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Kritik aus dem Nachbarkreis

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Alles so schön neblig hier, aber im Nullkommanichts wird die Luft wieder klar. Martin Seipp bei der Vorführung des Ventilationssystems. Fotos: Leyendecker © Leyendecker

Es ist einfach und vertreibt die schlechte Luft im Klassenzimmer, in Coronazeiten eine Wohltat. Doch das Ventilationssystem der THM, das an Kreisschulen eingebaut werden soll, überzeugt andere nicht.

Kreis Gießen (fley). Schulräume richtig lüften. Diese Thematik führte während der Coronapandemie zu umstrittenen Debatten. Im Winter vergangenen Jahres gab es eine Vielzahl an Berichten über frierende Kinder, die bei geöffnetem Fenster die klirrende Kälte aushalten mussten, damit der Luftaustausch im Klassenraum vollzogen werden konnte. Die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) hat dafür ein probates Gegenmittel erfunden.

Wenn es nach Prof. Hans-Martin Seipp geht, dann gehört 20-minütiges Durchlüften in Klassenräumen bald der Vergangenheit an. Innerhalb von rund drei Minuten soll ein Lüfter, der an der THM von zwei Professoren entwickelt wurde, den Luftaustausch in einem gewöhnlichen Klassenraum bewerkstelligen können.

Der Aufbau des Geräts ist simpel, aber effizient. Das Konstrukt ist ein in die Außenwand eingebauter Ventilator, der beim Überschreiten von CO2-Werten im Raum anspringt. Dieser Ventilator sorgt für die Abluft.

Gleichzeitig kippt ein kleiner Motor ein Fenster am anderen Ende des Raums, durch das dann frische Luft einströmt und sich durch die Sogwirkung nahezu kolbenförmig und somit gleichmäßig im Raum verteilt. Die großen Luftreiniger, die oft auch einen gewissen Geräuschpegel mit sich bringen, würden dann der Vergangenheit angehören.

Der Landkreis Gießen zeigte sich bereits im Frühjahr von dieser Idee begeistert, ebenso wie der nordhessische Werra-Meißner-Kreis. Bei beiden Landkreisen ist der THM-Lüfter im Einsatz.

Gegenwind oder eher dicke Luft kam vor einigen Tagen aus dem benachbarten Lahn-Dill-Kreis. Vize-Landrat Roland Esch und ein Ingenieur der Kreisverwaltung hatten im vergangenen Monat den Kreistagsabgeordneten im Lahn-Dill-Kreis einen selbst erstellten Testbericht vorgestellt. Dieser sollte klären, ob ein von der THM entwickelter Raumlüfter auch an Schulen im Lahn-Dill-Kreis eingesetzt werden sollten.

Unverständnis über Äußerung

Für Unverständnis bei den Zuständigen der Hochschule sorgten folgende Aussagen Eschs während der Sitzung. Das Gerät sei eine Diplomarbeit eines THM-Studenten, der Landkreis Gießen nutze es zwar an einigen Schulen, rudere aber bereits wieder zurück.

Die Anlage sei zwar kostengünstig, aber verbrauche gleichzeitig zu viel Energie, denn die Wärme werde hinausgepustet, aber nicht wiedergewonnen. Eine Förderung sei im Rahmen von energetischen Sanierungen ausgeschlossen.

Der Lahn-Dill-Kreis setze daher in Schulen, die saniert werden sollen, auf Anlagen mit Wärmerückgewinnung. Bei Neubauten wie etwa der Wetzlarer Goetheschule werden zentrale Lüftungsanlagen eingebaut. Aussagen, welche sowohl die THM wie auch die Kreisverwaltung des Landkreises Gießen verwirren.

Im achten Stock des Gebäudes A10 präsentierte Seipp Ende vergangene Woche erneut sein Lüftungssystem auf Nachfrage dieser Zeitung und unterstrich die Wirksamkeit und den geringen Kostenfaktor.

Mittels einer Nebelkanone demonstrierte der Professor die Technik des Abluftsystems und binnen weniger Sekunden wurde die Zirkulation im Raum sichtbar. Nach kurzer Zeit war die Luft im Raum ausgetauscht. »Der Luftreiniger, wie wir ihn kennen, der kostet 3500 Euro. Mit Installation und je nach Ausbaustatus kostet unser Lüfter zwischen 1500 und 3000 Euro als Obergrenze. Bei der günstigsten Variante machen die Schüler oder die Lehrer das Fenster auf und schalten den Trafo an, bei der teureren Variante funktioniert das Prinzip automatisch. Beim Luftreiniger haben Sie noch die Kosten für den Filter, hier haben Sie keinen Filter, sondern frische Luft«, sagte Seipp.

Die Kostenkalkulation sei bei der Kreisverwaltung rund 2000 Euro höher, wenn das Projekt beim Haushalt berücksichtigt werden muss. »Aber wir kennen die Einzelpreise, deswegen kann ich den Preis mit Gewissheit nennen. Der Hauptkostenpunkt ist die Installation«, argumentierte Seipp.

Geeignet ist das System vorerst nur für Grundschüler und das hat nach Aussagen des Professors rein pragmatische Gründe. »Wir haben Erfahrungen aus dem Werra-Meißner-Kreis. Dort haben sich Berufsschüler einen Spaß gemacht, das System zu überlisten. Sie klebten beispielsweise Kaugummis auf die CO2-Sensoren. So weit sind die Grundschüler noch nicht. Der Werra-Meißner-Kreis hat rund 900 von den Geräten und die dortige Kreisverwaltung hat gesagt: Die kommen nur in die Grundschulen rein«, resümierte der Professor.

Luftfiltergeräte viel zu laut

Angefangen hatte das Projekt nach einer Begutachtung eines Luftfilters auf Anfrage des Sozialministeriums zu Beginn der Pandemie. »Wir haben uns lange damit auseinandergesetzt und haben festgestellt, wie aufwendig das Gerät ist und wie hoch die Belastungen durch Schall in der Klasse sind, weil das Gerät ja die ganze Zeit läuft. Die Schallbelastung in Klassenräumen ist aus meiner Sicht eine Katastrophe. Die Luftreiniger ändern an der CO2-Belastung im Raum nichts.« Das langfristige Problem im Raum sei die CO2-Problematik und deswegen haben wir gesagt, dass wir eine Alternative brauchen. Wir haben uns deswegen früh gegen diese Luftfilter ausgesprochen«, schilderte der Professor.

Sind die Kritikpunkte des Vize-Landrats des Lahn-Dill-Kreises nun berechtigt oder nicht? Seipp berichtete über die schwierige Kommunikation zwischen der Hochschule und dem benachbarten Landkreis. »Der Lahn-Dill-Kreis ist für uns in der Kommunikation schwierig. Dort gab es immer ganz viele Nachfragen, hoch interessiert von allen möglichen Leuten und dann kam nie was. Ich hatte angeboten, dass man gerne vorbeischauen möge und wir das gerne vorführen und unsere Ergebnisse vorstellen, aber sie sind nie gekommen«, unterstreicht der Hochschulprofessor.

Der Landkreis Gießen hält an der Verwendung des THM-Lüfters fest und ist von der Effizienz der Apparatur vollumfänglich überzeugt. »Sieben Klassenräume an unterschiedlichen Schulen im Landkreis Gießen wurden bereits im Herbst 2021 mit dem Abluftventilatorensystem ausgestattet und einem mehrwöchigen Praxistest unterzogen. Das vielversprechende Ergebnis und die positiven Rückmeldungen der Schulen waren die Grundlage für die Entscheidung zur Ausstattung weiterer Klassenräume«, teilte Pressesprecher Dirk Wingender jetzt mit.

Der Landkreis werde bis Ende des Jahres rund 820 000 Euro für neue Installationen investieren. 94 Räume an 23 Schulstandorten würden bis Ende des Jahres die Systeme erhalten. Von Zurückrudern keine Spur, im Gegenteil.

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Der Lüfter springt an, wenn der CO2-Melder reagiert. © Felix Leyendecker

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