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»Kuscheln«, »Chance«, »Paradies«

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Die eigens für Gießen entwickelte Installation »euwi« von Lucia Dellefant gibt eine Fülle von Denkanstößen. In ihrer Arbeit beweist die Künstlerin aber auch Sinn für Humor.

Gießen . Wieder einmal erweist sich der kleine Kiosk des Neuen Gießener Kunstvereins als Ort kraftvollen Wandels. In der neuen Ausstellung zeigt die Münchner Künstlerin Lucia Dellefant eine Installation unter dem Titel »euwi«, was ihre Abkürzung für »europe wealth index« ist. Die Arbeit bezieht sich damit auf das Geschehen in der Welt der Wirtschaft, vor allem jedoch auf die Konsequenzen für den Einzelnen. Eine ernste Sache, doch die Künstlerin zeigt in ihrer Arbeit deutlichen Sinn für Humor. Nun war Eröffnung.

Lucia Dellefant, geboren 1965 in München, studierte von 1985 bis 1990 Kunsterziehung an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Staatsexamen). Sie errang diverse Auszeichnungen, darunter: 2013 »Artist in residence scholarship« (Huantie Times Art Museum, Peking), 2010 Projektförderung Karin Abt-Straubinger-Stiftung, 2008 bis 2011 Atelierförderprogramm München, 2006 »Cité Internationale des Arts« (Paris), 2002 bis 2005 Atelierförderprogramm Bayern. Dellefant hatte seit 1996 zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen.

Im Wesentlichen befasst sich Lucia Dellefant mit der Wirtschaft und ihren Zusammenhängen. Wie bringt sie das mit der Kunst zusammen? »Indem ich solche Installationen mache wie dieses hier. Es geht um das Bruttoinlandsprodukt (BIP), bei dem sich die Regierung vorgenommen hat, es neu zu justieren. Und da dachte ich mir, ich helfe dem Bundeskanzler mal mit so einem Projekt, in dem ich das BIP zunächst mal umbenenne in ›euwi‹, also ›europe wealth Index‹ oder ›europäischen Wohlstandsindex‹.« Damit stellt die Künstlerin zunächst den Begriff »Wohlstand« in den Mittelpunkt. Zudem sollte es in Gießen eine »partizipatorische Installation« werden. Das heißt, dass jeder Besucher die Chance hat, mittels der Karten, den Bestandteilen der Installation, selbst aktiv zu werden.

Was sieht man? Der Innenraum des Kunstvereins wird von orangefarbenen Textfeldern eingenommen, von denen es neun verschiedene gibt. Gemeinsam auf die Wand gebracht, bilden sie ein leicht hypnotisches Muster, das ergänzt wird vom Text einer Botschaft an den Bundeskanzler, der rechterhand angebracht ist. Das auffallendste Wort ist »klug«, gleich daneben stehen »kuscheln« und »Paradies«. Auffällig ist auch »Chance« oder, es sind ja Botschaften an den Bundeskanzler, »voll an die Wand« (alles in Großbuchstaben). Wichtig: »Die Zufriedenheit der Bürger soll zukünftig mit in die Berechnung des Wohlstandsindex eingehen,« fordert Dellefant in ihrem Projekt.

Die Karte »Tieeef durchatmen« etwa soll an den Wert einer sauberen Natur erinnern. Das Ganze deutet darauf hin, »dass es unsere Ideen sind, wie wir sie gemeinsam konstruieren können und was uns dabei wichtig ist. Ich habe es mal in ein Muster gebracht.« Man kann dem Kanzler natürlich auch mehrere oder alle Karten schicken.

»Es ist der rote Faden in meiner Arbeit, dass die Leute in der Regel zu Aktivisten werden«, sagt Dellefant. Wenn sie möchten »oder nicht«. Ihre künstlerische Haltung sei die, »dass ich den Leuten den Zugang zu einer Aktion oder zum Mitgestalten der Gesellschaft leichter mache«. Das spielt sich immer in konkreten Verhältnissen ab. Dellefant hat die Installation eigens für Gießen entwickelt, sie wird sie noch an weiteren Orten zeigen. Obgleich optisch eine Symmetrie, also auch das Element der Wiederholung besteht, ergeben sich beim Einlesen in die Grafik zahlreiche individuelle Bezüge. Wesentlich sind die positiven oder konstruktiven Aspekte: »Zufrieden«, »klug«, »Chance«, »Paradies« oder »kuscheln«. Und natürlich »umsonst«, ein zentraler Punkt.

So rätselhaft »euwi« auf den ersten Blick wirkt, die Installation - sie ist nicht im Ganzen gedruckt, sondern aus einzelnen Karten zusammengesetzt, die die Besucher mit nach Hause nehmen können - transportiert eine Fülle von Denkanstößen. Auf der Textseite sind jeweils verschiedene inhaltliche Punkte hervorgehoben. Bei »Paradies« geht es zum Beispiel um die Qualität der Daseinsfürsorge, und bei »umsonst« um die ehrenamtlichen Tätigkeiten. Es ist eine sehr anregende und verblüffend tiefgehende Arbeit, insgesamt eine der interessantesten der Saison - und sie ist noch bis zum 11. Juni zu sehen.

Kontakt und weitere Infos: telefonisch unter 0178/6604302, per E-Mail an info@kunstverein-giessen.de sowie im Internet unter kunstverein-giessen.de

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