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Keine Bezeichnung für manche Handlungen

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Kreis Gießen (bcz). "Wir waren anfangs nicht sicher, ob sie diese Tat überleben wird«, sagte der ermittelnde Polizeibeamte am gestrigen Prozesstag vor der fünften großen Strafkammer des Landgerichts Gießen aus. Dank einer Not-Operation konnte das Leben der Frau gerettet werden und sie konnte bereits am darauffolgenden Tag Angaben zum Tathergang machen, die dazu führten, dass ihr Ehemann nun auf der Anklagebank sitzt.

Mit Messer verletzt

Dem 34-jährigen Kurden wird demnach vorgeworfen, während einer Autofahrt seine von ihm getrennt lebende 34-jährige Ehefrau lebensgefährlich mit einem Messer verletzt zu haben. Um sich und ihr Leben zu retten, stürzte sich die Frau anschließend aus dem fahrenden Auto.

Vergewaltigung nicht angezeigt

Das jüngste der drei gemeinsamen Kinder saß mit in dem Auto und musste die Tat mitansehen. Zuvor soll ihr Mann sie noch zum Sex gezwungen haben. Eine Not-Operation rettete ihr letztlich das Leben. Diese Angaben konnte der Polizeibeamte nicht bestätigen, das Opfer habe ihm gegenüber die Vergewaltigung nicht angezeigt, weder bei der ersten noch bei weiteren Gesprächen.

Allerdings räumte er ein, dass die Frau nur sehr schlecht Deutsch sprach und das Protokollieren der Gespräche selbst mit der Unterstützung eines Dolmetschers oftmals sehr schwierig gewesen sei. Die Begründung für das Verschweigen der Vergewaltigung lieferte eine weitere Zeugin, die ebenso dem kurdischen Kulturkreis stammt wie die Geschädigte. Ihr gegenüber habe die Frau die Vergewaltigung angesprochen.

Auf die Frage, warum sie das nicht der Polizei gesagt hätte, habe sie geantwortet, dass sie sich deswegen schämen würde und dass sie gedacht hätte, dass dies eine völlig andere Sache wäre.

Heimlich telefoniert

Auf Nachfrage der Verteidigung, was ihr das Opfer über diesen Übergriff erzählt hätte, antwortete die Zeugin, dass man sich nicht alles erzählen würde. Für manche Handlungen gäbe es im kurdischen gar keine Bezeichnungen, erläuterte sie. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen habe sie der Frau geraten, sich von ihrem Mann zu trennen. Darauf habe sie immer mit Ausflüchten geantwortet, dass sie Angst vor ihm habe und dass er sie umbringen werde. Die beiden Frauen kannten sich ein wenig und hätten öfters heimlich miteinander telefoniert, da dies von dem Angeklagten nicht gewünscht gewesen wäre. So hätte sie einmal bei einem Telefonat mitbekommen, wie der Angeklagte das spätere Opfer gefragt habe: »Mit welcher Hure telefonierst Du denn gerade?«

Zu dem Umgang der Eheleute miteinander wurde ein benachbartes Ehepaar befragt. Beide schilderten den Angeklagten als freundlich und hilfsbereit. Und sie meinten, dass sie sich die vorgeworfene Tat überhaupt nicht vorstellen könnten.

Zu einem Vorfall im Vorfeld wurden sie genauer befragt: Eines Abends klingelte das spätere Opfer nachts bei den Nachbarn und schilderte, dass ihr Mann sie im Streit geschlagen und mit einem Gürtel gewürgt habe. Die Nachbarin, gelernte Altenpflegerin, habe sie daraufhin untersucht, aber keine Verletzungen festgestellt. Darum hätten sie auch nicht die Polizei oder einen Notarzt verständigt. Der Angeklagte sei an jenem Abend auch dazu gekommen und man hätte sich anschließend bei Tee normal unterhalten. Der Prozess wird fortgesetzt.

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