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Keine kompletten Psychopathen

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Kreis Gießen (fley/bcz). »Ich kann tatzeitbezogen im psychiatrischen Spektrum keine Krankheitswerte erkennen. Keine Psychosen oder andere krankhafte psychische Störungen. Strafrechtlich gesehen liegt hier keine Einschränkung vor.« Das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Rolf Speier ist für die Angeklagten kein gutes Omen. Das ist dem Älteren der beiden, einem 44-jährigen Mathematik- und Physiklehrer aus Bruchköbel, augenscheinlich bewusst.

Der sonst so kontrolliert wirkende Mann wird kurz nervös und bespricht sich aufgeregt mit seinen Verteidigern.

Ihm und einem vier Jahre jüngeren Mitangeklagten wird vorgeworfen, einen ihrer Freunde im November 2016 zu einer Hofreite nach Hungen gelockt und dort heimtückisch erschossen zu haben. Anschließend hat der jüngere Angeklagte die Leiche des Hanauers zerstückelt und an einem bisher unbekannten Ort beseitigt.

»Das ist für mich heute der 29. Verhandlungstag, an dem ich dabei bin«, berichtet Speier, der seit der ersten Kontaktaufnahme mit beiden Angeklagten im April 2021 ein umfassendes psychologisches Profil erstellt hat. Der Sachverständige erläutert den Werdegang des 44-jährigen, erzählt über seine geregelten Verhältnisse und seine berufliche Tätigkeit als Lehrer.

»Nach dem Besuch bei der Polizei, wo er die Tat einräumte, wurde er wegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) krankgeschrieben und hatte 17 Sitzungen bei einem Therapeuten«, erzählt Speier. Der Psychiater habe nach Spuren der PTBS gesucht, konnte aber keine tatsächlichen Anhaltspunkte erkennen. »Er ist ein strukturierter und systematischer Planer«, attestiert Speier dem älteren Angeklagten. Die Diagnose der PTBS klinge in seinen Ohren ebenso wenig plausibel wie der Einwand, der 44-Jährige habe sich von seinem vier Jahre jüngeren Mittäter nicht lösen können. »Beide Täter waren auf Augenhöhe im psychischen Sinne. Der Eindruck von mir ist, dass beide in der Folgezeit gerangelt haben, wer den anderen anschiebt. Es gab keine klassische Abhängigkeitspersönlichkeit«, erläutert er. Der ältere Angeklagte wirke im Prozess eloquent und aufmerksam, fast schon selbstbewusst kontrolliert. »Er ist ein guter Schauspieler«, unterstreicht der Psychiater. Zudem zeige der 44-jährige sehr wenig Empathie und nur selten Gefühlsmomente. »Er sagt zwar verbal etwas, aber er vermittelt es nicht. Da ist wenig Opferempathie dahinter«, so Speier.

»Völlig empathielos«

Der Gutachter bescheinigt auch dem zweiten Angeklagten, dem Softwareberater, volle Schuldfähigkeit. Er sei völlig empathielos, ihm fehle ein Opfermitgefühl, das habe auch der Vorgang der Zerteilung der Leiche gezeigt. Speier beschrieb ihn im Gegensatz zu dem älteren Angeklagten als etwas unruhiger. Dieser habe durchaus narzisstische Züge an den Tag gelegt und wirke dadurch teilweise sehr überheblich. Speier attestiert beiden psychopathische Züge, denn auch das Fehlen jeglichen Mitgefühls gehöre zu dem Bild. »Psychopathen fügen anderen Leuten Leid zu, sie manipulieren ohne Schuldgefühl.« Sie seien, im Gegensatz zu Personen mit einer psychischen Störung, alltagsfähig. »Sie können eine Tat durchführen, sie müssen es aber nicht. Sie handeln nicht in einem Wahn.« Für diese Personen sei es durchaus normal, dass sie sich überlegen, wie sie zum Beispiel einen gehobenen Lebensstandard erreichen, ohne dafür viel arbeiten zu müssen.

»Moralische Bedenken haben sie nicht.« Daher seien Gedankenspielchen wie eine Entführung zu planen durchaus denkbar. Diese Gedanken würden auch wieder verworfen, wenn alles normal verläuft. Diese könnten im Bedarfsfall »aus der Schublade herausgezogen werden«. Daher sieht Dr. Speier in der langen Planungsphase des Verbrechens auch keine Anzeichen einer psychischen Störung.

Zu der Frage, warum bei der Tat wohl einiges nicht wie geplant lief, antwortete der Gutachter, dass in diesem Falle auch eine Portion Selbstüberschätzung eine Rolle gespielt haben könnte. Der Fakt passe zu dem Gesamtbild.

Speier betont, die beiden Angeklagten seien keine kompletten Psychopathen, sondern Personen mit derartigen Zügen. Über die wahren Motive und Hintergründe und den Ablauf der Tat könne er als Psychiater nur spekulieren, denn man habe einfach nicht alle Fakten. Auf Nachfrage des Anzeigers teilte Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger mit, dass die Suchaktion der Polizei im Sachsensee bei Bellersheim abgeschlossen sei. Bezüglich der Suche nach den Leichenteilen gebe es keine neuen Erkenntnisse.

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