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»Kein Freifahrtschein für alles«

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Die Masken fallen. Doch es gibt weiterhin Bereiche, in denen sie getragen werden müssen. Symbolfoto: dpa © Red

Auch wenn das Tragen von Mund-Naseschutz ab heute gelockert wird, gibt es Bereiche in denen es weiterhin nötig ist. Hier eine Übersicht.

Kreis Gießen (twi). Ab heute fallen in Hessen die Masken weitestgehend, bis auf sensible Bereiche und im Nahverkehr. Oft ist aber trotz Einschränkung auch FFP2 obsolet. Weiterhin heißt es daher, an Eingängen genau die Beschilderung zu studieren, was denn nun genau gilt. Der Anzeiger hat sich im Kreis beispielhaft umgehört, wie es jetzt weitergeht.

Apotheken

Allzu verständlich sind die Gründe, die Apothekerin Dr. Pia Wißner von der Elch-Apotheke in Großen-Buseck anführt, dass hier auch künftig nicht auf die Maske verzichtet werden kann. Es sei nicht zu verantworten, dass bei einem größeren Andrang dann Patienten mit anderen Patienten in Kontakt treten. Da sei das Infektionsrisiko ohne Maske einfach zu groß. Und auch in der Goethe-Apotheke in Großen-Linden gilt weiterhin Maskenpflicht. »Ob nun medizinische oder FFP2-Maske, Hauptsache Maske«, so Apotheker Markus Wilde.

Kliniken

Was gilt in den Krankenhäusern? »Die FFP2-Maskenpflicht bleibt in unserem Haus weiterhin bestehen und gilt für alle Personen, die unsere Klinik betreten. Bereits seit dem 7. März ist das Besuchsverbot aufgehoben und Besucher dürfen nach der 3G-Regel unsere Klinik betreten. Diese Regelung bleibt bestehen«, teilte Patricia Rembowski von der Asklepios-Klinik Lich mit und auch im Gießener Uniklinikum wird weiterhin eine FFP2-Maske benötigt. »Als Klinikum sind wir in der besonderen Verantwortung. Die Zugangsregeln sind 2G-Plus. Einzige Änderung: Besucher müssen nun nicht mehr den Covid-19-Fragebogen ausfüllen«, versicherte Pressesprecherin Christine Bode.

Pflegeheime

In den Altenpflegeeinrichtungen behalten die bestehenden Hygienekonzepte ihre Gültigkeit, heißt weiterhin. Maskenpflicht besteht für Besucher und Mitarbeiter. »Bewohner tragen den Mund-Nasen-Schutz, wenn sie dies tolerieren können, dann, wenn sie sich außerhalb ihres Wohnbereiches bewegen«, so die Einrichtungsleiterin des Johannesstifts in Gießen und des Seniorenzentrums in Linden, Christa Hofmann-Bremer. Auch die Testungen bleiben, zweimal wöchentlich für Bewohner und auch zweimal wöchentlich für Mitarbeiter.

Alles ändere sich jedoch bei einer Infektionslage. »Aktuell haben wir im Seniorenzentrum Linden zwei Bewohner, die mit Covid infiziert sind und einen Mitarbeiter. Besucher müssen ein negatives Testergebnis bei Eintritt vorweisen oder eben sich in der Einrichtung testen lassen«, so die Einrichtungsleiterin. Diese hofft sehr, dass sich bezüglich der Quarantänepflicht auch in Deutschland bald etwas ändert, denn den Bewohnern gehe es in der Regel trotz Infektion gut und diese verstehen nur schwer, warum sie bis zu zehn Tage das Zimmer nicht verlassen dürfen. »Wie viele Quarantänen sollen denn unsere Senioren noch durchleben?«

Supermärkte

Bei den Discountern ist das einfach, hier fällt konzernweit die Maskenpflicht. Daher stellte am Freitag Rewe-Marktinhaber Alexander Marchel in Linden das große Hinweisschild zum Tragen von FFP2-Masken letztmals vor die Eingangstür. »Maske soll, kann, muss nicht« heißt ab heute die Devise. Kunden wie auch Mitarbeitern wird laut Marchel das Tragen einer Maske empfohlen. »Pflicht aber ist es nicht mehr, das kann nun jeder selbst entscheiden«, so Marchel.

Einzelhandel

»Eine Pflicht zum Tragen der Maske wäre keine dauerhafte Lösung«, begrüßt der Handelsverband Hessen den Wegfall der Maskenpflicht und erinnert dabei daran, dass es vor allem die Restriktionen waren, die seit Beginn der Pandemie viele Handelsunternehmen in existenzbedrohender Weise trafen. Dabei habe der Handel in diesem Zeitraum bewiesen, dass er kein Infektionstreiber sei. »Das Tragen von Masken ist dabei ein wirksamer Schutz«, so der Präsident des Handelsverbandes Hessen, Jochen Ruths. In der heimischen Einkaufsmeile Nummer eins, dem Seltersweg in Gießen, werden deshalb auch die Masken fallen. »Wir können keinem Geschäftsinhaber vorschreiben, ob er seinen Kunden und Mitarbeitern weiterhin eine Maske vorschreibt. Wir empfehlen unseren Kunden und Mitarbeitern weiterhin eine Maske, aber es ist natürlich keine Pflicht. Große Ketten wie H&M, C&A, Saturn und Mediamarkt haben ihren Filialen schon vorgegeben, dass die Maskenpflicht fällt«, teilte Geschäftsführer Markus Pfeffer vom BID Seltersweg mit.

Er selbst, der von Covid heimgesucht wurde, empfehle allerdings jedem persönlich das Tragen einer Maske.

Gaststätten

»Es ist jetzt eigentlich wieder wie vor Corona. Es ist schön, die Leute wieder mal zu sehen. Wer will, kann natürlich gerne weiter seine Maske tragen, aber auch für uns und die Mitarbeiter ist es eine Erleichterung, nicht mehr mit Maske herumlaufen zu müssen - vor allem hoffentlich dann auch im Sommer im Biergarten«, freute sich Philipp Arnold V. vom Landgasthof »Zum Löwen - beim Philipp« in Leihgestern und bringt damit stellvertretend das zum Ausdruck, was den gesamten Berufsstand in der Gastronomie erfreut, denn nun müssen auch keine Impfnachweise mehr kontrolliert werden.

Friseure

»Wer will, der kann«, begrüßt Georges Gabriel ebenfalls den Wegfall der Maskenpflicht. Der Inhaber des gleichnamigen Friseurstudios in Linden war im Januar gebeutelt worden, weil die Maskenpflicht von seinen Angestellten angeblich nicht eingehalten wurde, obwohl er sich an die Vorschriften hielt. Es stellte sich heraus, auch Ämter machen Fehler - und der Bescheid wurde zurückgezogen.

Banken

Weiterhin geht nichts ohne Maske bei den heimischen Kreditinstituten. Wie Sprecherin Marina Böcher von der Sparkasse Gießen mitteilte, werde vorerst an der Maskenpflicht für Kunden und Mitarbeiter festgehalten, »weil uns die Gesundheit unserer Kunden und Mitarbeiter wichtig ist. Die Maskenpflicht dient zum gegenseitigen Schutz und der Rücksichtnahme untereinander. Alternativ können Kunden gerne unser digitales und telefonisches Angebot nutzen«. Und auch die Volksbank Mittelhessen hält an der Maskenpflicht fest, hebt Unternehmenssprecher Dennis Vollmer hervor. »Bis auf Weiteres sind Kunden sowie alle Mitarbeiter gehalten, in den Räumlichkeiten der Bank OP- oder FFP2-Maske zu tragen. Das gilt vor allem im persönlichen Kontakt wie zum Beispiel bei Beratungsgesprächen.«

Zudem teilte Vollmer mit, dass gerade die hohen Inzidenzen bei der Bank zu mehr krankheits- beziehungsweise quarantänebedingten Ausfällen beim Personal führen. Dies habe zur Folge, dass vereinzelt Filialen unbesetzt und zeitweise geschlossen bleiben. »Das Tragen von Masken reduziert das Infektionsrisiko«, betont auch Volksbankvorstand Dr. Lars Witteck.

Politik

Eine Sonderrolle in Zeiten der Pandemie nimmt die Politik ein. Ihr wurde gerichtlich Präsenz in Parlamentssitzungen vorgeschrieben, wegen der Wichtigkeit der Öffentlichkeit bei politischen Entscheidungen. Ein langjähriger Kommunalpolitiker stellte im Übrigen fest, dass man »als Politiker ja stets unter Beobachtung steht«. Und ab und an war es auch die Presse, die auf Ungereimtheiten unangenehm aufmerksam machte.

Der Kreistagsvorsitzende Claus Spandau und der Leiter der Stabsstelle Kreisgremien und Öffentlichkeitsarbeit beim Landkreis Gießen, Thomas Euler, betonen in einem Statement: »Die Erfahrungen haben gezeigt, dass wir durch unsere Maßnahmen die Infektionen in den Sitzungen verhindern konnten.

Wir haben in der Zeit der Pandemie stets sehr großen Wert auf den Schutz der Teilnehmer an unseren Sitzungen gelegt und versucht, immer auf der sicheren Seite zu sein und den größtmöglichen Schutz für die Sitzungsteilnehmer und Besucher zu gewähren«, so Spandau. Wie das Thema Maske zukünftig im Kreistag gehandhabt werden soll, werde der Ältestenrat nächste Woche beraten.

Kreisverwaltung

Die Kreisverwaltung Gießen hält weiterhin an der Maskenpflicht und der 3G-Regel fest, teilte deren Pressestelle noch am Freitag mit. Dies gilt sowohl für den Hauptsitz am Riversplatz in Gießen als auch für alle Außenstellen der Kreisverwaltung. Auch die Mitarbeiter der Kreisverwaltung müssen auf den Fluren und bei Kundenkontakt weiterhin vorsorglich Masken tragen, damit sie vor einer Coronainfektion geschützt sind.

Weil sich derzeit viele Menschen mit dem Coronavirus ansteckten und schon jetzt zahlreiche Beschäftigte gesundheitsbedingt ausfallen würden, sieht die Verwaltungsleitung ansonsten die Arbeitsfähigkeit in Gefahr.

Fabian Wedemann ist Stadtverordnetenvorsteher in Linden: »Einerseits ist die Sieben-Tage-Inzidenz noch immer sehr hoch, andererseits bekomme ich in meinem Bekanntenkreis nahezu keine schlimmen Verläufe mit. Dass die Regeln gelockert werden, sollte nur nicht als ›Freifahrtschein‹ für alles verstanden werden. Ich finde, dass gesunder Menschenverstand an der Stelle sehr weiterhilft«, und verweist vor diesem Hintergrund darauf, dass nichts dagegen spricht, künftig Sitzungen ohne Maske durchzuführen, »da die Abstände immer eingehalten werden können. Ziel ist es, sobald es die Entwicklung zulässt, schnellstens wieder in den Sitzungssaal zurückzukommen, um die Stadthalle wieder mehr für Sport zur Verfügung zu stellen«.

Damit spricht er ein Problem an, das in vielen Kommunen für Verärgerung bei Sportlern sorgte, nämlich als diese endlich nach langer Sperre wieder aktiv werden konnten - dann aber ihre Hallenzeiten wegen Sitzungen der politischen Gremien gestrichen wurden.

Dass demnächst Hallen mit Schutzsuchenden gefüllt werden könnten, war damals natürlich noch kein Thema.

Der Anzeiger befragte auch Kunden vor Einkaufsmärkten in Linden und Pohlheim. Hier waren sich alle einig, dass sich die Maskenpflicht »echt schon lange hinzieht«.

Verwiesen wurde darauf, dass andere Länder wie etwa Niederlande und Dänemark diese schon aufgehoben haben, das Virus weniger gefährlich sei und deshalb nun endlich wieder »zum normalen Leben zurückgekehrt werden sollte«. Nicht jeder wollte allerdings in der Zeitung erscheinen.

Adelheid Korkesch aus Linden meinte jedenfalls: »Jeder lechzt nach Freiheit, aber die Inzidenzen zeigen uns etwas anderes. Ich werde meine Maske in der Öffentlichkeit tragen, auch wenn ich mittlerweile nicht nur geboostert, sondern auch bereits meine vierte Impfung erhalten habe. Ich trage meine Maske zum Schutz anderer und auch zum Eigenschutz.« Sie appelliert an die Ungeimpften, sich noch immunisieren zu lassen.

»Eigenverantwortung statt Pflicht.« Das findet Sascha Märtens aus Fernwald gut, der ebenfalls weiterhin Maske tragen will, »wenn ich es für notwendig halte. Beim Einkauf etwa und bei anderen Veranstaltungen mit großer Menschenansammlung«.

Vor allem das »Hin und her, mal so, mal so und keine klare Linie der Politik« habe nun endlich ein Ende.

(twi)/Fotos: Wißner

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Adelheid Korkesch © Thomas Wißner
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Sascha Märtens © Thomas Wißner
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Alexander Marchel, Rewe-Marktinhaber in Linden, stellte gestern letztmals das Hinweisschild zum Maskentragen vor der Eingangstür des Marktes auf. © Wißner

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