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Der Schriftzug »1907« ist deutlich erkennbar, doch eingeweiht wurde die Kirche erst am 9. August 1908.

Evangelische Kirche Leihgestern

Jahreszahl 1907 an der Kirchenfront sorgt für Irritation

An der Frontseite der evangelischen Kirche Leihgestern prangt die Jahreszahl 1907, doch der Einweihungsgottesdienst der Kirche fand erst im August 1908 statt.

Linden (twi). Die Jahreszahl 1907 auf der Frontseite der evangelischen Kirche in Leihgestern lässt zwar auf den 115. Geburtstag des Gotteshauses in diesem Jahr schließen, doch dem ist nicht so.

Wie der im vergangenen Jahr verstorbene Pfarrer Robert Kraft, der seine Kindheit in direkter Nachbarschaft zur Kirche verbrachte, zum 100-jährigen Kirchenjubiläum 2008 ausführte, war auch ihm nicht bekannt, weshalb sich diese Jahreszahl an diesem Ort findet. »Die Zahl 1907 habe ich von Kind an in großen Buchstaben an unserer Kirche gelesen. Doch ich habe von niemandem erfahren, was sie eigentlich bedeutete. Eigentlich hätte es die Jahreszahl 1908 sein müssen, denn wir feiern 2008 das 100. Jubiläum der Wiedereinweihung der ›neuen‹ Kirche, nachdem im Jahr 1906 die ›alte‹ Kirche bei einem Gewittersturm eingestürzt war«, so Kraft.

Erste Jubiläumsfeier nach 75 Jahren

Dieser wunderte sich auch, dass weder ein silbernes noch ein goldenes Kirchenjubiläum 1958 gefeiert wurde. »Erst im 75. Jahr ihres Bestehens wurde ihrer Geschichte gedacht«, verwies Kraft auf eine von Pfarrer Heinrich Schäfer, der von 1946 bis 1975 die Geschicke der Gemeinde leitete, und Kirchenvorsteher Hans-Joachim Häuser verfasste Festzuschrift zum 75-jährigen Bestehen. Der Kirchenchor wurde seinerzeit zur Einweihungsfeier des neu errichteten Gotteshauses gegründet.

Am 31. Mai 1906 zog ein schweres Gewitter mit heftigen Sturmböen um 19.15 Uhr über Leihgestern hinweg und brachte das Kirchenschiff zum Einsturz. Das die zuletzt in den Jahren 1792 bis 1797 renovierte und erweiterte Kirche bei einem Gewittersturm eingestürzt war, passte nicht in den historischen Stolz der Leihgesterner. Das Unwetter, das von einigen sogar als »Gottesurteil« angesehen wurde, führte eine Entscheidung herbei, um die sich zuvor die Bürger bereits heftig gestritten hatten. Da die Baulast bei der bürgerlichen Gemeinde lag, wurde eine gemeinschaftliche Sitzung von Kirchenvorstand und Gemeinderat einberufen, bei der beschlossen wurde, ein Kirchenschiff auf Kosten der Gemeinde zu erbauen und mit einer Zentralheizung zu versehen. Bald darauf wurde mit dem Bau begonnen, so dass schon am 9. Mai 1907 die feierliche Grundsteinlegung stattfinden konnte. Und auf dieses Ereignis dürfte sich auch die Jahreszahl an der Kirche beziehen.

Streit um Neubau oder Renovierung

Die »alte« Kirche war für die ständig wachsende Gemeinde zu klein geworden. Die Kirchengemeinde mit Pfarrer Karl Strack wünschte sich einen Neubau. Die Baulast oblag damals der bürgerlichen Gemeinde, und der Gemeinderat lehnte einen Neubau ab. Vielmehr sei eine Renovierung mit Einbau einer dritten Empore völlig ausreichend, argumentierten die Mitglieder des Gemeinderats. Der Streit über Neubau und Renovierung ging jahrelang hin und her, und die Einwohner des Dorfes nahmen lebhaft Anteil daran.

Das heftige Unwetter, das zum Einsturz der Kirche führte, richtete auch in der Umgebung großen Schaden an. Gewölbe, Orgel, Empore und ein Teil des Gestühls wurden zertrümmert. Der Kirchturm blieb unversehrt. Doch jetzt herrschte Klarheit. Es musste neu gebaut werden. Auch diejenigen, die zuerst gegen einen Neubau waren, setzten sich nun dafür ein, dass nicht das Gebäude in seiner alten Form errichtet wurde. Am 9. August 1908 fand die feierliche Einweihung mit Vertretern von Kirche und Staat, Universität und der Behörden statt. »Natürlich freute man sich nun auch über die schöne ›neue‹ Kirche, doch Stolz konnte offenbar aufgrund der Vorgeschichte nicht aufkommen«, folgert Pfarrer Kraft, weshalb erst das 75- und 100-jährige Jubiläum gefeiert wurden.

Dabei erlebte das Gotteshaus und das Gemeindeleben unmittelbar nach dem Krieg und in den 50er Jahren unter Pfarrer Schäfer seinen Höhepunkt. Pfarrer Kraft beschrieb diese Zeit wie folgt: »Viele Alltäglichkeiten und Selbstverständlichkeiten sollen nicht unerwähnt bleiben. In unserer Kirche wurde ›gebündelt‹, was im Ablauf des Lebens eines jeden geschah. Auch wenn nach der Geburt eines Kindes die Taufe nicht in der Kirche, sondern im Geburtshaus stattfand, so wurde jedoch die Mutter am darauf folgenden Sonntag ›ausgebetet‹. Bei ihrem ersten Kirchgang nach der Geburt wurde sie namentlich in das Fürbittengebet eingeschlossen. Vorher durfte sie das Haus nicht verlassen, noch nicht einmal aus dem Fenster gucken, das heißt ›kein Fensterkreuz über sich haben‹. War ein Kind gleich nach der Geburt gestorben, wurde es abends beim ›Nachtläuten‹ von der vorgesehenen Patin - allein, ohne sonstige Begleitung - in einem weißen Särglein auf den Friedhof gebracht und dort ohne Liturgie beerdigt. Sonntags zogen wir in Scharen in die Kirche zum Kindergottesdienst und hörten begeistert die biblischen Geschichten. Während der beiden (!) Konfirmandenjahre durften wir auch schon den ›richtigen‹ Gottesdienst besuchen. Nach der Konfirmation (damals zu Ostern zur Schulentlassung und zugleich zum Berufsbeginn) kamen noch drei Jahre ›Christenlehre‹ hinzu, die an festgesetzten Terminen nach dem Gottesdienst gemeinsam für die drei Jahrgänge vom Pfarrer mit Deutungen des Glaubens und Lebens in der Kirche gehalten wurde. Es fehlte kaum jemand. Bei der Eheschließung war die Kirchliche Trauung selbstverständlich. Die Braut kam im Brautkleid, der Bräutigam in ›Gehrock‹ und mit Zylinder. Weil sich das Brautpaar bei der Trauung die Hände reichen musste, fiel einem Konfirmanden die Aufgabe zu, während des Trauungsgottesdienstes den Zylinderhut des Bräutigams zu halten. Er wurde mit einem reichen ›Trinkgeld‹ belohnt, das er nach der Trauung mit den drei Konfirmanden teilen musste, die geläutet hatten. Bei Todesfällen wurde der Beerdigungsgottesdienst nach einem Leichenzug durch das Dorf am Grab gehalten. Im darauffolgenden Sonntag wurde, wie es heute noch üblich ist, Verstorbene und Angehörige ins Fürbittengebet eingeschlossen. Höhepunkt des Totengedenkens war jedoch der Totensonntag, der bei uns ›Totenfest‹ hieß. Die Gräber wurden, einem Wettstreit gleich, so ausgiebig geschmückt, dass sie einem Vergleich mit anderen standhielten. Nach dem Morgengottesdienst in der Kirche versammelte man sich nochmals zur Nachmittagsandacht auf dem Friedhof. Es kamen Hunderte. Nicht nur an den Wendepunkten des Lebens wirkte das Geschehen in der Kirche mit, sondern auch bei Festen und Höhepunkten des Jahres. Dabei ist manches verloren gegangen, das früher etwa zum Jahreswechsel üblich war. An Silvester in der Neujahrsnacht versammelten sich große Teile der Bevölkerung vor der Kirche und begrüßten das neue Jahr nicht nur mit Böllerschüssen, sondern auch mit Gesang.«

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