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»Jetzt sind sie alle hier«

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Von: Debra Wisker

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Lawrence Bacow und seine Familie verweilen vor den Stelen. Foto: Wisker © Wisker

Zur Erinnerung an die jüdischen Mitbürger wurde im Beisein ihrer Nachfahren in Londorf eine Gedenkstätte eingeweiht.

Rabenau . Es hat lange gedauert, fast 80 Jahre mussten vergehen, bis die ehemaligen jüdischen Mitbürger in Londorf eine Würdigung erfuhren, die ihnen mehr als zusteht. 16 Stelen in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Synagoge legen nun Zeugnis davon ab, dass das mörderische Regime des Dritten Reichs auch vor diesem Dorf nicht Halt gemacht hat.

»Sechs Millionen - eine unfassbar große Zahl«, blickt Jens Hausner, Initiator der Erinnerungsstätte, auf die schreckliche Bilanz des Holocaust zurück. Im voll besetzten Gemeindesaal der evangelischen Kirche herrscht Stille. Manch einem stockt der Atem, es fließt hier und da eine leise Träne. Zu Gast sind die Nachfahren der Familien Jonas, Schönfeld, Blumenthal, Adler und Wertheim. Kinder und Enkelkinder der Menschen, die einst Teil der Londorfer Dorfgemeinschaft waren, Kinder und Enkelkinder der Menschen, die am 14. September 1942 deportiert wurden, die zuvor schon Verfolgung, Schmähungen und Gewalt erfahren hatten.

Jeder Name eine Geschichte

Unter den Gästen aus den USA ist auch Lawrence Bacow, Präsident der Harvard-Universität (Cambridge, Massachusetzs) und Sohn von Ruth Wertheim. Es war zunächst dieser Name, Ruth Wertheim, der Jens Hausner aufhorchen ließ. Mehr Namen und somit auch mehr Schicksale kamen hinzu. »Jeder Name eine erschütternde Geschichte.« Hausner forschte nach, ließ nicht locker, bis aus vielen Puzzleteilen ein Bild entstand, das eine grässliche Geschichte erzählte. Gemeinsam mit Karen Jungblut (Digitale ErinnerungsWerkstatt) und dem Verein für Heimat- und Kulturgeschichte um den Vorsitzenden Wolfgang Sommerlad erreichte er sein Ziel, nämlich die Erinnerung an die jüdischen Mitbürger wach zu halten. »Shalom heißt nicht nur einfach ›Frieden‹. Es heißt Frieden nach innen und nach außen«, konstatiert Pfarrer Frank Leissler Zu dem Wunsch nach Frieden gehöre unweigerlich auch das Gedenken. Mit Blick auf das Dritte Reich findet Leissler deutliche Worte: »Wenn mehr Leute ihren Arsch in der Hose gehabt hätten, wäre die Shoah, die Massenvernichtung der Juden in Deutschland, nicht möglich gewesen.« Er sei froh, dass nun die Gedenkstätte die Namen benenne, die Namen derer, die einst in Londorf lebten. »Ganz normale Nachbarn, die nichts anderes wollten als die Sonne in Frieden auf- und untergehen sehen. Angesichts der Gräuel der Nazizeit solle man Courage zeigen und den Wert des Friedens hochhalten.

Vom »dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte« sprach Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich. Diese Zeit habe eine Dynamik entfaltet, die heute noch erschauern lasse. Auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 sei die systematische Auslöschung der deutschen Juden geplant worden. »Nur wenige Monate später, im September 1942, wurden in Londorf die letzten jüdischen Mitbürger deportiert.«

Jens Hausner hatte dazu zuvor aus den Erinnerungen eines Zeitzeugen berichtet. Der damals zehnjährige Ludwig Schomber habe beobachtet, wie die Nachbarn abgeholt wurden. »Ein Laster mit offener Pritsche hielt vor dem Haus, über eine Leiter wurden die jüdischen Mitbürger hinaufgetrieben. Der Laster fuhr weiter, stoppte wieder. So lange, bis die jüdische Gemeinde in Londorf ausgelöscht war«, so Hausner. Christoph Ullrich betonte, es sei ein Segen, dass die Kinder und Enkelkinder an diesem Tag hier seien. Ein Teil des gerne zitierten »Nie wieder« sei es, sich die Geschehnisse immer wieder vor Augen zu führen, an sie zu erinnern. Was damals geschehen sei, sei »ein Unrecht, das kaum mörderischer hätte sein können.« Er dankte allen, die dazu beigetragen hätten, dass die Menschen, »die mal Nachbarn waren, nicht vergessen werden.«

Dem schloss sich auch Rabenaus Bürgermeister Florian Langecker an. »Ich habe allen Respekt davor, dass Sie an den Ort kommen, an dem ihren Vorfahren so viel angetan wurde. Das zeigt eine Größe, vor der ich mich verneige«, wandte Langecker sich an die Angehörigen der Opfer des Nazi-Terrors. Seine Grüße gingen an die Nachfahren von Ruth Wertheim aus der Kirchgasse 12: Lawrence Bacow und seine Ehefrau Adele, ihre Söhne Jay und Ken sowie Wertheims Tochter Elaine Simonson. An die Nachfahren der Familie Will Jonas aus der Gießener Straße 49: Sohn John Jonas mit Sohn Jared Jonas und Schwiegertochter Cynthia Will. An die Nachfahren der Familie Bertie Blumenthal aus der Gießener Straße 84: Sohn Paul Liffmann und seine Ehefrau Carol Kazmer. An die Nachfahren der Familie Siegbert Schönfeld: den Enkel Zachary Schonfeld. All diese Namen, all diese Familien tragen die Geschichte ihrer Vorfahren in sich.

Lange Zeit, so Langecker, habe man den Mantel des Schweigens über diese Geschichte gelegt. »Warum haben wir es erst 2019 geschafft, eine Gedenktafel zu installieren? Warum nicht früher?« Man habe sich nicht erinnern wollen, habe ausgeklammert, was das eigene Selbstbild stören könne.

Auch seine eigene Generation sei im Ungewissen geblieben. Bevor Langecker Bürgermeister wurde, war er Polizist. »So wurden mir auch während meiner Frankfurter Polizeizeit die Verbrechen des in der Gutleutkaserne untergebrachten Polizeibataillions ins Blickfeld gebracht. Frankfurter Polizeibeamte, Berufskollegen von mir, hatten in Polen und Russland mehrere Zehntausende von Menschen jüdischen Glaubens ermordet. Darunter Säuglinge, Kinder und Frauen. Nur wenige wurden verurteilt«, so der Bürgermeister. Es sei für ihn unfassbar, dass Verbrecher im Dienst der Allgemeinheit gestanden hätten. Langecker erzählte, dass auf dem Einschulungsfoto von Ruth Wertheim aus dem Jahr 1934 auch seine Großmutter zu sehen sei. Nicht nur das. An gleicher Stelle habe er 55 Jahre später, ebenfalls zur Einschulung, dort auf dem Schulhof gestanden. Es habe ihm gezeigt, dass die Geschichte der Londorfer Juden auch Teil seiner eigenen Geschichte sei.

Das, was sich in der ersten Hälfte des vergangen Jahrhunderts ereignet habe, dürfe sich nicht wiederholen. »Jedes Schweigen, Zu- oder Wegschauen, Neutralität gegenüber dem Unrecht, den Kopf in den Sand stecken, Duckmäusertum, legt den Baustein für einen Unrechtsstaat. Mögen die Stelen die Erinnerung an die jüdischen Bürger wachhalten und damit einen Beitrag leisten, dass ein jeder bei uns für immer in Recht und Freiheit leben kann«, schloss Langecker. Die Feier im Gemeindehaus wurde musikalisch von der Band »Classic« umrahmt.

»Habe sie nie kennengelernt«

Im Anschluss ging es von dort durch die Straßen und Gassen, in denen einst auch die jüdischen Mitbürger lebten, zur Gedenkstätte. Nachdem die Nachfahren der Opfer der Nazis ein blaues Band durchschnitten hatten, war es ihnen vorbehalten, in aller Ruhe die Stelen anzuschauen. Namen wurde vorgelesen, die Schilder, auf denen sie nun verewigt sind, sachte berührt.

»Ich habe von ihnen gehört, von meinen Urgroßeltern, Großeltern, meinen Verwandten, habe sie aber nie kennengelernt«, Lawrence Bacow blickt über die Gedenkstätte, die Stelen mit all den Namen und lächelt leise: »Jetzt sind sie alle hier.«

(Weiterer Bericht siehe auf Seite 30)

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Die Familien der einstigen jüdischen Mitbürger durchschneiden das Band zur Gedenkstätte. Foto: Wisker © Wisker

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