1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

Kritik an neuen Regeln für Schnelltests

Erstellt:

gikrei_0607_tests_ebp_06_4c
Seit dem 1. Juli ist Schluss mit den kostenlosen Corona-Tests für alle. Symbolfoto: dpa © Eva Pfeiffer

Nach der Neuregelung der Corona-Testverordnung wollen DRK und Johanniter eine Selbsterklärung der Testwilligen akzeptieren und nicht auf weitere Nachweise drängen.

Kreis Gießen . (ebp). Es ist ein Hilferuf, den Jens Dapper, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Gießen, aussendet: »Es gibt erhebliche Ängste und Sorgen bei den Angehörigen . Die Besuche in den Pflegeheimen sind dringend erforderlich, das wissen wir aus der Pandemie.« Das Problem: Wer einen Angehörigen im Alten- oder Pflegeheim besuchen möchte, der muss einen Nachweis über einen negativen Corona-Schnelltest vorlegen - und braucht vorab auch einen Beleg dafür, dass er für einen kostenlosen Test berechtigt ist. Denn seit 1. Juli ist Schluss mit den Null-Euro-Bürgertests für alle. »Es heißt immer, wir müssen die Pflegekräfte entlasten«, sagt Dapper. Mit der neuen Testverordnung jedoch komme noch mehr Arbeit auf diese Berufsgruppe zu - denn noch sei unklar, wie Pflegeheimbesucher ihre Berechtigung für einen kostenlosen Test nachweisen sollen. Im Sinne der Bewohner brauche es schnell Klarheit.

Dass die bisherige Testverordnung Ende Juni ausläuft, war lange bekannt. Details der Neuregelung jedoch wurden erst am 24. Juni vorgestellt. Am 29. Juni verkündete das Bundesgesundheitsministerium die neue Verordnung, die einen Tag später in Kraft trat.

Viele offene Fragen

Diese Kurzfristigkeit und viele offene Fragen machen nicht nur Jens Dapper Sorgen. Beim Pressegespräch im DRK-Testzentrum im Gießener Seltersweg kritisieren auch Landrätin Anita Schneider (SPD), Johanna de Haas, Sachgebietsleiterin Hygiene im Gesundheitsamt, sowie DRK-Kreisverbandsvorsitzender Christian Betz und Marco Schulte-Lünzum, Regionalvorstand der Johanniter-Unfallhilfe, das Vorgehen aus Berlin scharf.

»Vieles ist nicht zu Ende gedacht«, bemängelt die Landrätin. Anspruch auf einen kostenlosen Test haben etwa Kinder bis zu ihrem fünften Geburtstag, Personen, bei denen ein Test zur Beendigung der Quarantäne notwendig ist oder pflegende Angehörige. Einen Test gegen drei Euro Eigenbeteiligung bekommen etwa Menschen, die am selben Tag eine Veranstaltung in Innenräumen besuchen wollen oder bei denen die Corona-Warnapp ein erhöhtes Risiko anzeigt. Wer in keine der beiden Gruppen fällt, sich aber etwa vor einer Familienfeier trotzdem testen lassen möchte, muss die 9,50 Euro dafür aus eigener Tasche bezahlen.

»In jedem Fall muss der Anspruch nachgewiesen werden«, so die Landrätin. Die Teststellen wiederum hätten eine Dokumentationspflicht. Auf sie kommt also ein enormer bürokratischer Aufwand zu - und das nahezu ohne Vorbereitungszeit.

»So kann man mit den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit nicht umgehen«, findet DRK-Vorstand Christian Betz. Der Kreisverband betreibt 20 Testcenter mit rund 300 Mitarbeitern in Mittelhessen - und die müssen selbstverständlich auch bezahlt werden. »Die Wirtschaftlichkeit muss für die Anbieter gegeben sein«, betont die Landrätin. Doch mit der neuen Verordnung geht auch eine Änderung bei der Kostenerstattung einher. Bislang übernahm der Bund pro Test 11,50 Euro, seit 1. Juli sind es nur noch 9,50 Euro.

Hinzu kommt: Die Kassenärztliche Vereinigung, die für die Abrechnung der Tests mit den Teststellen zuständig ist, hat mitgeteilt, die Bürgertests künftig nicht mehr abzurechnen und auszuzahlen. In einem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bemängelt die Vereinigung, dass die Richtigkeit der Auszahlungen nicht mehr zu prüfen sei. »Wir wissen bis heute nicht, bei wem wir die Tests künftig abrechnen«, kritisiert Betz.

Fehlende Kassen

Weil kaum Zeit zum Reagieren blieb, mussten Besucher der DRK-Testzentren im Landkreis in den ersten Julitagen übrigens nichts für ihre Tests bezahlen - egal ob berechtigt oder nicht. »Wir waren so schnell nicht in der Lage, ein Bezahlsystem einzuführen.« Auch die Onlineanmeldung für die Tests musste laut Betz überarbeitet werden, damit Testwillige künftig möglichst bequem auch online bezahlen können.

In den Testzentren der Johanniter-Unfallhilfe wurden zum 1. Juli Kassen für Barzahlung aufgestellt, Kartenzahlung habe man in der Eile nicht realisieren können, sagt Vorstand Marco Schulte-Lünzum. Die rentiert sich bei kleinen Beträgen aber ohnehin nicht: »Jede Kartenzahlung kostet uns 60 Cent.«

Trotz der Schwierigkeiten: Sowohl die Johanniter als auch das DRK wollen die Testangebote aufrecht erhalten. Die Schnelltests seien wichtig für den Schutz vulnerabler Gruppen und für Menschen, die etwa vor privaten Treffen Sicherheit möchten, verdeutlicht Schulte-Lünzum. Andere Testzentren würden ihr Angebot aber möglicherweise pausieren, entsprechende Anzeigen gibt es laut Landrätin Schneider bereits.

Wenn durch die neue Verordnung Testzentren wegfallen, schade das vor allem Älteren, die nicht mal eben mehrere Kilometer zum nächsten fahren könnten, gibt Johanna de Haas zu bedenken. Zudem sei denkbar, dass manche Anbieter angesichts der verringerten Erstattung günstigere, und gegebenenfalls minderwertige, Testkits verwenden.

Auf die Anzahl der durchgeführten Tests haben sich die Änderungen aber noch nicht merklich ausgewirkt. In der Woche vom 20. bis 26. Juni hat das DRK laut Betz an den 16 Testzentren im Landkreis 17 881 Schnelltests durchgeführt. Vom 27. Juni bis 3. Juli - also nach drei Tagen ohne kostenlose Tests für alle - waren es 16 935.

Landrätin Schneider fürchtet, dass insbesondere Menschen mit geringem Einkommen nun auf Tests verzichten könnten. Zudem komme die Änderung in einer Zeit, in der angesichts der Inflation und der hohen Energiepreise selbst Mittelständler »in ein leeres Portemonnaie schauen«.

Sowohl das DRK als auch die Johanniter wollen in ihren Testzentren eine Selbsterklärung der Testwilligen akzeptieren und nicht auf weitere Nachweise drängen. »Wir setzen auf die Ehrlichkeit der Menschen«, betont Betz. Neben dem bürokratischen Aufwand sieht der DRK-Vorstand auch datenschutzrechtliche Probleme, etwa bei der Kontrolle des Mutterpasses. Denn darin sei beispielsweise auch vermerkt, ob die Schwangerschaft durch eine künstliche Befruchtung zustande kam. »Das sind hochsensible Daten, die keinen Mitarbeiter etwas angehen.«

Auch interessant