Kinderbetreuung im Landkreis Gießen: Bedarf steigt und steigt

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KREIS GIESSEN - (ija). Kindertageseinrichtungen - ein Thema, das an Aktualität nie verliert. Die Verantwortung für die Kleinsten der Gesellschaft ist hoch, der Bedarf an Betreuungsplätzen steigt stetig. Für die Kommunen bedeutet das jedes Jahr aufs Neue Ausgaben in Millionenhöhe. In Zeiten leerer Kassen eine Mammutaufgabe. Bei einer Pressekonferenz hat Kreis-Jugenddezernent Hans-Peter Stock (Freie Wähler) am Montag Bilanz gezogen.

Derzeit stehen 120 Kitas mit 8698 Plätzen im Kreis Gießen zur Verfügung. Davon sind 80 in kommunaler Trägerschaft. 19 werden von der evangelischen Kirche betrieben, zwölf von der Lebenshilfe, drei sind unter dem Dach des DRK-Kreisverbandes Gießen-Marburg, eine unter Obhut der katholischen Kirche und fünf werden über Elternvereine organisiert. Wobei letztere es immer schwerer haben, sich finanziell über Wasser zu halten.

Über die Kindertagespflege werden 371 Mädchen und Jungen betreut. Vorwiegend sind es die unter Dreijährigen. 118 Personen - davon sind 111 selbstständig tätig und sieben in Festanstellung über die Arbeiterwohlfahrt - kümmern sich um die Kleinen. Anders als in den Kitas ist der Charakter in der Tagespflege mehr familiär ausgerichtet. Die Gruppen sind klein und die Betreuungszeiten flexibler.

Trotz dieser Zahlen wächst der Bedarf an Kita-Plätzen stetig. Allein 2020 hatten 9842 Kinder im Kreis Gießen einen Anspruch. "Wir sind in fast allen Kommunen am planen, ausbauen oder haben gerade abgeschlossen", erklärte Martina Viehmann, Fachaufsicht und Trägerberatung sowie stellvertretende Teamleiterin der Kinderbetreuung des Kreises. Dennoch reichen die Plätze nicht. Seit Bestehen des Rechtsanspruchs der unter Dreijährigen auf einen Kita-Platz habe sich der Bedarf hier allein fast verdoppelt.

Wachsende Kommunen - immer mehr junge Familien zieht es in den Landkreis - und der steigende Bedarf an Ganztagsbetreuung erschweren die Situation zudem. Letzteres bedeutet nicht nur mehr Personal, sondern auch mehr Schlafräume. Es müssen also nicht nur mehr Plätze, sondern auch mehr Räume geschaffen werden.

Wie schwer der Bedarf zu ermitteln ist, zeigt sich anhand des Jahres 2020. Im Landkreis Gießen hätten 650 Kita-Plätze gefehlt, wenn alle Kinder im Januar angemeldet worden wären. "Wir konnten bisher jedem Kind, das einen Anspruch angemeldet hat, auch einen Platz anbieten."

Trotz des steigenden Bedarfs zieht Stock, der hauptamtliche Kreisbeigeordnete, eine positive Bilanz. Alle 17 Kommunen und der Landkreis hätten in den vergangenen Jahren in Sachen Kitabetreuung Großartiges geleistet und Gas gegeben. Das Zusammenspiel funktioniere gut. "Zum Glück hatten wir Förderprogramme von Bund und Land, die die Kommunen zumindest zum Teil finanziell entlasten." Eine gute Investition, denn in der Betreuung könne auf die Kinder besonders in den ersten Lebensjahren ein positiver Einfluss genommen werden.

Auch der Anspruch, die Kitas immer mehr zu Familienzentren auszubauen, ist gestiegen. Ziel sei es, Generationen zusammenzubringen und niedrigschwellige Beratungsangebote vor Ort anzubieten, erläuterte Simone Hackemann, zuständige Fachdienstleiterin der Kinder- und Jugendhilfe. Ein bewusster Ansatz der Jugendhilfe, um Familien unterstützend zur Seite zu stehen.

Doch neue Kita-Plätze sind nicht die einzige Herausforderung für die Zukunft. Viel größere Sorgen bereitet Stock das Thema Fachpersonal. Neue Richtlinien im Kitagesetz verlangen ab Sommer nächsten Jahres mehr Leitungs- und Betreuungspersonal. "Das erhöht den Druck auf den ohnehin schon dünn gesäten Fachkräftemarkt", betonte der Jugenddezernent. Eine Erzieher-Ausbildung dauert, je nach Form und Qualifikation, heute etwa bis zu fünf Jahre. Selbst die Kriterien für Quereinsteiger seien sehr hoch. Geeignete Fachkräfte seien jetzt schon schwierig zu finden. Die Problematik dürfte sich künftig noch verschärfen. Das zeige auch seine Bilanz in Zeiten der Pandemie. "Die Fachkräfte sind am Limit."

Umso erfreulicher, dass trotz Corona der Austausch zwischen Landkreis und Kommunen im Großen und Ganzen gut funktioniert habe, bilanzierte Martina Viehmann. Die zeitweise Schließung der Einrichtungen, Gruppenschließungen und reduzierte Öffnungszeiten hätten neue, offene und vor allem schnelle Konzepte verlangt.

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