1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

In den Hinterkopf geschossen

Erstellt:

gikrei_0312_harbach_vb_0_4c
Die Bluttat geschah in diesem Wohnhaus im Grünberger Ortsteil Harbach Ende Dezember des Vorjahres. Archivfoto: Zylla © Red

Ein 65-jähriger Unternehmer steht wegen Mordes seiner »Ex« vor Gericht. Er erschoss sie im ehemals gemeinsamen Haus in Harbach mit einem Maschinengewehr.

Grünberg (bcz). 2021 sind 113 Frauen in Deutschland von ihren Ehemännern oder Partnern ermordet worden. Eine von ihnen ist eine 48-Jährige aus Grünberg. Ihr »Ex« hatte sie mit einem Maschinengewehr zwischen den Jahren erschossen. Der Mordfall wird seid gestern vor der fünften großen Strafkammer unter dem Vorsitz von Regine Enders-Kunze verhandelt.

Der 65-jährige Unternehmer tötete am 29. Dezember 2021 seine Ehefrau im Hauswirtschaftsraum ihres ehemals gemeinsamen Hauses im Grünberger Ortsteil Harbach. Der gebürtige Kasachstaner mit deutschem Pass schoss ihr von hinten in den Kopf.

Nach der Tat rief der Angeklagte seinen Anwalt an und stellte sich später der Polizei.

Wegen Mordes aus niederen Beweggründen und dem Besitz illegaler Waffen muss sich der Mann, der in Reiskirchen einst eine Baufirma betrieb, vor der fünften großen Strafkammer des Landgerichts Gießen verantworten.

Staatsanwalt Friedemann Vorländer stellte während der Verlesung der Anklageschrift fest, dass der Angeklagte seiner Frau das Recht zu Leben aberkannt habe.

Herrisches Verhalten

Die Eheleute lebten seit Juli des Vorjahres voneinander getrennt. Die Ehefrau bewohnte von da an allein das ehemals gemeinsame Haus, das zum Tatort wurde. Die Noch-Gattin wollte sich dem herrischen Verhalten des Angeklagten entziehen und sei offen für eine neue Beziehung gewesen, erläuterte der Staatsanwalt. Allerdings habe ihr gewalttätiger Ehemann die Trennung nicht verkraftet.

Bereits im Oktober 2021 musste die Polizei einmal anrücken um den Mann zu bremsen. Daraufhin sei ein Annäherungsverbot erwirkt worden. »Den Wunsch nach Unabhängigkeit hat sie letztlich mit dem Leben bezahlt.«

Was sich genau am Tattag in dem Einfamilienhaus genau abgespielte, wird nun ergründet. Er und seine Frau waren im Haus allein. Der leicht untersetzte Mann hörte sich die Anklagepunkte ohne Gemütsregung an und äußerte sich nicht zu den Tatvorwürfen.

Laut Staatsanwalt liegt der Tatzeitraum zwischen 21 Uhr und 21.55 Uhr. Allerdings erst gegen 0.52 Uhr am Folgetag meldete sich sein Anwalt Artak Gaspar bei der zuständigen Polizeistation in Grünberg um das Tötungsdelikt seines Mandanten mitzuteilen. Der Polizeibeamte, der damals das Gespräch entgegennahm, war für einen Augenblick etwas irritiert vom Inhalt des Anrufs. »Ich überlegte für einen kurzen Augenblick, ob es sich um einen bösen Scherz handeln würde. So einen Anruf bekommt man ja nicht alle Tage«, sagte er als Zeuge am ersten Verhandlungstag. Es war kein Scherz. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings noch nicht sicher, ob die Frau noch leben könnte oder bereits tot war.

Als die Polizei später in Harbach eintraf, standen Anwalt und Täter vor dem Haus. Die Polizisten betraten das Gebäude durch die Garage und fanden in der Waschküche die Leiche. Eine Kugel steckte im Kopf, drei weitere hatten sie verfehlt.

Die Tatwaffe und eine weitere Pistole lagen im Fahrzeug des Angeklagten. Den Autoschlüssel dazu übergab der Verteidiger den Polizisten.

Mit der Tat geprahlt

Laut übereinstimmender Aussagen der Beamten vor Ort wirkte der »Ex« angetrunken und brüstete sich später noch mit der Tat, indem der die Hand zu einer Pistole formte und eine Schießbewegung zeigte. Sie beschrieben ihn als feindselig, aufgebracht und überheblich. Er habe teilweise belustigt und heiter gewirkt. »Jedenfalls in keiner Weise den Umständen angebracht«, beschrieb ein Beamter sein Verhalten. Er müsse durch die Garage ins Haus gekommen sein, denn an seinem Schlüsselbund seien zwar Schlüssel zur Garage und einer weiteren Tür gewesen, jedoch kein Haustürschlüssel, stellten die Polizeibeamte fest. »Wenn die Verbindungstür zwischen Garage und der Waschküche verschlossen gewesen wäre, hätte der Angeklagte nicht in das Haus gelangen können«, resümierte daraufhin dessen Verteidiger Gaspar.

Ein Nachbar, der als Zeuge aussagte, beschrieb den ehemaligen Bauunternehmer als freundlichen Menschen, mit dem er ab und zu gerne einmal ein Bierchen getrunken hätte. Auch im angetrunkenen Zustand sei er nie aggressiv geworden. Zu dessen Ehefrau habe er kaum Kontakt gehabt.

Allerdings bestätigte er, dass er in der Zeit nach der Trennung beobachtet habe, wie sie dreimal von einem fremden Mann abgeholt worden sei. Am Heiligabend habe er den Bekannten abends noch auf der Straße getroffen, wie er in Richtung des Hauses seiner Ex-Frau gefahren sei. Man habe sich gegrüßt und der Bauunternehmer habe zu ihm gesagt: »Ich will nach Hause. Ich muss etwas klären.« Dies habe ihn verwundert, da er bei einem früheren Zusammentreffen das Gefühl gewonnen hatte, dass dieser mit der Trennung abgeschlossen habe.

Auch habe er den Angeklagten in der Zeit zwischen Heiligabend und dem 29. Dezember immer wieder alleine in der Küche des Hauses sitzen sehen.

Am Tatabend habe er mitbekommen, wie dieser einmal in Richtung des Hauses fuhr und kurze Zeit später wieder davon.

Der Prozess wird am 9. Dezember fortgesetzt.

Auch interessant