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»Keinerlei Reue gezeigt«

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In diesem Haus in Harbach erschoss der Ehemann seine Gattin mit einer Maschinenpistole. Archivfoto: Zylla © Red

Der Staatsanwalt fordert eine lebenslange Haftstrafe im Harbacher Tötungsprozess. Ein 66-Jähriger hatte seine Ehefrau mit einer Maschinenpistole in den Kopf geschossen.

Kreis Gießen (bcz). Für Staatsanwalt Friedemann Vorländer ist ein Mord am Ende der Beweisaufnahme klar erwiesen. Er fordert lebenslange Haft für den 66-jährigen ehemaligen Bauunternehmer, der am 29. Dezember 2021 in Harbach seine Ehefrau mit einer Maschinenpistole erschossen hat. Stoisch und mit gesenktem Blick verfolgte der stämmige Angeklagte die Schlussvorträge. Das Urteil fällt nächste Woche.

Dass die 48-jährige Ehefrau von ihrem Ehemann mit einer Maschinenpistole in einem Hausarbeitsraum erschossen wurde, ist unstrittig. Das hat der Angeklagte eingeräumt. Selbst nach der eingehenden Beweisaufnahme, die am Mittwoch von der Vorsitzenden Richterin Regine Enders-Kunze geschlossen wurde, steht nicht eindeutig fest, welche Beweggründe es für die Tat gab. Das weiß allein der Angeklagte, der sich auf Erinnerungslücken beruft, weil er an dem Abend getrunken habe.

Trennung oder Versöhnung?

Im Vorfeld des Tatabends stand eine Trennung im Raum und dann plötzlich eine Versöhnung des getrennt lebenden Ehepaars. Für Staatsanwalt Vorländer steht fest, dass der 66-Jährige, ein ehemaliger Bauunternehmer, wegen Mordes zu lebenslanger Haft zu verurteilen ist.

Die Tat als solches leugnet er nicht. Allerdings gab er an, dass er den Abend über viel trank. Darüber sei ein Streit mit seiner Frau entbrannt. Er könne sich nicht mehr im Einzelnen daran erinnern, nur dass er wollte, dass sie endlich Ruhe gebe. Er habe wohl dreimal geschossen. Der vierte ausgelöste Schuss in den Hinterkopf hatte sie getötet. Die Behauptung, dass er ziemlich betrunken gewesen sei, glaubte ihm der Staatsanwalt nicht. Der Angeklagte sei anschließend noch von dem Haus weggefahren und wieder zurückgekehrt.

Die Meldung, dass er seine Frau erschossen habe, ging erst gegen ein Uhr am nächsten Morgen bei der Polizei ein. Das war rund drei Stunden nach der Tat. In der Zwischenzeit musste er einiges erledigt haben.

Alkohol nachgetrunken?

Vorländer vermutet, dass der gebürtige Kasache erhebliche Mengen an Alkohol im Anschluss an die Tat trank, um auf verminderte Schuldfähigkeit plädieren zu können.
Sein Anwalt Artak Gaspar und dessen Kollege Dr. Ulrich Endres forderten nur sieben Jahre Haft, da beide davon ausgehen, dass der Angeklagte anders als von der Staatsanwaltschaft vermutet auch schon während der Tat alkoholisiert und damit vermindert schuldfähig war. Beide bestreiten zudem die Wehr- und Arglosigkeit des Opfers als Definition des Heimtückemerkmals nach § 211 StGB. Ohne dieses strafverschärfende Merkmal kann nur Totschlag vorliegen.

Opfer packte im Kimono

Vorländer hingegen verdeutlichte, dass das spätere Opfer nicht damit rechnen konnte, dass ihr Mann mit einer Maschinenpistole auf einmal hinter ihr stehen würde und losschießt. »Sie war lediglich mit einem Kimono bekleidet und über einen Koffer gebeugt, um für den nächsten Tag zu packen, als der Schuss sie traf«, führte er aus. »Selbst wenn sie gesehen hat, dass ihr Mann mit der Waffe auf sie zukam, war sie in diesem Augenblick arg- und wehrlos.« Dadurch sei das Mordmerkmal Heimtücke erfüllt. Er hält die Einlassung des Angeklagten für wenig glaubhaft und vermisst bei ihm auch jede Spur von Reue.

Die Verteidigung ließ dagegen in ihrem Schlussvortrag nichts unversucht, die Darstellung der Staatsanwaltschaft zu hinterfragen und interpretierte die Sachverständigengutachten entsprechend ihrer These, dass sich die Tat aus einer Verkettung von unglücklichen Umständen und dem Vollrausch ihres Mandanten ergeben habe. »Warum sollte mein Mandant einen Mord planen? Er liebte sie über alles«, fragte Endres in die Runde und plädierte für Totschlag.

Dies wollte und konnte der Anwalt der Nebenklage, Turgay Schmidt, so nicht stehen lassen. Die beiden Töchter des Opfers waren nahezu bei allen Verhandlungstagen anwesend, oft rangen sie mit ihrer Fassung, so auch am Mittwoch. »Die ständigen Beteuerungen von Liebe und Liebensbeziehung der beiden ist für die drei Kinder, die hier als Nebenkläger auftreten, unerträglich. Man gewinnt den Eindruck, dass er das eigentliche Opfer ist«.

Schwer traumatisiert

Da die Kinder durch diese Tat immer noch schwer traumatisiert sind, verlas Schmidt als Schlussvortrag eine Erklärung, um den Blick weg vom Täter hin zu den Opfern zu richten. »Es ist eine schreckliche Tat, die bis heute keiner verstehen kann und die uns fassungslos zurücklässt.« So seien auch am Ende der Beweisaufnahme noch viele Fragen offen: »Wie konnte es passieren, wenn eigentlich alles wieder gut war? Wir sitzen hier mit einer Leere, die man nicht erklären kann. Niemand hat das Recht jemanden zu töten. Nichts kann sie uns zurückbringen und daran bist Du schuld«. Am kommenden Mittwoch wird das Urteil gesprochen.

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