Kreis Gießen: Außengastronomie als Hoffnungsträger

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KREIS GIESSEN - (am). "Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald." So lautete ein bekannter gastronomischer Werbespruch. Heute könnte es heißen: "Heute wird zu Haus genossen, Wienerwald, das ist geschlossen." Ja, die Gastronomie, vom einfachen Lokal über feine Restaurants bis hin zur gesamten Hotellerie, ist eine der Branchen, die sich in Corona-Zeiten als große Verlierer fühlen müssen.

Ist da die Variante "Menü to go" (siehe Bericht auf dieser Seite) ein Ausweg aus der Krise? Dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen.

"Ich behaupte, das bleibt letztendlich ein Zuschussgeschäft", sieht Stefan Herzog das Außer-Haus-Geschäft skeptisch. Andererseits weiß der Vorsitzende des Kreisverbands Gießen-Gleiberger Land im Deutschen Hotel- und Gastronomieverband (Dehoga) auch: "Die Gastronomen sind froh über jeden Strohhalm." Im Gespräch mit Betroffenen fällt die Situation etwas differenzierter aus. So sagt Philipp Arnold vom Landgasthof "Zum Löwen" in Leihgestern beispielsweise "Das Essen außer Haus läuft top!" und verweist auf zahlreiche besondere Events wie Schlachtfeste und dergleichen.

"Das deckt die Kosten", meint auch Barbara Reinhardt vom Gasthaus "Zur Linde" in Holzheim. Allerdings seien es auch vier Personen, die in ihrer Küche die Speisen zubereiten würden. Dafür herrscht bei ihr absolut Ebbe beim Getränkeverkauf, in einem Dorfgasthof ein wesentlicher Umsatzfaktor. Nur gut, dass sie in einem Familienbetrieb arbeitet und keine Pacht oder Miete zahlen muss.

Ähnlich ist die Situation in "Stephan Gütlich's Kochwerk". Denn bei ihm fällt derzeit mit dem Party-Service ein ganz starkes Standbein weg. Doch dafür könne er mit dem Außer-Haus-Verkauf "ordentlich arbeiten und wirtschaften. Wir kommen gut über die Runden". Er verschweigt auch nicht, dass der November und Dezember "tolle Monate" gewesen seien. Für Toni Branca vom "Heiligen Stein" in Muschenheim werden durch die To-go-Variante und die eigene Produktion von Lebensmitteln "maximal 20 Prozent des gewohnten Umsatzes" erreicht.

Alle drei gastronomischen Betriebe profitieren davon, dass sie unter normalen Umständen mit 450 Euro-Kräften arbeiten. Die müssen zwar jetzt pausieren, haben aber in der Regel noch einen anderen Gelderwerb. So hält sich auch die Variante Kurzarbeit in Langsdorf, Muschenheim und Holzheim in Grenzen.

Ein weiterer Vorteil der drei Betriebe: Sie verfügen über die Möglichkeit der Außenbewirtung. "Die Betriebe mit Außengastronomie haben Vorteile", sagt Oliver Seidel vom Bezirksverband Mittelhessen der Dehoga. Zum einen hätten die Gäste die Sehnsucht, wieder auszugehen und Restaurants zu besuchen, zum anderen wollten sie aber auch ihr Sicherheitsgefühl befriedigen. "Deshalb gehen sie gerne nach draußen." Stefan Herzog ergänzt: "Die Außengastronomie hat vielen geholfen, den Weg bis Dezember zu gehen." Und mit Blick auf die Zukunft sagt er: "Wer die Ressourcen hat, erweitert seinen Außenbereich und hofft auf schönes Wetter."

So sind die Gastronomen auch extrem vorsichtig bei ihren Prognosen, wann sie denn wieder richtig starten können. "Alle hoffen, dass sie übermorgen wieder aufmachen können", sagt Stefan Herzog. Oliver Seidel verweist auf das Lockdown-Ende am 15. Februar und meint: "Vielleicht ab 1. März." Realistisch sieht Herzog den Zeitraum Ende März/Anfang April als Termin für den Neuanfang. "Vielleicht können wir an Ostern (Anfang April, Anm. d. Red.) wieder loslegen", heißt es in Muschenheim. Dagegen hält Barbara Reinhardt: "Ich glaube nicht an Ostern. Erst ab Ende April, wenn es draußen wieder losgeht." Und für Stephan Gütlich wird die Regierung den 1. Mai noch runterfahren. "Danach kann es wieder normal losgehen." Herzog schreibt allen Gastronomen in ihre Gästebücher: "Wir dürfen nicht zu früh aufmachen, um dann im Mai wieder schließen zu müssen."

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