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Landwirte sorgen sich um Mais und Kartoffeln

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Helge Timm, Hessens Bauernpräsident Karsten Schmal und Daniel Seipp (v.l.) informierten beim traditionellen Erntegespräch über die Lage der heimischen Bauern. Foto: Wißner © Wißner

Beim traditionellen Erntegespräch wurde eine gemischte Bilanz gezorgen. Bei Gerste, Raps und Weizen lief es gut, um Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln machen sich die Landwirte Sorgen.

Kreis Gießen (twi). »Im Moment sieht es nicht toll aus.« Der Vorsitzende des Bauernverbandes Gießen/Wetzlar/Dill, Daniel Seipp aus Muschenheim, blickt skeptisch auf die ausstehende Zuckerrüben- und Kartoffelernte. Ort des traditionellen Erntegesprächs ist diesmal die Kartoffellagerhalle des landwirtschaftlichen Betriebs Timm in Ober-Hörgern. Dabei ist auch der Präsident des Hessischen Bauernverbandes (HBV), Karsten Schmal.

»Der Winter 2021/22 ist ausgefallen. Es gab keine größeren Frostereignisse. Der März war sehr trocken, was auch Vorteil und sehr gute Bedingungen für die Aussaat mit sich brachte, so dass Sommergetreide und auch Zuckerrübe bereits im März gesät wurden. Aufgrund der Niederschläge im April und Mai konnten sich die Bestände gut entwickeln, wobei sich die Mais-Aussaat um zehn Tage verzögerte«, berichtet Seipp.

Die ungewöhnlich frühe Ernte von Wintergerste sei sehr gut gewesen mit Erträgen teilweise über dem Vorjahr. Die Rapsernte verlief laut Seipp »recht erfreulich«. Bei Sommergerste und Weizen wurde überraschend teilweise ein Ertrag von über sieben Tonnen pro Hektar erzielt, was für die Region einen überdurchschnittlichen Ernteertrag bedeute.

Weniger gut sind die Aussichten bei den Zuckerrüben. Dort wirke sich zum einen die aktuelle Trockenheit aus. Zum anderen hätten die Zuckerrübenfirmen aufgrund der Energiekrise beim Gas eine frühere Anlieferung gefordert. Bei der früheren Ernte zeichne sich bereits jetzt ab, »dass wir dabei Zuwächse verlieren«.

Bei Mais und Kartoffeln gibt es keine positiven Erwartungen. »Der Mais sieht sehr schlecht aus. Der kalte Mai, dann kam die Trockenheit. Die Bestände sind niedrig. Hier wird es zu erheblichen Verlusten kommen. Beim Grünland warfen die ersten beiden Schnitte noch vernünftige Erträge ab, doch aktuell fällt dies aus. Auch bei den Kartoffeln wird es zu Einbußen kommen«, prognostiziert Seipp.

Dem pflichtet Gastgeber Helge Timm bei, der auf seinen 220 Hektar Ackerfläche größtenteils Kartoffeln anbaut und davon ausgeht, dass die Ernte hier 20 bis 35 Prozent geringer ist als noch 2021, was vor allem den frühen, hohen Temperaturen geschuldet sei. Bei den Zuckerrüben rechnet Timm mit 30 statt 70 Tonnen pro Hektar, »wenn keine Feuchtigkeit kommt«. Und danach sieht es nicht aus.

Schmal hatte zuvor bereits darauf verwiesen, dass die Ernte in der Region Gießen/Wetterau weitestgehend abgeschlossen sei. Mit der Wintergerstenernte sei »unfassbar früh begonnen worden, weil es einen warmen und sonnigen März gab. Die Niederschläge im April haben die Ernte gerettet«.

Drittsonnigster Frühling seit 1951

Allerdings sei 2022 das vierte Jahr in den vergangenen fünf Jahren mit zu wenig Niederschlag. »Es war der drittsonnigste Frühling seit 1951«, berichtet der Präsident. Von Wetterextremen wie Hagel und Starkregen wurde Hessen bisher verschont. »Der Erntefortschritt in diesem Jahr ist fast rekordverdächtig und die Erträge besser als erwartet«, bestätigt auch Schmal. Trotz einer um fast 2000 Hektar verringerten Anbaufläche bei der Wintergerste sei mit 65 bis 90 Dezitonnen pro Hektar gegenüber 70 bis 80 dt/ha im Vorjahr eine überdurchschnittliche Ernte erzielt worden. Beim Winterweizen, der wichtigsten Kultur in Hessen, sei es ungefähr die gleiche Ernte wie im Vorjahr. Beim Raps sei regional die beste Ernte seit langem erzielt worden. Aufgrund der guten Preise sollte man für 2023 eine höhere Aussaatfläche in Betracht zu ziehen.

Der Klimawandel sei das größte Problem der Zukunft: langanhaltende Hitzeperioden, stärkere Unwetter, Naturkatastrophen - hiervon seien die Landwirte in erster Linie Betroffene, betont Schmal. Der Ukraine-Krieg sei eine neue Herausforderung für das Jahr 2022 und darüber hinaus. Märkte, Preise und Warenströme seien im Umbruch und der Krieg fordere ein Umdenken. Versorgungssicherheit für Lebensmittel, Rohstoffe und Energie sei die neue strategische und politische Aufgabe für Deutschland und Europa, die ohne Landwirtschaft nicht gelöst werden kann. »Wir erleben eine Zeitenwende. Und hier müssen die bisherigen Herausforderungen beim Umweltschutz, Klimaschutz, Tierwohl und Artenvielfalt weiterhin vorangebracht werden«, fordert der Bauernpräsident.

Laut Konjunkturbarometer Agrar des Deutschen Bauernverbandes bleibe die Stimmungslage unter den Landwirten weiterhin gedrückt. Die wirtschaftliche Lage werde im Vergleich zum Frühjahr etwas schlechter eingeschätzt. Schmal verweist auf die durch den Ukraine-Krieg gestiegenen Kosten. »Explodierende Betriebsmittelpreise - insbesondere für Stickstoffdünger, Energie, Diesel, Futtermittel, Logistik - machen das Wirtschaften schwer, auch wenn in einigen Bereichen die Erzeugerpreise gestiegen sind. Die gesamte Lebensmittelkette ist weiterhin mit massiven Kostensteigerungen konfrontiert.«

Er sei nicht sehr optimistisch, dass die hessischen Landwirte die Ernteerträge in den kommenden Jahren auf dem bisherigen Niveau halten könnten. Schweinehalter durchlebten derweil eine existenzielle Krise. Der Rückgang der Tierhaltung in Hessen sei besorgniserregend. »Tierhalter brauchen eine stabile Finanzierung des Umbaus und gleichzeitig Änderungen im Bau- und Genehmigungsrecht. Wir brauchen eine Politik mit Augenmaß, die Zukunftsperspektiven eröffnet, verlässliche Rahmenbedingungen schafft und Planungssicherheit gewährleistet.« Notwendig seien ein verbindliches Finanzierungskonzept und eine Herkunftskennzeichnung, betont Schmal.

»Wenn die Tierhaltung nicht aus Deutschland abwandern soll, müssen Landwirte ein ausreichendes Einkommen über die Nutztierhaltung erwirtschaften können.« Gas sei zwingende Voraussetzung für eine Ernährungssicherung. Ohne Stickstoffdünger würden Ernteerträge einbrechen. Um globale Versorgungssicherheit zu gewährleisten, müssten Handelswege offengehalten werden. Es sei wichtig, dass die Politik gegen Exportbeschränkungen vorgehe, fordert der Präsident.

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