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Jugendzeitschrift für die Siegerin

Erstellt:

Von: Felix Müller

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Lena Stokoff setzte sich mit einem Text über das Erwachsenwerden durch. Foto: Müller © Müller

Poetry-Slam-Reihe im neuen Zuhause: Lena Stokoff aus Tübingen überzeugt im Jokus in Gießen

Gießen . Der Ort des Geschehens hat sich zwar geändert, nicht aber die Art und Weise. Erstmals fand die von Stefan Dörsing und Benedict Hegemann ins Leben gerufene Poetry-Slam-Reihe im neuen »Zuhause« statt - dem Jokus. Dabei ging es gewohnt wild und anarchisch, aber auch kritisch, bissig zur Sache. Gleich acht Wortakrobaten fanden sich zur ausverkauften Premiere ein und kämpften mit vielschichtigen Texten um die Gunst des Publikums und die wie immer »spektakulären« Preise. Diesmal: Ein Bravo-Magazin, ein zuckerhaltiges Getränkepulver sowie ein Durstlöscher mit der Geschmacksrichtung Zitrone.

Im Grunde konnten an diesem Abend gleich drei Debüts gefeiert werden. Neben dem »Richtfest« im Jokus, standen Luisa und Mert Tekeli das erste Mal auf einer Bühne und bestanden ihre Feuertaufe mit Bravour. »Ich war im Dezember erstmalig auf einem Poetry Slam, als Zuschauerin. Jetzt, einen Monat später, stehe ich selbst auf der Bühne. Das ist schon ein bisschen verrückt«, berichtete Luisa zu Beginn ihres Vortrags. Ihr Text, »Dinge, die ich mag«, war einerseits ein persönlicher Rückblick auf das vergangene Jahr - mit all seinen Höhen und Tiefen. Andererseits war es auch ein Ausblick, auf das was noch kommt. »Frag dich auch mal, was kann ich anderen geben und vergiss niemals die Kraft des Vergebens. Denn so kommst du gut durch das Spiel des Lebens.«

Mert Tekeli kritisierte bei seinem »Debütanten-Ball« vor allem die Prinzipien und damit einhergehenden Probleme der heutigen Leistungsgesellschaft. »Woher kommt der Drang zur Perfektion, woher der Wunsch nach dieser Illusion? Primär auf sich selbst fixiert, das eigene Wohl an erster Stelle, vieles ist oft inszeniert und als Inspiration dienen vorgegebene Modelle.«

Äußerst humorvoll berichtete Henrik Szanto aus Hannover von einem Schrecken, »der jeden an einem gewissen Tag einholt: 30 Jahre alt werden. »Mit 30 sind wir Virtuosen auf der Klaviatur des eigenen Scheiterns. Mitunter schauen junge Menschen zu uns auf, völlig gebannt, wenn wir von Kassetten erzählen, als wären wir die Stammesältesten.«

Ebenfalls auf die Lachmuskeln zielte Poetry Slammer Bernard Hoffmeister aus Düsseldorf, der sich bei all den aktuellen Krisen am liebsten »die letzte Krise zurückwünscht«. »Deswegen habe ich einen Corona-Text mitgebracht, der da lautet: Einsfünfzig. Ein Poetry-Slam-Text ist wie ein Lockdown: Man ist genervt, aber kann nicht weg«, witzelte der Künstler.

Dass es bei einem Dichterwettstreit aber nicht nur humorvoll, sondern auch emotional und kritisch zugeht, zeigte Leah Weigand aus Marburg, die zunächst mit einer Art Liebesgedicht startete. »Du hast manchmal einen an der Waffel oder gehst mir auf den Keks. Doch mit dir im Gepäck bin ich stets gerne unterwegs.« Mit diesen Zeilen wog sie das Publikum aber nur in Sicherheit, bevor ein Rundumschlag folgte, der Kinderarbeit, soziale Ungerechtigkeiten und Profitgier anprangerte und dabei immer wieder mit »schokoladigen« Argumenten daherkam. »So bleibt es für den Einen zart, für den Anderen bitter, weil der Eine gerne spart und dabei verdient ein Dritter.«

In eine ähnliche Kerbe schlug Martin Weyrauch aus Frankfurt, der den Blick »auf eine nicht ganz so süße Zukunft« warf. »Bevor ich mich an den Text gesetzt habe, habe ich eine Nestlé-Doku gesehen und den Film ›Charlie und die Schokoladenfabrik‹ geschaut - vielleicht merkt man das«, sagte Weyrauch und legte anschließend den Finger tief in die Wunde. »Am Fließband stehen 1000 Wesen, Menschen waren sie einst gewesen. Doch nun sind sie bloß Seelenspender kontrolliert vom Lebenspfänder, den wir Nestlé nennen und so selten von unserem Leben trennen.«

Der ebenfalls in Frankfurt lebende Tim Kuppler thematisierte das »andere Ende der Bevölkerungspyramide«. Mit seinem »Alter« getauften Text, der geprägt war von der Angst vor Veränderungen, die vor allem die ältere Generation betrifft, sorgte er für Lach- und Sorgenfalten zugleich.

Lena Stokoff aus Tübingen sicherte sich neben Leah Weigand und Tim Kuppler mit ihrem emotionalen, ehrlichen Text über das »Erwachsenwerden« und die damit einhergehenden Veränderungen einen Platz im Finale. Geschickt verglich die Tübingerin ihre kindliche Sicht auf die Dinge mit ihrem erwachsenen Ich. »Wenn ich am Samstag heimfahre, dann streiten wir wieder. Weil sie so viel an mir nicht verstehen und ich so viel an ihnen nicht mehr. Wir sprechen nicht mehr die gleiche Sprache, aber immer noch miteinander.«

In einem Herzschlagfinale, in dem die drei Finalisten einen weiteren Text zum Besten geben durften, setzte sich Lena Stokoff hauchdünn gegen Weigand und Kuppler durch und freute sich über ein brandaktuelles Bravo-Magazin. Der nächste Poetry Slam im Jokus findet am 16. Februar statt. Infos unter hessenslam.de

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