1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

Keine Chance für Spekulanten

Erstellt:

Von: Debra Wisker

gikrei_20110_dge_Baugeno_4c_4
Blühwiese, Insektenhotel, Dachbegrünungen, gemeinsam genutzte Gärten - auch rund um die Häuser sollen sich die Mieter wohlfühlen. Foto: Löwenstein © Löwenstein

Die Baugenossenschaft Lollar und Lumdatal legt ihren Fokus auf bezahlbare Wohnungen

Lollar . Eine schöne Wohnung über den Dächern von Staufenberg, neu renoviert, mit Aufzug zu einem annehmbaren Mietpreis - das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Tatsächlich aber ist dies eine der Wohnungen, die die Baugenossenschaft Lollar und Lumdatal eG im Angebot hat. Doch bevor wir in Gedanken schon die Umzugskartons packen, schauen wir doch mal, was die Baugenossenschaft so macht und wie sie entstanden ist.

Hilfe zur Selbsthilfe

Im Gespräch mit dem Anzeiger wirft Axel Löwenstein, Geschäftsführer der Baugenossenschaft Lollar und Lumdatal, einen Blick in die Vergangenheit. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte akute Wohnungsnot, Geld war knapp. Hilfe zur Selbsthilfe lautete die Devise. Im heutigen Rabenauer Ortsteil Odenhausen/Lda. gründete sich 1947 die Gemeinnützige Bau- und Siedlungsgenossenschaft. Hier wurden vorwiegend Eigenheime gebaut. Die Genossenschaft kümmerte sich um die Ausschreibungen. »Ein Architekt, ein Plan für alle Häuser«, erläutert Löwenstein das Prinzip. Und das sparte den Häuslebauern schon mal eine Stange Geld.

Auch in Lollar wurde man aktiv, hier gründete sich 1947 zunächst der Verein »Selbsthilfe«, doch siegte der Genossenschaftsgedanke über den Vereinsgedanken. Am 21. September 1947 wurde die Gemeinnützige Baugenossenschaft Lollar und Umgebung ins Leben gerufen. Auch hier stand zunächst der Bau von Eigenheimen im Vordergrund. In der Ostpreußenstraße nahm dies seinen Anfang. In den 1950er Jahren baute man in Lollar die ersten Mehrfamilienhäuser. Sie entstanden »Am Faltergarten« und in der Sudetenstraße.

Da der Bedarf an solchen Mietshäusern im oberen Lumdatal nicht so hoch war, fusionierten die beiden Genossenschaften schließlich 1992 zur heutigen Baugenossenschaften Lollar und Lumdatal. Rund 350 Wohnungen sind aktuell im Bestand, die meisten in Lollar selbst, aber einige auch in Staufenberg und Allendorf/Lda..

Die Wohnungen wurden - und werden bis heute - vermietet an Menschen, deren Geldbeutel nicht so prall gefüllt ist. Spekulanten haben hier übrigens keine Chance. »Als die Zinsen so richtig niedrig waren, gab es schon mal Anfragen von Anlegern. Aber bei uns steht der Mieter an erster Stelle, nicht die Gewinnmaximierung«, stellt Löwenstein klar. Das entspreche nicht dem genossenschaftlichen Gedanken. Der stand anfangs dafür, die akute Wohnungsnot nach dem Krieg zu lindern, heute steht der bezahlbare Wohnraum im Fokus.

Seit 1994 ist der 60-jährige Geschäftsführer der Lollarer Genossenschaft. »Man muss schon eine soziale Ader haben«, beschreibt er seinen Job. Das Interessante an einer Genossenschaft: Jeder Mieter ist quasi auch Miteigentümer. Wer eine Wohnung bei der Genossenschaft mietet, muss auch Mitglied werden. Die Höhe eines Geschäftsanteiles beträgt 390 Euro. Je nach Wohnungsgröße erwirbt man Geschäftsanteile. Wer also zum Beispiel eine Zwei-Zimmer-Wohnung hat, hat zwei Anteile. »Manche nennen das auch ihre ›Kaution’. Tatsächlich ist es aber ein Stück Miteigentümerschaft«, so Löwenstein. Unabhängig von der Anzahl der Anteile hat aber jeder in der Mitgliederversammlung nur eine Stimme. Alljährlich dürfen sich die Mitglieder über eine vierprozentige Dividende freuen. Bei Auszug kann man die Mitgliedschaft kündigen, muss es aber nicht.

Langfristig angelegt

»Wir haben viele langjährige Mieter, manche leben schon seit 40 Jahren in ihrer Wohnung. In manchen Fällen sind auch deren Kinder unsere Mieter.« Eine Genossenschaft sei langfristig angelegt, Kauf und Verkauf nicht ihr Betätigungsfeld. »Preiswert wohnen ein Leben lang« - seit Jahren liegt nun der Fokus auf der Sanierung der Häuser und Wohnungen. »Wir wollen, dass unsere Mieter bleiben können, nicht ins betreute Wohnen am Stadtrand ziehen müssen«, so der Geschäftsführer. Daher werden die Häuser nicht nur energetisch auf den neuesten Stand gebracht, sie bekommen auch einen Aufzug, werden möglichst barrierefrei gestaltet. Im Durchschnitt werden sieben Euro Kaltmiete pro Quadratmeter für eine solche sanierte Wohnung bezahlt, für die noch nicht sanierten liegt die Kaltmiete bei fünf bis sechs Euro pro Quadratmater. Die Sanierungen werden über KfW-Darlehen und Eigenmittel, aber auch durch Fördermittel von Bund, Land und der Stadt Lollar gestemmt.

Neben dem Aspekt »altersgerechter Umbau« und einem aktiven Beitrag zur Energiewende findet man auch »ökologische Maßnahmen im Wohnumfeld« auf der Agenda. Nachhaltigkeit sei mehr als ein Schlagwort.

»2020 haben wir rund 50 Bäume auf den Grundstücken gepflanzt. Die sorgen für eine bessere Beschattung«, sagt Axel Löwenstein nicht ohne Stolz. Außerdem sei das Grün einfach wichtig für das Umfeld eines Hauses.

Im Holzmühlerweg 12, wo die Genossenschaft ihre Geschäftsstelle hat, findet man kleine, abgeteilte Flächen auf dem Grundstück. »Hier können die Bewohner ihr eigenes Gemüse ziehen. Außerdem haben wir Obstbäume angepflanzt.« Bei anderen Objekten wurden Hochbeete angelegt, Insektenhotels eingerichtet und Blühwiesen gepflanzt. Teilweise wurden auch Dächer von Garagen begrünt. Die Gärten werden gemeinschaftlich genutzt. Auch deshalb schaut man, zum Beispiel in Bezug auf Alters-, Berufsgruppen oder Nationalitäten, auf eine »gute Mischung«, bei den Mietern. »Über eine gute Mischung bekommt man auch eine gute Gemeinschaft hin«, ist Löwenstein überzeugt.

Weltkulturerbe

Die Baugenossenschaft Lollar und Lumdatal gehört dem Verband der Südwestdeutschen Wohnungwirtschaft an und hat sich deren Kodex verschrieben. Deren oberste Maxime lautet: »Wir stehen für bezahlbares Wohnen.« Zudem bekennt man sich zum aktiven Klimaschutz, Spekulationen mit Leerständen gibt es nicht und man sieht sich auch als wesentlichen »Motor des sozialen Lebens« in den Wohnquartieren.

Übrigens: Die »Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Ideen in Genossenschaften« wurde von der Unesco 2016 als Weltkulturerbe deklariert.

gikrei_2110_dge_Axel_Loew_4c_1
Axel Löwenstein Geschäftsführer © Debra Wisker
gikrei_20110_dge_Baugeno_4c_3
Das Haus im Burgackerweg in Staufenberg zeigt sich nach seiner Renovierung (l.) nicht nur freundlicher, sondern auch mit Aufzug und Balkonen. Zuvor sah das Gebäude nicht ganz so einladend aus (l.). Foto: Löwenstein © Löwenstein

Auch interessant