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Keine angestaubte Tradition

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Ehrungen anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Raumausstatter- und Sattlerinnung Gießen/Lahn-Dill (v.l.): Petra Kreiling, Rosi Dörmer, Kay-Achim Becker, Gerhard Dörmer, Björn Hendrischke, Rosemarie Gast, Gerhard Arnold, Ulrich Thomas, Frank Kreiling, Gudula Knübel, Dörte Gast, Frank Schmidt und Roger Spies. Foto: Ewert © Ewert

Die Raumausstatter- und Sattlerinnung Gießen/ Lahn-Dill vertritt sei 100 Jahren Handwerksbetriebe.

Kreis Gießen (wf). Die Mitglieder der Raumausstatter- und Sattlerinnung Gießen/Lahn-Dill blickten in Heuchelheim auf ihr 100-jähriges Bestehen zurück. Am 3. November 1922 kam es zur Gründung der »Sattler- und Tapezierer-Zwangsinnung für die Stadt und den Kreis Gießen«, nachdem sich bereits 1919 eine »Freie Vereinigung der Sattler und Tapezierer« unter der Leitung von Obermeister Adolf Noll in Gießen gebildet hatte. Der »Zwangsinnung« stand Emil Malkomesius als Obermeister vor.

Jeder, der sich ab November 1922 auf diesem Handwerksfeld selbstständig machen wollte, musste der Innung beitreten und hatte die Pflicht, bei den Innungsversammlungen anwesend zu sein. Die Gründung dieser Innung erfolgte vor einem Jahrhundert mitten in einer Hyperinflation.

Die Innung regelte damals die Abläufe rund um Gesellen- und Meisterprüfungen, legte die Löhne für Meister, Gesellen und Lehrlinge fest und erarbeitete Richtpreislisten für Sattler- und Tapezierarbeiten. 1929 hieß der Obermeister Christian Spieß und 1931 hatte die Innung 100 Mitglieder.

Allerdings blieb die Pflichtmitgliedschaft nicht unumstritten und löste Proteste aus, besonders im Blick auf die hohen Mitgliedsbeiträge und die beachtlichen Strafen für das Versäumen der Versammlungen. Im März 1932 wurde die Zwangsinnung per Mitgliederentscheid aufgelöst. Doch ganz ohne Standesvertretung sollte es nicht bleiben. Schon im November des gleichen Jahres gründete sich die »Freie Sattler- und Tapezierinnung für Stadt und Kreis Gießen« mit Obermeister Rudolf Leisler an der Spitze. Im Juli 1933 hatte die Innung wieder 60 Mitglieder. Allerdings wurde die freie oder genauer freiwillige Innung schon im November 1934 unter den neuen politischen Verhältnissen erneut in eine Pflicht-Innung umgewandelt. Wodurch die Zahl der Mitglieder schlagartig auf 139 anstieg.

Aus Zwang wurde Freiwilligkeit

Nach dem Krieg ging es freiwillig weiter. Rudolf Leisler führte die Innung bis 1950. Dem Zeitgeist gehorchend und organisatorischen Änderungen folgend, gab sich die Innung veränderte Namen. Ab Februar 1954 zum Beispiel »Sattler-, Tapezierer-, Polsterer- und Dekorateur-Innung« unter dem Obermeister Emil Heißler, dem bis 1963 Wilhelm Scheid folgte.

1965 legte die neue Handwerksordnung für einen Handwerker, der auf dem Feld der Gestaltung von Innenräumen tätig war, die Berufsbezeichnung »Raumausstatter« fest. Das hatte ein Jahr später die Namensänderung der heimischen Innung in »Raumausstatter- und Sattler-Innung« zur Folge, die bis 2014 Bestand hatte.

27 Jahre lang, und damit so lange wie kein anderer seiner Amtsvorgänger oder -nachfolger, führte Alfred Leyerer (Wieseck) die Innung, von 1963 bis 1990. Dieser gehörten zum 50-jährigen Bestehen 1972 64 Betriebe an. Beim 75-jährigen waren es noch 40.

Der Heuchelheimer Raumausstattermeister Wolfgang Gast war als Nachfolger von Alfred Leyerer von 1990 bis 2002 Innungsobermeister. Ihm folgte bis September 2021 Gerhard Arnold aus Lützellinden. Seither steht Frank Kreiling aus Heuchelheim an der Spitze der aktuell 21 Mitgliedsbetriebe großen Raumausstatterinnung Gießen/Lahn-Dill.

Bereits 2014 beschlossen die Innungsmitglieder aus dem Nachbarkreis die Auflösung ihrer eigenständigen Gemeinschaft.

Kreiling ließ in seinem Rückblick die Historie der Innung Revue passieren. Im Blick nach vorne brachte er seine Genugtuung zum Ausdruck, dass auch im Raumausstatterhandwerk die 2004 abgeschaffte Meisterqualifikation als Voraussetzung zur Gründung und Führung eines Betriebes und zur Ausbildung junger Menschen 2020 endlich wieder eingeführt worden sei.

In den 16 Jahren ohne Meisterzwang hätte sich bundesweit die Zahl der Raumausstatterbetriebe zwar verdreifacht, die Qualität der Arbeit sei dadurch aber keinesfalls gestiegen, gleichzeitig aber die Zahl der Auszubildenden gesunken.

Mit der Rückkehr des Raumausstatterhandwerks in die »Handwerksrolle A« werden sich laut Kreiling die Dinge wieder zum Besseren wenden, zumal das Gewerk auch vergleichsweise gut und unbeschadet durch die Krisen der Pandemie-Zeit gekommen sei.

Grußworte zum 100-jährigen Innungsjubiläum sprachen unter anderem Gießens Sozialdezernent und Stadtrat Francesco Arman und Kreishandwerksmeister Kay-Achim Becker.

Großes Lob für Willy-Brandt-Schule

Kreiling lobte in Übereinstimmung mit anwesenden Fachlehrern die seit Jahrzehnten sehr gute und reibungslos funktionierende Zusammenarbeit mit der Willy-Brandt-Schule als für das mittelhessische Raumausstatterhandwerk zuständiger Berufsschule

Kay-Achim Becker fasste zusammen: »Ihre Tradition hat nichts Angestaubtes, sondern ist Basis für eine innovative Zukunft. Bewahren Sie ihre Tradition.« Landesinnungsmeister Ulrich Thomas nahm danach etliche Ehrungen vor. Er überreichte die goldene Ehrennadel des Landesverbandes an Obermeister Frank Kreiling, sowie die silberne an Innungsvorstandsmitglied Dörte Gast (Heuchelheim), den Berufsschullehrer Roger Spies (Willy-Brandt-Schule) und den nicht anwesenden langjährigen Lehrlingswart Thomas Morbitzer (Langgöns).

Hohe Ehrung für Gerhard Arnold

Der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Gießen Björn Hendrischke und Obermeister Kreiling überreichten dem ehemaligen Obermeister Gerhard Arnold (Lützellinden) die Ernennungsurkunde zum Ehrenobermeister.

Landesinnungsmeister Thomas überreichte Arnold für seine Verdienste um Handwerk und Innung noch eine weitere seltene historische Auszeichnung: die »Wappennadel der Tapissiers von 1630 aus Danzig und Berlin«.

Weiter zeichnete die Innung Rosi und Gerhard Dörmer (Lich), Rosemarie Gast (Heuchelheim), Gudula Knübel und Frank Schmidt (beide WBS) für ihren Einsatz zugunsten des heimischen Raumausstatterhandwerks aus.

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