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Kickboxer mit Herz

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Klare Regeln, aber auch viel Zuwendung - das ist das Rezept von Cesur Elen. Foto: Wisker © Wisker

Der junge Kickboxer Cesur Elen unterstützt in Lollar Jugendliche aus sozial schwachen Familien.

Kreis Gießen . »Wenn ich rede, hört ihr zu« - Cesur Elen gibt seinen Zöglingen klare Regeln vor. Und es funktioniert, es ist plötzlich mucksmäuschenstill in der »Phönix Fight Academy«. Gebannt lauschen die Mädchen und Jungen den Anweisungen ihres Trainers. Ist er doch nicht nur ihr Trainer, sondern auch ihr großes Vorbild. Der 22-Jährige ist Weltranglistenzweiter seiner Gewichtsklasse (74-Kilogramm) im Kickboxen. Im Januar hat er sein eigenes Studio in Lollar eröffnet, vor wenigen Tagen eine Zweigstelle in Marburg. Olympia 2028 ist das nächste Ziel, das er im Blick hat.

So zielstrebig wie Cesur Elen auch ist, hat er doch seine Anfänge nicht vergessen. Als 14-Jähriger fing er mit seinem Sport an - seine große Schwester hat ihm den Weg gezeigt. Ein Weg, der sicherlich geprägt war von hartem Training, wenig Freizeit, vor allem aber von Erfolg und einem Ziel im Leben. Er machte sein Abitur, studiert internationales Management und betreibt, wie bereits erwähnt, zwei Studios.

Möglichkeiten aufzeigen

Seine Erfahrungen will Elen weitergeben, hat deshalb schon als 15-Jähriger seine Trainerlizenz erworben, trainiert den Nachwuchs seit 2016. Doch es sind nicht nur Pokale und Urkunden, die er sich für seine Schüler wünscht. Er will gerade Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien auf einen guten Weg bringen, ihnen ihre Möglichkeiten aufzeigen. »Wir waren mit einer ganzen Gruppe auf der Frühjahrsmesse in Gießen. Manche von ihnen, Flüchtlinge aus Syrien, hatten so eine Messe noch nie gesehen. Es war ein schönes Gefühl, ihnen so etwas zu ermöglichen.«

Wenn Cesur Elen »wir« sagt, meint er damit seine Familie, seinen 20-jährigen Bruder Kasim, der mit ihm die jungen Kickboxer trainiert. Ohne die Unterstützung der Familie stehe er heute nicht da, wo er steht. Mit dem Jugendzentrum in Lollar sei er in Kontakt, auch Schulen riefen bei ihm an. »Hallo, ist da der Phönix?« »Nein, hier ist Cesur, aber sie sind schon richtig«, schmunzelt Elen. Sein Studio sei mittlerweile eine Anlaufstelle für Jugendliche. Er hilft ihnen beziehungsweise ihren Familien dabei, Förderanträge auszufüllen. Dass es beim Job-Center die Möglichkeit gibt, eine Förderung für Teilhabe und Bildung zu bekommen, sei vielen gar nicht bekannt.

»Wenn man die Geschichten hinter den Menschen kennt, versteht man sie besser. Wir sind oft hautnah dabei, versuchen, auch bei familiären Problemen zu vermitteln.« Er sehe diese jungen Menschen als Freunde - »wie kleine Geschwister«. Man sei ständig im Gespräch. »Das ist das, was meinen Job ausmacht, das ist mir eine Herzensangelegenheit.«

Teamgefühl vermitteln

Auch wenn das Kickboxen ein Einzelsport sei, wolle er Teamgefühl vermitteln. Sei es mit einem Frühstück vor dem Training oder einer Grillfeier. Cesur Elen hofft, dass die jungen Leute von diesen Momenten »etwas mitnehmen«. Und: »Ich weiß, in welcher Haut diese Kids stecken.«

Es schmerze ihn teilweise, zu sehen, was sich die Familien eben nicht leisten könnten. Er lebt von den Einnahmen seines Studios, kann daher keine kostenlosen Stunden geben. Daher versucht er, zu schauen, wo eine Förderung möglich ist. Zeit und Aufmerksamkeit, die ihnen ansonsten widmet, ist indes unentgeltlich.

Elen schaut sich um, wird nachdenklich. »Zwei Jugendliche sind schon so weit, dass sie im Training mithelfen. In ihrem Engagement sehe ich mich selbst ein bisschen wieder.«

Der Kickboxer weiß um die Vorurteile, die sich um Kampfsportarten ranken. Er betont, dass man es gerade als Leistungssportler vermeide, sich provozieren zu lassen. »Der Sport gibt nicht nur Selbstbewusstsein, er lenkt Aggression in andere Bahnen.«

Eigentlich, nimmt er Kritikern den Wind aus den Segeln, laufe es auf das genaue Gegenteil aller gängigen Vorurteile hinaus. Das Kickboxen habe ihn selbst auch in seiner Persönlichkeit weitergebracht. Er habe sein Talent entdeckt, mit Menschen und gerade mit Kindern gut umgehen zu können. Deshalb habe er die Trainerlizenz gemacht. Und deshalb widmet er sich jetzt jungen Menschen, die es eben nicht immer leicht haben. Mit klaren Anweisungen, Regeln und auch ein wenig Drill, aber auch mit ganz viel Zuwendung.

Mit seinem gleichnamigen Verein, »Phönix Fight Academy« strebt der 22-Jährige für das kommende Jahr die Aufnahme in den Bundesfachverband für Kickboxen (WAKO Deutschland) an. Über den Verband besteht die Möglichkeit der Sportförderung. Und es gibt seinen Schülern auch die Chance, Wettkämpfe zu bestreiten, eigene Erfolge zu haben und ihrem großen Vorbild Cesur Elen nachzueifern.

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