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Kirchengemeinden suchen Partner

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Kreis Gießen (red). Die Kirchengemeinden im evangelischen Dekanat »Gießener Land« diskutierten per Videokonferenz »die größte Veränderung seit der Reformation«. So nannte Pfarrerin Martina Belzer den Prozess »ekhn2030«, mit dem die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) dem Mitgliederrückgang und der Verringerung personeller und finanzieller Ressourcen begegnen will.

Für die Kirchengemeinden bedeutet dies, dass sie sich zur Bildung von sogenannten Nachbarschaftsräumen ab sofort auf Partnersuche begeben müssen. Wer von den derzeit 70 Kirchengemeinden im Dekanat zwischen Gießen und dem Vogelsberg mit wem in die Zukunft geht, soll bis Ende 2023 feststehen. So will es das Regionalgesetz, das die EKHN-Synode am 12. März verabschiedete.

Dr. Thilo Schneider, der Vorsitzende der Dekanatssynode, machte deutlich, dass keine Verlängerung vorgesehen ist: »Wenn wir die Nachbarschaftsräume nicht bis Ende 2023 gebildet haben, macht das die Kirchenleitung.«

Dr. Annette-Christina Pannenberg, die die über 80 Synodalen über den aktuellen Stand des Prozesses informierte, räumte ein, dass der Zeitrahmen durchaus »sportlich« sei. Aber: »Je länger man wartet, desto kleiner werden die Spielräume.« Deshalb sei es wichtig, schnell die Nachbarschaftsräume zu bilden, betonte die Referentin aus dem Stabsbereich Organisationsentwicklung und Qualitätsmanagement der Landeskirche. Wenn diese feststehen, folgt der nächste Schritt: Bis Ende 2026 sollen sich die neuen Einheiten auf eine mehr oder weniger enge Form der Zusammenarbeit wie Fusion, Gesamtgemeinde oder Arbeitsgemeinschaft einigen.

Verknüpft mit diesem Prozess ist außerdem die Verkleinerung des Gebäudebestands, wobei zunächst die Gemeindehäuser im Fokus stehen. Dass der mögliche Verzicht auf Kirchengebäude ein sensibles Thema ist, wurde in der Diskussion deutlich. So meinte Pfarrerin Susanne Metzger-Liedtke (Freienseen), dass gerade bei denkmalgeschützten Gotteshäusern oft der Denkmalschutz eine flexiblere Gebäudenutzung verhindere. Jetzt sei eine Bauberatung nötig, die auch ins Inhaltliche gehe und Raumkonzepte entwickle.

»Die Kohle fehlt«

Die zeitliche Verknüpfung der beiden Prozesse ist in den Augen von Pfarrerin Martina Belzer »ungut«. Allerdings sei diese nicht mehr zu verhindern - »weil die Kohle fehlt«. Deshalb müsse man sich jetzt die Frage stellen, ob die Gebäude tatsächlich das Wichtigste seien oder nicht die Frage, wohin sich eine Kirchengemeinde inhaltlich entwickeln wolle.

Damit sprach sie indirekt ein Thema an, das wiederholt in der Diskussion aufkam. Einige Synodale wünschten sich, dass neben den strukturellen Fragen die theologischen Grundlagen für den von der Landeskirche angeschobenen Veränderungsprozess eine größere Rolle spielen sollten.

Eine besondere Herausforderung für die Bildung von Nachbarschaftsräumen sieht Pfarrerin Cordula Michaelsen (Lardenbach) aufgrund der ländlichen Struktur vor allem im Osten des Dekanats. Auch die sehr kleinen Dörfer im Vogelsberg müssten weiterhin das Gefühl haben, »Gemeinde zu sein«. Dafür müsste vielleicht an ein »Nebenprogramm für die Kleinen« gedacht werden.

Pfarrer Markus Witznick (Ober-Ohmen) forderte: »Wir brauchen ein positives Bild für den Prozess«. Auch der Treiser Pfarrer Andreas Lenz wollte den Synodalen Mut machen. Im Rückgriff auf die Andacht der zukünftigen Dekanin Barbara Lang zu Beginn der Synode sagte er: »Gott wird einen Weg in der Wüste bereiten.« Er forderte dazu auf, die geistliche Herausforderung des Veränderungsprozesses anzunehmen und sich darauf einzulassen, »woanders« herauszukommen. Er konstatierte, die Kommunikationsstrukturen von Kirche entsprächen nicht mehr denen der Gesellschaft. Die Kirche schaue zu sehr nach hinten. »Wir haben den Zug verpasst und müssen wieder Anschluss finden.«

Beschlossen wurde, dass die Kirchengemeinden von einer Steuerungsgruppe aus Mitgliedern des Dekanatssynodalvorstands (DSV) und der Synode bei der Bildung von Nachbarschaftsräumen begleitet werden sollen. Außerdem sind regionale Kirchenvorstandstage geplant, bei denen über mögliche Verbindungen beraten sowie Vorteile und Nachteile angedachter Zusammenschlüsse abgewogen werden sollen. Wichtig sei dabei, den Kirchenvorständen aufzuzeigen, dass sie viele Gestaltungsmöglichkeiten hätten, erklärte DSV-Mitglied Susanne Koch.

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