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»Kirche vor Ort leben«

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Barbara Lang tritt am 1. April ihr neues Amt an, ihrem Büro hat die neue Dekanin aber schon einen persönlichen Stempel aufgedrückt. © Stender

Kreis Gießen . Von Lörrach im Dreiländereck nach Hamburg und Heidelberg über den Vogelsberg nach Lich - Barbara Lang ist von Süden nach Norden gereist, um schließlich mitten in Hessen anzukommen. Die neue Dekanin des Dekanats Gießener Land tritt am 1. April ihr neues Amt an.

Bis dahin ist zwar noch ein wenig Zeit, doch ihr Büro im neuen Gebäude hat sie schon bezogen. Mitten im Grünberger Schwedendorf findet sich das Dekanat, zu dem die bisherigen Dekanate Grünberg, Hungen und Kirchberg fusioniert sind. Was hat Barbara Lang als erstes ins neue Büro getragen? Die 58-Jährige schmunzelt: »Zwei Bilder.« Das eine ist die Zeichnung der Kirche ihres Heimatortes bei Lörrach, ein kleines traditionelles Gotteshaus. Auf dem anderen Bild ist die Taufkirche Martin Luthers in Eisleben zu sehen - aus einer sehr interessanten Perspektive. Zeigt es doch den neu gestalteten Innenraum, der Tradition und Moderne vereint quasi von oben gesehen. Zum Lutherjahr habe man hier etwas ganz Neues gewagt. Diese Einheit aus altem Gemäuer und zeitgenössischen Elementen hat es Lang angetan. »Von der Tradition getragen, mit viel Licht, mit Leben füllen. Das zeigt, wie man umgestalten kann, ohne Angst zu haben, dass Tradition verlorengeht.« In dem Wort »Verwalten« liege auch ganz viel »Gestalten«. Das ist es, was sie auch als Dekanin leben will.

Die 58-Jährige will nicht vom Schreibtisch aus arbeiten, sondern in die Kirchengemeinden gehen, mit den Menschen dort in Kontakt, im Gespräch sein. Apropos Gespräch: Sprache ist für Lang etwas, das sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat. Die an Bildern so reiche Sprache des Alten Testaments sei ihr eigentlich erst während des Studiums so richtig ins Bewusstsein gedrungen. Diese »Bilderwelt« könne man immer wieder neu entdecken. Doch Sprache sieht sie auch als Brücke. Gerade jetzt, wo so viele Menschen aus der Ukraine flüchten müssen. »Wir haben in den Kirchengemeinden Menschen mit ukrainischen Wurzeln. Die können natürlich auch Sprachbarrieren überwinden.« Vom Dekanat aus fahren zur Zeit Busse voller Spenden an die polnisch-ukrainische Grenze, auch um Flüchtende dort abzuholen. »Wir sehen, wie und wo wir helfen können. Dies in Absprache mit den Kommunen, also nicht im Alleingang.«

Auch den Gebeten, die zur Zeit an vielen Orten gesprochen werden, misst sie große Bedeutung bei. Die Leute hier vor Ort hätten den Wunsch nach Stabilität, nach einer emotionalen Unterstützung angesichts der bestürzenden und beängstigenden Nachrichten aus der Ukraine. »Wir waren uns so sicher, sicher zu sein«, wird Lang nachdenklich. Quasi als Kind der 80er - »Schwerter zu Pflugscharen« - hat auch sie sich für den Frieden eingesetzt, gegen die Stationierung neuer Waffen demonstriert. Jetzt müsse man ganz anders draufschauen, richtet sie den Blick auf die aktuellen Ereignisse.

Noch ein Aspekt verbindet sie mit dem Thema Sprache. Sie habe sich während des Studiums intensiv mit dem Theologen Paul Tillich beschäftigt. Sein Credo: »Wo sind die Fragen der Menschen?« Erst einmal zuhören, keine vorgefertigten Antworten auf nicht gestellte Fragen geben - dieser Ansatz habe sie sehr geprägt. Auch die Seelsorge lag und liegt Barbara Lang am Herzen. »Wie kann man Menschen beistehen, ohne eben fertige Antworten zu geben?«

Doch vor dem Studium stand zunächst eine Ausbildung zur Logopädin. Ja, bekennt Lang, das habe ihren Sinn für Sprache, für das Miteinandersprechen, das Ausdrücken von Gefühlen geweckt. »Menschen sprachfähig zu machen« im wahrsten und auch im übertragenen Sinne des Wortes - Kommunikation, im Gespräch zu bleiben sieht sie als sehr wichtig an.

Zum Theologiestudium zog es sie zunächst in den hohen Norden, nach Hamburg. »Diese doch sehr mondäne Stadt, in der Kirche nicht immer selbstverständlich und oft weit weg ist«, hat ihr gerade auch deswegen gefallen. Noch heute verbringt sie ihren Urlaub gerne an der Nordsee. Aber genauso wie auf ihre Lieblingsinsel Texel - »unglaublich weite Strände und eine sehr entspannte Lebensart« - zieht es die neue Dekanin in die Alpen. »Wandern, hoch auf die Gipfel.«

Ganz anders als Hamburg war Heidelberg, die nächste Station während ihres Studiums. »Hier ist Theologie sehr traditionsbehaftet, es ist ein anderes Lebensgefühl, beschaulicher als Hamburg.« Sehr beschaulich erlebte Lang ihr Vikariat im Vogelsberg. »So ein kleines Dorf hatte ich vorher noch nie gesehen«, lacht sie. Doch nicht nur sie selbst, auch ihre beiden - heute erwachsenen - Kinder liebten das Landleben. Nicht nur das: »Es war mir wichtig, zu erfahren, wie die Menschen auf dem Dorf mit ihren Sorgen - zum Beispiel dem Mangel an Arbeitsplätzen vor Ort und langen Pendlerfahrten zum Arbeitsplatz - umgehen.«

2006 lockte dann wieder das eher urbane Leben. Barbara Lang wird Pfarrerin in der Marienstiftsgemeinde in Lich. Sie fühlt sich wohl in der Stadt, bleibt und will auch weiter dort wohnen. »Ich renoviere gerade ein altes Haus in der Innenstadt«, verrät sie. Es sei die Vielfalt, die ihr an dieser kleinen Stadt so gefällt. »Ein kleines Städtchen, in dem es alles gibt.« Die Mischung aus Alteingesessenen und Zugezogenen, die beeindruckende kulturelle Szene und der bei allem doch in Teilen erhaltene dörfliche Charakter. Auch in der Kirchengemeinde gebe es diese Vielfalt.

Seit vergangenem Jahr hatte sie eine halbe Stelle als stellvertretende Dekanin des Dekanats Hungen inne, jetzt ist Barbara Lang Vollzeit-Dekanin. Sie weiß um die Herausforderungen, die auf sie zukommen. Erst einmal gilt es jetzt, die Fusion zu bewältigen, alles in seine Bahnen zu lenken. Und dann steht dann noch »EKHN 2030« an. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau will mit dem »Zukunftsprozess« die evangelische Kirche über das Jahr 2030 hinaus führen. Für Lang bedeutet das, dass die Ressourcen knapper werden, es Einsparungen geben wird. »Trotzdem müssen wir schauen, wie wir Kirche vor Ort leben, bei den Menschen bleiben können«, blickt die 58-Jährige nach vorne.

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