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Kosten bei den Landwirten explodieren

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Nur wenige Bauern können von den gestiegenen Getreidepreisen profitieren, denn sie brauchen ausreichend Lagermöglichkeiten. Symbolfoto: dpa © DPA Deutsche Presseagentur

Heimische Landwirte müssen immer mehr Geld für Treibstoff, Dünger und Viehfutter ausgeben. Das hat auch, aber nicht nur mit dem Ukraine-Krieg zu tun.

Kreis Gießen. (ib). Frieren für den Frieden? Das müssen wir, wo jetzt der Frühling sein blau(gelbes) Band wieder flattern lässt, wohl fürs erste nicht - aber demnächst wahrscheinlich für Lebensmittel deutlich tiefer in die Tasche greifen. Gerade die Menschen, die unsere Lebensmittel produzieren, trifft der Ukraine-Krieg besonders hart. Das zeigt eine Umfrage unter Landwirten im Kreis.

»Ich habe mich noch nicht getraut, bei meinem Lieferanten« anzurufen«, meint Thorsten Diehl aus Stockhausen. Bauern haben in der Regel einen Treibstoff-Vorratstank mit zwischen 1000 und 3500 Litern Fassungsvermögen. Als Diehl, der einen 140-Hektar-Betrieb bewirtschaftet, den das letzte Mal füllen ließ, kostete der Liter Diesel noch 1,50 Euro. Jetzt muss er 2,30 Euro bezahlen.

Aber nicht nur die Treibstoffpreise setzen den Bauern zu. Um die Erträge zu erwirtschaften, die Deutschland nach dem Willen der Bundesregierung von Lebensmittelimporten unabhängiger machen sollen, muss Kunstdünger eingesetzt werden. Doch dessen Herstellung ist energieintensiv. Der Standarddünger Kalkammonsalpeter war bereits vor Beginn des Krieges immer teurer geworden. Seit Putins Einmarsch in die Ukraine gehen die Preise durch die Decke.

Daniel Seipp, Jungbauern-Sprecher des Bauernverbandes Gießen/Wetzlar/Dill, rechnet es vor. »Im September 2021 hat der Doppelzentner noch unter 20 Euro gekostet. Im August waren wir bei 32 Euro, Ende September bei 40 Euro und Weihnachten bei 65 Euro.« Im Februar sei der Preis noch mal kurz um fünf Euro gefallen. Doch seit Kriegsbeginn müsse man 97 Euro für den Doppelzentner bezahlen, das sei eine Verfünffachung des Preises.

Gerne hätte der Anzeiger zu dieser Preisentwicklung auch noch die wenigen verbliebenen Landhandel in der Region befragt. Doch auf Seiten der Ankäufer ist man eher zugeknöpft. »Wir haben weder Interesse an, noch Zeit für solche Fragen«, sagt etwa ein Sprecher der Amend Landhandel GmbH & Co. KG.

»Eine Kuh ist keine Maschine«

Konventionell wirtschaftende Bauern stecken jetzt in einer Zwickmühle. Sie können auf Kunstdünger verzichten, aber dann sinken auch die Erträge und damit die Einnahmen. Biobauern wie Jens Amend in Treis sind von dieser Entwicklung naturgemäß weniger betroffen, da sie auf ihren Feldern keinen Kunstdünger verwenden. »Aber dafür erwirtschafte ich auch nur 60 bis 70 Prozent des Ertrages, den ich hatte, als unser Hof noch konventionell bewirtschaftet wurde«, sagt er. Ausgeglichen werde das durch die höheren, vor allem aber stabileren Preise für Bioprodukte. Aber auch Amend trifft der Preisanstieg des Diesels. 12 000 bis 15 000 Euro mehr müsse er jetzt für die gleiche Menge Treibstoff bezahlen, überschlägt er kurz

Druck erhalten die Bauern auch aus Brüssel und Berlin. Laut dem am 21, Februar beschlossenen »Nationalen Strategieplan zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP)« müssen deutsche Bauern vier Prozent ihrer Ackerfläche stilllegen, um Direktzahlungen von der EU zu erhalten. »Unmöglich in der aktuellen Situation«, findet Biobauer Amend.

Bereits jetzt könnte Amend übrigens mehr Getreide an Endkunden verkaufen, als er anbieten kann. Immer mehr Menschen würden bei ihm 15, 20 Kilo Dinkel oder Weizen kaufen, um sich ihre eigenes Mehl zu mahlen. »Beim Mehl gibt es offenbar schon Lieferengpässe«, mutmaßt er.

Hart trifft die Krise auch Milchviehhalter wie Hans Klug in Heuchelheim. Neben den gestiegenen Sprit-und Düngerpreisen müssen sie auch noch mit deutlich erhöhten Kraftfutterpreisen zurechtkommen. Auch eiweißreiche Ölschrote von Soja und Raps sind teurer geworden. Zwar könne man das Kraftfutter durch eigenes Getreide ersetzen, meint Klug, »aber das bedeutet eben auch weniger Milch«. Eine Kuh könne man zwar schnell auf eine niedrigere Milchmenge umstellen, aber nicht umgekehrt. »Eine Kuh ist keine Maschine«, betont Diehl.

Verschärft wird die Lage durch die starre Preisgestaltung der Erzeugerpreise. In der Regel werden zwischen Landwirten und Ankäufern viertel- oder halbjährliche Kontrakte geschlossen, in denen vorab die Preise für die nächste Ernte festgeschrieben sind. Das bringt den Bauern auf der einen Seite zwar Planungssicherheit und schützt vor Ernteausfällen, andererseits können sie aber auch nicht von steigenden Erzeugerpreisen profitieren.

Die großen Lebensmittelketten haben dennoch die Preise für die Milch im Kühlregal bereits deutlich angehoben, obwohl die neuen Kontrakte erst im Juni ausgehandelt werden. Über dieses »Reibachmachen« ärgert sich nicht nur Diehl, sondern auch Klug. Von den deutlich gestiegenen Getreidepreisen würden nur die wenigsten Bauern profitieren, weil sie die Vorjahresernte in der Regel bereits verkauft hätten.

Nur wer ausreichend Lagermöglichkeiten für Weizen oder Roggen habe und die Nerven, abzuwarten, würde jetzt Kasse machen. Das seien nur die wenigsten Landwirte.

Am härtesten aber trifft die Krise die Schweinehalter. Bezeichnenderweise gibts es kaum noch Borstenvieh im Landkreis und der Gießen am nächsten gelegene Schlachthof ist im 187 Kilometer entfernten Bernkastel-Wittlich in Rheinland-Pfalz.

Einer, der noch 60 Schweine hält, ist Hartmut Reitschmidt vom Weiherhof in Watzenborn-Steinberg. Die Nachfrage nach Schnitzel und Kotelett ist hierzulande ohnehin seit Jahren rückläufig. Seit dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest ist nun auch noch mit China der wichtigste Absatzmarkt weggebrochen. Weil gerade geborene Ferkel sehr kälteempfindlich sind, müssen Mastställe beheizt werden - teuer beheizt, denn das geschieht in der Regel durch Flüssiggasanlagen.

»Hätte besser früher aufgehört«

Zwar sei seit dem Ukraine-Krieg der Erzeugerpreis für das Kilo Schwein von 1,20 auf 1,90 Euro gestiegen, rechnet Jungbauerns-Sprecher Seipp vor, doch um allein seine Kosten zu decken, brauchten Schweinemäster 2,30 Euro fürs Kilo. Bei solchen Preisen würden gerade kleinere Betriebe aufgeben.

Die von der Bundesregierung beschlossene Vergrößerung der Liegeflächen, um Mastschweine artgerechter zu halten, habe das Höfesterben noch beschleunigt, weil sich viele kleinere Betriebe den teuren Stallumbau bei gleichzeitiger Reduzierung der Verdienstmöglichkeiten schlicht nicht mehr leisten könnten.

Auch die Tage des Weiherhofs sind bereits gezählt. Hartmut Reitschmidt freut sich schon auf seiner hart erarbeitete Rente und sagt: »«Wenn ich gewusst hätte, was auf uns zukommt, hätte ich schon früher aufgehört.«

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