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»Jedes Land sollte seine Kritiker lieben«

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Von: Ingo Berghöfer

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Harvard-Präsident Lawrence S. Bacow nahm sich gestern viel Zeit, um mit Schülern der Clemens-Brentano-Europa-Schule zu diskutieren. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Ein Interview mit Harvard-Präsident und Merkel-Bewunderer Lawrence Bacow, der zur Einweihung von Gedenkstelen nach Londorf kam, aber auch mit Schülern sprach.

Lollar. Am Rande seines Besuchs der Clemens-Brentano-Europa-Schule in Lollar, wo der Präsident der Harvard-Universität, Lawrence S. Bacow, am Mittwoch mit Schülern diskutierte, bot sich die Gelegenheit zu einem Interview. In dem lobte Bacow vor allem eine ehemalige deutsche Spitzenpolitikerin, die ihn im persönlichen Gespräch tief beeindruckt hat.

Mr. Bacow, wie fühlen Sie sich heute, wenn Sie den Ort aufsuchen, an dem Ihre Mutter ihre ersten glücklichen Jahre verbrachte, aber auch einige der schlimmsten Erfahrungen ihres Lebens machen musste?

Ich bin jetzt zum dritten Mal hier, aber es fällt mir immer noch schwer, mich diesen Gefühlen zu stellen. Sechs Millionen sind nur eine Zahl. Das Leid, das sich hinter dieser Zahl verbirgt, kann man sich nicht vorstellen. Aber das Leiden eines Menschen rührt einen bis ins Mark. Meine Mutter war der einzige Mensch aus Londorf, der nach der Deportation in das Dorf zurückgekehrt ist. Und hätte sie das damals nicht geschafft, würde ich heute nicht hier stehen und mit ihnen allen reden können.

Haben sich Ihre Gefühle gegenüber Deutschland und den Deutschen im Laufe Ihres Lebens verändert?

Ich hatte das Privileg, ihre frühere Kanzlerin Angela Merkel zu treffen. Sie hielt vor vier Jahren eine Rede in Harvard und ich hatte anschließend die Gelegenheit, sie während eines ausführlichen Gesprächs näher kennenzulernen. Ich war von ihr enorm beeindruckt, sowohl von ihrer Menschlichkeit, als auch von ihrem Pflichtgefühl, sich der deutschen Vergangenheit zu stellen. Ich denke auch, dass Deutschland gut daran getan hat, seine Grenzen für Flüchtlinge und Immigranten zu öffnen. Das war eine sehr mutige Entscheidung von Merkel, die für sie und ihre politischen Mitstreiter auch nicht einfach umzusetzen und durchzuhalten war. Und das ist eine Haltung, die ich bewundere.

Diese Öffnung der Grenzen hat aber für jüdische Gemeinden auch neue Probleme gebracht. Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Gießen hat mir einmal gesagt, dass er sich scheut, seine Kippa zu tragen, weil er dann nicht von alten Nazis beschimpft werde, sondern von jungen Arabern.

Es gibt immer noch viel Hass und Fanatismus in der Welt. Muslime sind sowohl Träger dieses Hasses als auch dessen Opfer. Ich weiß noch genau, dass es nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center für Studentinnen, die den Hijab trugen, nahezu unmöglich war, durch die Straßen zu gehen, ohne belästigt zu werden.

Darum war es auch eine gute Entscheidung des damaligen Präsidenten George W. Bush, direkt nach dem Anschlag eine Moschee zu besuchen, um damit ein Zeichen zu setzen, dass nicht alle Muslime Terroristen sind.

Korrekt. Ich war am 11. September seit gerade mal zehn Tagen Präsident der Tufts-Universität in Massachusetts. Ich habe damals eine Rede gehalten, in der ich unsere Studenten aufgefordert habe, den Mitgliedern der muslimischen Gemeinden die Hand zu reichen, da sie genauso wenig für diesen Anschlag verantwortlich sind wie jeder andere von uns. Einer der Gründe, warum Fanatismus noch immer so eine fruchtbaren Nährboden findet, ist unsere Bereitschaft, für die Taten Einzelner ganze Religionsgemeinschaften oder ethnische Gruppen verantwortlich zu machen. So wie es gute und schlechte Deutsche gibt, gibt es aber auch gute und schlechte Juden oder Araber. Entscheidend ist immer, dass die guten Menschen ihre Stimme erheben, wenn der Fanatismus wieder sein hässliches Haupt erhebt.

Wir erleben in Deutschland zurzeit eine Diskussion über Antisemitismus in der Kunst im Rahmen der großen Kunstausstellung Documenta 15. Deren Kuratoren haben gerade Kritik an eindeutig antisemitischen »Kunstwerken« als »rassistisch« und »neokolonialistisch« zurückgewiesen.

Antisemitismus ist die älteste Form von Fanatismus in der Welt. Ich war bereits Präsident von Harvard, als unsere Studenten-Zeitung die antiisraelische Boykottbewegung »BDS« unterstützte. Ich habe ihr Recht verteidigt, das zu veröffentlichen, weil ich an die Pressefreiheit und die Meinungsfreiheit glaube. Aber auch Universitätspräsidenten haben das Recht auf eine eigene Meinung und daher verurteile ich selbst die BDS-Bewegung. Was ich übrigens in den letzten Jahren in vielen Ländern zunehmend vermisse, ist die Wertschätzung von Kritikern. Menschen, die ihrem Land den Spiegel vorhalten, in dem man erkennen kann, was dieses Land ist und was nicht, sind so wertvoll und sie werden doch so wenig geliebt.

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