Krisentreffen von Gastronomen aus drei Landkreisen auf Burg Gleiberg

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KREIS GIESSEN - (ija). Seit Anfang November ist die Gastronomie geschlossen. Die Lage ist mehr als prekär. Nach monatelangem Lockdown droht inzwischen jedem fünften Betrieb in Hessen die Pleite. Ein konkretes Datum, ab wann wieder geöffnet werden kann, gibt es bisher nicht. Die von der Politik versprochenen November- und Dezemberbeihilfen haben noch immer nicht alle Betriebe erhalten.

Dementsprechend aufgeheizt war am Donnerstag die Stimmung beim dritten Krisentreffen der Gastronomen und Hoteliers aus den Landkreisen Gießen, Lahn-Dill und Marburg-Biedenkopf. Trotz durchwachsenen Wetters waren über 30 auf die Burg Gleiberg gekommen. Ihre Wut ist groß. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Ihre Forderung: zeitnahe Öffnung der Gastronomie, Auszahlung der versprochenen Beihilfen, schnellere Impfungen sowie ausreichende Corona-Selbsttests.

Markus Strasser vom "Dutenhofener See": "Ministerpräsident Volker Bouffier hat uns Hilfen zugesichert: Schnell, unkompliziert und sofort. Alles nur blablabla. Ich habe bis heute noch keine Novemberhilfe erhalten." Viele Kollegen stünden kurz vor dem Kollaps, bestätigte Burggastronom Axel Horn. Die versprochenen Zuschüsse, wenn sie denn gezahlt würden, deckten gerade einmal die Betriebskosten. Ein Unternehmergehalt könnten sich die Gastronomen davon nicht auszahlen.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Hessen hatten vor wenigen Tagen vor einer Pleitewelle historischen Ausmaßes im hessischen Gastgewerbe gewarnt. "Ohne eine baldige Öffnungsperspektive auch für die Innengastronomie und die Hotellerie dürfte bald jedes fünfte Unternehmen der Branche in die Insolvenz gehen", erklärten Peter-Martin Cox, Geschäftsführer der NGG-Region Rhein-Main und Gerald Kink, Präsident des Dehoga Hessen. Die Landesregierung müsse die Nöte der Betriebe und Beschäftigten ernstnehmen und sich für einen erweiterten Stufenplan einsetzen.

Gerhard Schmidt, Wettenbergs Ehrenbürgermeister und im Vorstand des Gleibergvereins: "Wir als Verpächter einer Gastronomie stehen hinter den Forderungen." Die Gastronomen hätten ihre Hausaufgaben gemacht. "Die Schutz- und Hygienekonzepte nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 haben funktioniert." Die erneute Schließung Anfang November komme einem Betriebsverbot gleich. Aus Sicht der Gäste meinte Schmidt: "Wir vermissen die Gastlichkeit. Das Miteinander." Gastronomie sei mehr als nur ein Ausschankort für Speisen und Getränke, sie habe vielmehr auch einen gesellschaftlichen Auftrag. Aktuell arbeite der Gleibergverein daran, ab August wieder Kulturangebote zu realisieren, um auch Künstlern und Veranstaltern eine Perspektive zu geben.

Steffi Rink, Inhaberin des "Erlenhofs" in Wißmar, steht im regen Austausch mit ihren Kollegen. Der Lockdown treffe vor allem größere Betriebe hart. "Man merkt, die Leute sind am Limit. Finanziell und nervlich. Viele sind missmutig und kurz davor, das Handtuch zu schmeißen, weil sie einfach nicht mehr können." Trotz der prekären Situation: Aufgeben will die Gastronomin nicht und bleibt optimistisch. Angesichts steigender Corona-Zahlen glaubt sie jedoch nicht, dass die Gastronomie schon Ende März wieder öffnen kann. Mit Wochenmarkt und To-Go Geschäft hält sie sich über Wasser. "Ich hätte nie gedacht, dass so viele Wißmarer mitmachen und uns unterstützen." Dennoch fehle ein Lichtblick, eine planbare Perspektive.

Befürchtungen

Frühestens ab 22. März ist die Öffnung der Außengastronomie vorgesehen. Liegt die Inzidenz zwischen 50 und 100 muss vorher ein Termin gebucht werden. Auf der nächsten Bund-Länder-Konferenz am 22. März soll über weitere Schritte in der Hotel- und Gastronomie beraten werden.

Axel Horn und seine Kollegen befürchten für ihre Branche "schlimmere Auflagen als vergangenes Jahr". Dass die Gastronomen verantwortungsbewusst seien, hätten die Hygienekonzepte in den Sommermonaten bewiesen, betonte Markus Müller vom Landhaus Klosterwald in Lich. Man dürfe nicht vergessen, dass Außengastronomie nur ein Sahnehäubchen auf den Umsatz, quasi ein Zusatzgeschäft, sei. Ohne Innengastronomie habe man keine Möglichkeit für eine vernünftige Personalplanung, Kalkulation und Gewinnplanung. Sollte nicht bald ein vernünftiger Fahrplan für eine Öffnungsstrategie kommen, bliebe den Gastronomen nur noch hoffen, bangen und beten. Ein zweites Katastrophenjahr verkrafteten er und seine Kollegen nicht, betonte Müller. Im "Super-Wahljahr" sollten sich alle die Frage stellen, welche Partei noch hinter ihnen steht. Von früheren Wahlversprechen, zum Beispiel die Mini-Jobber von 450 auf 600 Euro aufzustocken, sei heute nichts mehr zu hören. "Unsere Politiker haben keine Ahnung von der Praxis", bekräftigte Axel Horn und lud Gesundheitsminister Jens Spahn zu einem Praktikum ein. Existenzen und das Fortbestehen einiger Betriebe seien bedroht. Um sich Gehör zu verschaffen, müsse man auch "regional auf die Barrikaden gehen". Vielleicht sogar mit einer Demo.

Ganz so pessimistisch ist Wettenbergs Bürgermeister Thomas Brunner (SPD) nicht, hofft sogar auf einen kleinen Lichtblick für die "Golden Oldies". Er mahnte zu etwas Geduld. Gastronomie und Kultur seien ein wichtiges Stück Identität jeder Kommune und man arbeite daran, diese auch wieder zum Laufen zu bringen.

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