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Im Gespräch: Thomas Brunner

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28 Jahre stellte sich Thomas Brunner (SPD) in den Dienst der Gemeinde Wettenberg. Anfangs als Verwaltungsleiter und Geschäftsführer der Gewerbe- und Umweltpark GmbH und danach zwölf Jahre als Bürgermeister. Heute ist nach dieser langen Zeit sein letzter Arbeitstag. Offiziell verabschiedet wird er allerdings erst aufgrund von Krankheit seines Nachfolgers Marc Nees am 10.

Februar. Bereits morgen beginnt Brunner seine neue Tätigkeit als Geschäftsführer des Zweckverbandes Mittelhessische Wasserwerke (ZMW). Im Interview mit dem Gießener Anzeiger blickt der 58-Jährige auf seine Amtszeit zurück, erklärt, warum er nicht für eine dritte Amtszeit kandidiert hat und was ihn an seinem neuen Aufgabenfeld reizt.

Morgen endet Ihre zwölfjährige Amtszeit als Bürgermeister der Gemeinde Wettenberg. Gehen Sie sowohl mit einem lachenden als auch mit weinendem Auge?

Für mich endet morgen nicht nur die Zeit als Bürgermeister, sondern eine insgesamt 28-jährige Tätigkeit für meine Gemeinde Wettenberg. Als Verwaltungsleiter und Geschäftsführer der Gewerbe- und Umweltpark GmbH konnte ich 16 Jahre gemeinsam mit meinem Amtsvorgänger die technische Entwicklung sowie die Personalentwicklung der Gemeindeverwaltung und die Ansiedlung attraktiver Unternehmen maßgeblich vorantreiben. Es war daher nur konsequent, dass ich im Jahr 2009 meinen Hut um die Nachfolge im Bürgermeisteramt in den Ring geworfen habe. Nach weiteren zwölf Jahren als Bürgermeister für Wettenberg gehe ich jetzt sehr zufrieden mit dem Erreichten. Ich muss mein Team und meine politischen Wegbegleiter zurücklassen, das ist sicherlich ein Punkt, der das Auge feucht werden lässt.

Der Abschied fällt Ihnen also nicht leicht. Wieso haben Sie nicht erneut kandidiert?

Nach dem letzten Jahresempfang der Gemeinde Wettenberg, bei dem ich meine Zehn-Jahresbilanz präsentiert habe, kamen viele Wettenberger auf mich zu und haben mich darin bestärkt, eine dritte Amtszeit in Angriff zu nehmen. Das hätte ich zu diesem Zeitpunkt sofort unterschrieben. Dann wurde die Stelle des Geschäftsführers des ZMW ausgelobt. Langjährige Weggefährten, die meine juristische, wirtschaftliche und politische Expertise schätzen, sprachen mich darauf an, ob dies nicht eine interessante neue Herausforderung für mich sei. Ich bin dann ins Nachdenken gekommen, und mir wurde bewusst, dass ich mit 58 Jahren keine zweite Chance mehr bekommen würde, um mein berufliches Wirken noch einmal mit einem weiteren Highlight zu bereichern. Ich habe dann mit der Familie und guten Freunden darüber gesprochen und viel Unterstützung für die Entscheidung bekommen.

Wie fällt Ihre Bilanz Ihrer beiden Amtszeiten aus?

Naturgemäß positiv und ich glaube, ich bin mit dieser Einschätzung nicht alleine. Seit mein Wechsel zum ZMW bekannt ist, haben mir sehr viele Wettenberger ihre Wertschätzung und ihr Bedauern über meinen Weggang mitgeteilt. Erfreulich ist, dass fast alle Verständnis für den Schritt in eine neue Aufgabe haben.

Alle aufzuzählen, würde hier sicher den Rahmen sprengen, aber auf welche Projekte sind Sie stolz, diese als Bürgermeister umgesetzt zu haben?

Der Ausbau des frühkindlichen Bildungs- und Betreuungsangebotes, vor allem für Kleinkinder unter drei Jahren, war ein Schwerpunkt meiner Arbeit. In allen Ortsteilen wurden neue Einrichtungen gebaut und bestehende saniert und erweitert. In Launsbach ist der Waldkindergarten Zauberwald und das Zwergenland mit zwei neuen Krippengruppen entstanden. Die Kita am Weinberg im Wißmar wurde durch das nach einem Architektenwettbewerb neu errichtete Kinder- und Familienzentrum (KiFaz) Wiesenhaus ersetzt. In Krofdorf-Gleiberg wurde die Kita Schatzkiste mit der Kleinkindgruppe Schatzinsel um einen ökologischen Holzpavillon erweitert und in Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde eine weitere Gruppe im dortigen Jugendhaus eingerichtet. Der Architektenwettbewerb für den Neubau des KiFaz Finkenweg mit sechs Gruppen ist abgeschlossen, und der Bau wird in der Mitte dieses Jahres beginnen. Für den Pfiffikus in Wißmar wurde beschlossen, dass dieser in gleicher Weise, wie beim Wiesenhaus und Finkenweg, neu gebaut werden soll. Neben den zusätzlichen räumlichen Angeboten wurde die personelle Ausstattung der Einrichtungen gestärkt. Noch nie hatte Wettenberg so viele Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten beschäftigt wie heute, und im Laufe dieses Jahres erfolgt eine weitere Stärkung. Solide Finanzen waren und sind ein Markenzeichen für meine Politik als Kämmerer unserer Gemeinde. Noch nie hat unsere Gemeinde so viel Rücklagen bilden können und ausreichend liquide Mittel in der Kasse gehabt, wie dies zum Ende des Jahres 2021 der Fall ist. Der Jahresabschluss 2021 wird trotz Corona ein deutliches Plus im siebenstelligen Bereich ausweisen, da sowohl Mehreinnahmen bei der Gewerbe- und Einkommensteuer als auch Minderausgaben bei der Kreisumlage erzielt wurden. Ich bin im Jahr 2009 mit dem Zukunftsprogramm »Wettenberg 2020« angetreten und konnte dies mit den Wettenbergern im Rahmen des Integrierten Kommunalen Entwicklungskonzepts zum Projekt Wettenberg 2022 weiterentwickeln. Bis zum Ende dieses Jahres sind wir aufgrund dieser Arbeit in der Dorfentwicklung und konnten unter anderem drei Mehrgenerationenplätze bauen.

Gibt es umgekehrt auch Dinge, die rückblickend hätten besser laufen können?

Besser nicht, aber vielleicht schneller. Die Zeitabläufe zum Beispiel für die Planung und Genehmigung der externen Hochwasserschutzmaßnahmen in Wißmar sind unbefriedigend.

Wie steht Ihrer Meinung nach die Gemeinde Wettenberg derzeit da?

Ein Wettenberger Unternehmer hat vor einigen Wochen beim Abschluss eines wichtigen Projektes gesagt, ich spiele mit meinem Team in der Champions League. Diese Einordnung lasse ich gerne stehen. Der Koalitionsvertrag von SPD und Grünen als klares Zukunftsprogramm steht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Wettenberg auch zukünftig in der ersten Liga spielen wird.

Gab es auch Momente, in denen Sie persönlich enttäuscht waren und eventuell hinschmeißen wollten?

Nein, ich hatte immer eine Mehrheit für meine Ideen und Konzepte. Sehr viele Beschlüsse waren einstimmig, was für die sachliche und gemeinwohlorientierte Politik in Wettenberg spricht.

Wie haben Sie all die Jahre den Stress, den das Amt des Bürgermeisters mitbringt, kompensiert? Woher holten Sie sich Ruhe und Kraft?

Das Bürgermeisteramt ist definitiv stressig und zeitaufwendig, auch wenn aktuell die Corona-Pandemie durch das bedauerliche Herunterfahren der gesellschaftlichen und kulturellen Aktivitäten den Zeitaufwand insbesondere an den Wochenenden reduziert hat. Die Herausforderungen und mein persönlicher Anspruch an das Amt waren hoch, haben aber trotzdem eine positive Wirkung auf mein Wohlbefinden gehabt. Die Erfolge und die gute Entwicklung der Gemeinde werde ich auch nach meinem Ausscheiden noch als Kraftquelle nutzen. Der Gewerbepark, das Pflegeheim und der neue Edeka als persönliche Erfolge erfüllen mich mit Freude und Genugtuung. Schade war nur, dass wenig Zeit für die Familie und Freunde geblieben ist, da man dort die Kraft für die täglichen Herausforderungen schöpft. Ich brenne für meine berufliche Herausforderung und strebe daher noch ein paar gute Berufsjahre an.

Was raten Sie Ihrem Nachfolger Marc Nees, der als parteiloser Bürgermeister bekanntlich keine Mehrheit in der Gemeindevertretung hinter sich hat?

Die Amerikaner bezeichnen einen Politiker ohne Mehrheit als »lahme Ente«, so weit würde ich nicht gehen, aber die Gemeindeordnung legt klar fest, dass die wichtigen Entscheidungen mit Mehrheit im Gemeindeparlament entschieden werden. Dem Bürgermeister mit oder ohne Parteibuch kommt nach der HGO nur die Aufgabe zu, diese Entscheidungen mit dem Gemeindevorstand in praktisches Verwaltungshandeln umzusetzen. Das große Privileg seiner drei Amtsvorgänger, die wichtigen Entscheidungen maßgeblich mitgestalten zu können, kommt ihm daher nicht zu. Diese Konstellation besteht in einigen Städten und Gemeinden und die Amtsinhaber, die die gesetzliche Aufgabenzuweisung akzeptieren, fahren gut damit.

Welche Altlasten hinterlassen Sie dem neuen Bürgermeister?

Keine, sondern spannende Projekte wie KiFaz Finkenweg und Pfiffikus, Verwaltungsneubau, Dorfentwicklung und vieles mehr. Er bekommt einen spannenden Arbeitsplatz und ein tolles Team.

Mit dem Wissen von heute: Würden Sie dem damaligen Thomas Brunner raten, Bürgermeister der Gemeinde Wettenberg zu werden?

Ich bin 28 Jahre lang gerne in die Verwaltung gegangen und habe meine anspruchsvollen Aufgaben mit Freude und Zufriedenheit erledigt. Nach 16 Jahren als Verwaltungsleiter war es nur konsequent, die Nachfolge von Gerhard Schmidt anzutreten. Dass ich jetzt vorzeitig gehe, war nicht geplant und ist der einmaligen Chance, Geschäftsführer des ZMW zu werden, geschuldet.

Sie haben es bereits erwähnt, dass Sie zum 1. Februar Ihre neue Stelle als Geschäftsführer des Zweckverbandes Mittelhessiche Wasserwerke antreten. Was reizt Sie an dieser neuen Aufgabe?

Die Aufgabe ist mir wie auf den Leib geschnitten, da ich alle meine Fähigkeiten aus 40 Jahren beruflichen Wirkens einbringen kann. Wobei das Schwergewicht auf meiner akademischen Bildung und beruflichen Erfahrung im höheren Dienst und Bürgermeisteramt liegt. Der Klimawandel ist auch bei uns angekommen und stellt einen Wasserversorger vor große Herausforderungen. Ein in Trockenphasen besonders hoher Wasserbedarf und die durch fehlende Niederschläge knappen Ressourcen bringen die komplexen Wasserversorgungssysteme zukünftig an ihre Grenzen. Die Versorgungssicherheit auch in Zukunft zu gewährleisten, ist daher eine spannende und anspruchsvolle Aufgabe für mich. Wassersparen und Grundwasseranreicherung sowie Verteilungsgerechtigkeit sind nur einige Schlagworte.

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