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Kiosk läuft schon seit 70 Jahren

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Von: Frank-Oliver Docter

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Petra Stroh (Mitte) wird im Laden von ihren Töchtern Sophie Stroh (l.) und Sarah Puhl (geb. Stroh) unterstützt. Foto: privat © privat

»Stroh’s Ecklädchen« im Wettenberger Ortsteil Wißmar kann auf eine lange Geschichte zurückblicken und auf eine treue Stammkundschaft bauen.

Wettenberg . Ein solches Geschäft findet man heutzutage nicht mehr allzu häufig, erst recht nicht in einer kleineren Ortschaft wie Wißmar. Doch das im Wettenberger Ortsteil mit der Adresse In der Ecke 2a ansässige »Stroh’s Ecklädchen« hat bislang jedweder Konkurrenz getrotzt. Und das gelingt mit wechselnden Inhabern bereits seit nunmehr 70 Jahren ohne Unterbrechung. Immer an derselben Stelle an der Kreuzung von Langgasse und Bahnhofstraße, wobei sich der Kiosk in all dieser Zeit auf mittlerweile rund 40 Quadratmeter Fläche vergrößert hat.

»Ich liebe es einfach, am meisten den Kontakt zu den Kunden, denn ich bin ein offener Mensch«, sagt Petra Stroh im Gespräch mit dem Anzeiger, als sie der Schreiber dieser Zeilen nach dem Erfolgsrezept fragt. Die 57-Jährige hat das Geschäft im April 2021 wiedereröffnet, nachdem sie dort schon viele Jahre zuvor als Mitarbeiterin tätig gewesen war. Petra Stroh setzt damit eine lange Tradition fort, die aus Wißmar eigentlich gar nicht mehr wegzudenken ist.

Verkauf auch übers Fenster

Wer den Kiosk durch den ursprünglichen, schmalen Eck-Geschäftsraum betritt, steht in einem im Vergleich dazu großen, hellen Ladenraum. Übersichtlich angeordnet finden sich hier auf den Regalen Dutzende Zeitschriften, Schreibwarenbedarf und Schulartikel wie Hefte, Ordner und Stifte, Glückwunsch- und Trauerkarten, Süßigkeiten, Getränke, Tabakwaren, eine Lotto-Annahmestelle und eine Geschenke-Abteilung, die jetzt in der Vorweihnachtszeit allerlei festliche Dekorationen zum Kauf anbot.

»Wir haben den Laden vier Wochen lang nach meinen Vorstellungen umgebaut«, blickt die Inhaberin auf die Zeit zurück, als sie diesen im März 2021 von der verstorbenen Vorgängerin Cornelia »Conny« Stroh übernommen hatte. Beide sind im Übrigen nicht miteinander verwandt. Den Laden weiterzuführen, sei für sie »eine Herzensangelegenheit« gewesen, erzählt die Geschäftsfrau.

Und so habe sie sich trotz der finanziellen Risiken, die mit solch einer Entscheidung eben nun mal verbunden sind, »gesagt, wir machen das«. Schließlich war sie zu jenem Zeitpunkt »auch schon fast 20 Jahre dabei«. Petra Stroh kann wie ihre Vorgänger auf eine treue Stammkundschaft bauen. »Zu uns kommt jeder, vom Kind bis zur Oma, und diese auch oft in der Begleitung ihres Enkelchens«, sagt sie. Man kennt sich in Wißmar eben und weiß, was man hier im Kiosk alles bekommt, ohne dafür extra eine Fahrt etwa nach Gießen, inklusive nerviger Parkplatzsuche, auf sich nehmen zu müssen.

Zudem weiß sie mit ihren Töchtern Sarah und Sophie tatkräftige Unterstützung an ihrer Seite. Beide vertreten ihre Mutter regelmäßig im Laden, der sechs Tage die Woche geöffnet hat. In dieser Zeit kümmert sich die 57-Jährige unter anderem um Abrechnungen, die Buchhaltung und das Remittieren.

Was die Inhaberin ebenfalls antreibt, ist das »sehr positive Feedback« seit der Wiedereröffnung. »Ich höre oft, dass Leute sagen, wie toll sie es finden, dass es den Laden gibt«, erzählt sie. Diese Treue zeigte sich auch während der Corona-bedingten Lockdown-Phasen, als es verboten war, Kunden in den Laden hineinzulassen. »Die Leute haben bei uns die Sachen telefonisch bestellt und wir haben sie dann über das Kioskfenster verkauft«, erinnert sich Sarah Puhl (geb. Stroh) an jene Tage. »Auch heute läuft noch viel über das Fenster.« Wobei es häufig ausreiche, wenn ein Stammkunde sagt »Einmal wie immer, bitte«, denn was dieser dann möchte, ist den Verkäuferinnen meist bekannt. Auch auf Sonderwünsche der kleinen Kundschaft ist man vorbereitet. Kommt ein Kind zum Beispiel mit einem 50-Cent-Stück und möchte dafür etwas Leckeres haben, »gibt es dafür fünf süße Teilchen«, erzählt Petra Stroh.

Die Unterstützung des Nachwuchses und der Eltern gerade im eigenen Ort hat die zweifache Großmutter auch dazu veranlasst, den Bereich Schulartikel und Schreibwaren zu erweitern. »Die Eltern können uns die Schulzettel geben und wir stellen dann alles für sie zusammen«, nennt sie einen weiteren Kundenservice, der auf Wunsch auch das Einpacken von Büchern in einen Schutzumschlag beinhaltet.

Von »Kurtchen« bis »Conny«

Die Geschichte des Kiosks reicht weit zurück und begann im Dezember 1952, als ihn Kurt Stroh, den alle nur »Kurtchen« nannten, eröffnete. Damit ging für den körperbehinderten Mann der Traum von der beruflichen Selbstständigkeit in Erfüllung. Familie, Gemeindevertretung und das Sozialamt halfen dabei tatkräftig mit. Wo sich heute der größere Geschäftsraum befindet, war damals noch eine landwirtschaftlich genutzte Scheune. In einer Lücke zwischen dieser und dem benachbarten Wohnhaus schuf man das Ecklädchen, das nur aus einem einzelnen, ziemlich beengten Raum bestand, jedoch über das Fenster ausreichend Kundenkontakt und Verkaufsmöglichkeiten bot.

Das Geschäft lief so gut, dass sich Kurt Stroh 1964 mithilfe seiner Familie die Scheune kaufen konnte, um sie zu Geschäftsräumen im Erdgeschoss und einer eigenen Wohnung in der ersten Etage umbauen zu lassen. Im Verlauf des Jahres 1982 hatte sich sein Gesundheitszustand allerdings so weit verschlechtert, dass er den Laden nicht mehr weiterführen konnte. Mit Gundi Geis war aber schnell eine Nachfolgerin gefunden. Sie erweiterte das Sortiment und eröffnete bereits im Dezember 1982 unter einem neuen Namen: »Gundi’s Geschenkestube«.

Erst 26 Jahre später kam es zum nächsten Inhaberwechsel. Mit Cornelia Stroh übernahm 2008 eine langjährige Mitarbeiterin von Gundi Geis und nahm nur eine leichte Namensanpassung vor: »Connys Geschenkestube« hieß der Kiosk fortan. Im Frühjahr 2021 starb »Conny« und mit Petra Stroh trat erneut eine Mitarbeiterin die Nachfolge an und sorgte wieder für eine Namensänderung. Wobei die heutige Chefin auch schon zu Zeiten von »Gundi’s Geschenkestube« dazugestoßen war.

Im Gegensatz zu so manch deutlich größerem Geschäft ist »Stroh’s Ecklädchen« längst im Internet und den Sozialen Medien vertreten und auch darüber für Kunden erreichbar. Sarah Puhl hat dafür eigens Kanäle bei den Online-Plattformen Facebook und Instagram eingerichtet, auf denen sie regelmäßig Neuigkeiten zum Laden, teilweise auch mit Foto, postet. Ansonsten aber sei man »sehr old-school«, also der Tradition verhaftet, fügt sie hinzu.

Petra Stroh ist auch deshalb nicht um die Zukunft ihres Kiosks bange. Zumal selbst durch die Corona-Pandemie dank immer wieder vorbeikommender Kunden »unser Umsatz nicht wesentlich schlechter war«. Nun gilt es mit den gewaltig gestiegenen Energiekosten die nächste Herausforderung zu bewältigen. Mit den positiven Erfahrungen aus den vergangenen sieben Jahrzehnten dürfte aber wohl auch das gelingen.

»Stroh’s Ecklädchen« hat in der Regel montags von 7.30 bis 12 Uhr und dienstags bis freitags von 7.30 bis 12 Uhr und nach der Mittagspause von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Samstags von 7 bis 14 Uhr. Am heutigen Silvestertag ist ausnahmsweise nur vormittags bis 12 Uhr offen. Ab Montag gelten wieder die gewohnten Zeiten.

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