 Meter hoch, das ist für den Wolf ein Klacks.«

Allerdings bereiten ihm auch die Hunde Kopfzerbrechen. »Herdenschutzhunde ticken anders. Wenn sich jemand der Schafherde nähert, springen sie heran, bellen bedrohlich und drängen ihre Herde weg.« Zur Wahrheit gehöre auch: »Die Hunde sind gefährlich, die sind über Jahrhunderte zum Kämpfen gezüchtet. Selbst ich habe großen Respekt«, so der Schäfer, der auf fast 35-jährige Berufserfahrung zurückblicken kann. In dünn besiedelten Regionen wie dem Balkan, den Alpen oder den italienischen Abruzzen seien diese Art Hunde vielleicht eine Alternative. Im dicht besiedelten Deutschland seien sie alles andere als die erhoffte »Geheimwaffe« gegen Wolfangriffe.

Zwar würden direkte Schäden durch Wolfrisse ersetzt, sofern sie zweifelsfrei ermittelt werden könnten, doch die Folgeschäden wie Unruhe in der Herde oder das verfrühte Ablammen kümmere keinen. Außerdem gehe es ihm nicht wirklich ums Geld. »Schäfer sein ist eine Berufung, wir sind alle Idealisten«, sagt der in Apolda geborene Tierwirtschaftsmeister, der von sich sagt, dass er alle seine Schafe am Gesicht erkennt. »Keiner von uns Schäfern bekommt nachts ein Auge zu, wenn er weiß, der Wolf ist da draußen. Ich züchte doch kein Wolfsfutter.«

Seit 1991 steht er in Diensten der Stadt Hungen, der 499 Mutterschafe gehören.

Doch es gibt auch Freude über die Rückkehr der Wölfe. Durch die Vorgaben der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie gehöre der Wolf zu den durch das Bundesnaturschutzgesetz streng geschützten Tierarten in Deutschland. »Für den Artenschutz ist die Rückkehr der Wölfe also eine gute Nachricht«, erklärt Dr. Tim Mattern (Biebertal), vom Vorstand des Nabu-Kreisverbands Gießen. Aus seiner Sicht stellen verwilderte oder ausgebüxte wildernde Hunde eine viel größere Gefahr für die Natur und die Weidehalter dar.

Bei allen unterschiedlichen Sichtweisen, dürfte eines doch ziemlich klar sein: Mit durchziehenden Wölfen muss man in Zukunft rechnen. Auch bei uns.

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»Määääh«: Hungens Stadtschäfer Ralf Meisezahl mit einem fünf Tage alten Lämmchen aus seiner Herde. © Kächler

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