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Langgönserin hilft hauptberuflich Menschen im Ahrtal

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Nur noch das Gerippe dieses Fachwerkhauses in Mayschoß steht. Foto: Leyendecker © Leyendecker

Nach der Flutkatastrophe hat sich Ina Lotz für die Menschen im Ahrtal engagiert. Inzwischen tut sie dies hauptberuflich beim Helfer-Stab Rheinland-Pfalz.

Langgöns (fley). Die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 werden viele Menschen im Ahrtal wohl nie vergessen. Was als Starkregen anfing, endete in einer Flutkatastrophe. Der beschauliche Fluss Ahr verwandelte sich in einen reißenden Strom und riss alles mit, was sich ihm in den Weg stellte. Brücken, Straßen, Häuser, Autos - alles wurde weggespült. Am Morgen nach der Katastrophe begannen die Bewohner, sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Gleichzeitig wurden in Langgöns, rund 150 Kilometer von der Flut entfernt, Helfer aktiv. Eine von ihnen war Ina Lotz, die an diesem Tag ihr Engagement für das Ahrtal begann.

»An Tag zwei haben wir mit einer großen Spendenaktion in Langgöns gestartet. Bereits am nächsten Morgen war ich mit den ersten 40-Tonner-Lkw dann im Katastrophengebiet, während zu Hause etwa 80 fleißige Helfer spontan dazu bereit waren, weiter zu sammeln, zu sortieren, zu packen und zu laden«, erzählt Lotz. Sie blieb vor Ort, koordinierte und machte neue Lager ausfindig. »Wir brachten das Material direkt zu den Betroffenen. Meinen Bezug zum Tal habe ich schon lange durch den Motorsport, wo sich Kontakte und Freundschaften gebildet haben. Mir war klar, dass ich etwas tun musste, nachdem ich viele Freunde, gerade im Ahrtal, nicht erreichte«, sagt sie.

Die erste Fahrt in die Region sollte für Lotz nicht die letzte bleiben. Die ersten Eindrücke vor Ort blieben ihr in Erinnerung. »Wir wussten nicht so recht, was uns erwartet. Die Bilder aus den Medien zeigten uns aber gefühlt weniger als ein Drittel des Ausmaßes vor Ort. Gerüche, Stille, Benommenheit. Alle arbeiteten zusammen. Gespräche direkt an den Häusern waren hart. Die Menschen waren wie gelähmt, vor allem ältere Menschen stark traumatisiert.«

Als die Langgönserin das Ausmaß an Zerstörung vor Ort sah, beschloss sie kurzerhand, sich im Tal zu engagieren. »Es war vom ersten Augenblick klar, als ich diese Masse an Zerstörung sah, dass der Wiederaufbau hier Jahre dauern wird.«

Aufbau läuft - aber schleppend

Aus ihrem freiwilligen Engagement wurde im folgenden Jahr eine berufliche Tätigkeit direkt im Tal. »Ich bin seit April beim Helfer-Stab Rheinland-Pfalz beschäftigt. Das ist die Schnittstelle für ehrenamtliche Helfer auf der einen und Behörden auf der anderen Seite. Dort wurden anfangs viele Hilfsorganisationen vernetzt, so auch wir«, erzählt Lotz. Es entstand ein noch größeres Netzwerk, um die Hilfsgüter im Tal effizient zu koordinieren. »Die Stelle beim Helfer-Stab, auf die ich mich dann beworben habe, war eigentlich der ›Netzwerk-Manager‹. Zu der Zeit allerdings sollte das Projekt ›Aufsuchende Hilfe‹ starten«.

Was konkret beinhaltet das Projekt? »Dort werden alle betroffenen Haushalte besucht, um Hilfestellung zu geben. Etwa bei Anträgen, bei der Suche nach Handwerkern oder bei der Vermittlung von Architekten und Gutachtern«, sagt die Langgönserin. Betroffenen wird auch im psycho-sozialen Bereich weitergeholfen. »Das ist natürlich bei 30 000 betroffenen Haushalten ein Riesenprojekt. Als Projektleiterin kümmere ich mich um das Personal, die Absprachen mit den Ortsbürgermeistern und Ortsvorstehern, plane die Einsätze und das drum herum«, schildert Lotz.

Ein Jahr ist nun seit der Flutkatastrophe vergangen und ein Blick in die Region zeigt, dass die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten laufen. Doch es gibt noch viel zu tun. Das bestätigt auch Lotz. »Aktuell findet man noch immer Häuser, die so aussehen wie in den ersten Wochen nach der Flut. Oft liegt es daran, dass die Betroffenen einfach überfordert sind mit vielen Dingen. Es kommen immer wieder Helfer, die ihre Arbeiten anbieten, aber teilweise ist es für die Betroffenen einfach zu anstrengend. Wichtig ist aber, dass sie auch psychologisch betreut werden«, betont sie.

Viele seien im Aufbau bei etwa 70 Prozent, teilweise sind Häuser bereits fertig. »Aber eben genauso viele stehen vor Problemen und es geht nicht weiter. Gerade jetzt, wo alle Preise gestiegen sind, könnte man auf die Gutachten vom September 2021 noch einmal mindestens 30 Prozent aufschlagen«, so Lotz. Dazu komme, dass in allen Bereich ein Fachhandwerkermangel herrsche. Die Infrastruktur wieder herzustellen, das werde wesentlich länger dauern. »Es wird viel getan, egal in welchen Bereichen. Man will sich auch moderner aufstellen. Es geht um Hochwasserschutzmaßnahmen, Leitungen, die verlegt werden müssen, Wärmekonzepte, Gefahrenbereiche und so vieles mehr. Ich gehe von einer Wiederaufbauzeit von mindestens zehn Jahren aus«, sagt die Langgönserin. Schön seien aber die vielen Wiedereröffnungen von Geschäften, Restaurants oder wie vor kurzem das Freibad in Bad Neuenahr. »Das bringt positiven Mut.«

Welche Momente sind Lotz in den vergangenen zwölf Monaten im Gedächtnis geblieben? »Es waren sehr viele emotionale Dinge. Gespräche mit Menschen, die geliebte Menschen verloren haben. Deren Existenzen zerstört wurden. Gerüche, Bilder und Eindrücke, die einen begleiten. Aber auch die ganzen vielen positiven Geschichten. Jeder einzelne kleine Erfolg, wenn etwas geklappt hat oder es auf der Baustelle wieder ein Stück vorangeht. Freundschaften, die entstanden sind, der Zusammenhalt und die Solidarität, die Deutschland bewiesen hat.«

Doch noch stehe das Ahrtal in der Anfangsphase eines Marathons. »Den Menschen hier wünsche ich Ruhe und Kraft für die noch kommende Zeit. Wer sich seine Kräfte einteilt, der kommt auch ans Ziel. Die Zeit für den Endspurt mit Freudentränen wird kommen. Aber erst einmal heißt es: Stark bleiben, zusammenhalten und das Beste aus den immer wieder kommenden Hürden machen«, betont Lotz.

Sie und die Helfer lassen die Menschen derweil nicht allein und stehen weiterhin an ihrer Seite. »Ich wünsche mir, dass die Menschen selbst wieder den Mut haben, etwas auf die Beine zu stellen und sich an positiven Erfolgen so erfreuen zu können, dass sie daraus neue Kraft schöpfen.«

Das Kraftschöpfen gilt auch für die Langgönserin selbst. Momente, wo sie als Unterstützerin das Handtuch werfen wollte, hat es keine gegeben. »Klar hat man schlechte Tage. Aber dann kommt wieder eine Anfrage, man kann innerhalb kurzer Zeit etwas vermitteln und dann passt das wieder«, sagt sie.

Doch wie hält ein Mensch die Menge an Schicksalen als Außenstehender jeden Tag aufs Neue aus? »Ich weiß einfach, dass wir eine wertvolle und wertschätzende, wichtige Arbeit machen. Wir haben auch innerhalb des Teams viele Gesprächsrunden, haben selbst Zugriff auf eine Traumatherapeutin. Das kann ich meinen Leuten auch immer nur an die Hand geben«, betont die Langgönserin. Sie selbst habe kein Patentrezept und auch genug Dinge im Kopf, auch belastende. »Ich kann damit aber sehr gut umgehen. Was mich eher mental anstrengt, das ist diese Hetzen in verschiedenen Social-Media-Kanälen. Lieber hetzen und maulen, anstatt anzupacken. Dafür habe ich weder Verständnis noch die Zeit.«

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Ina Lotz ist seit April beim Helfer-Stab Rheinland-Pfalz beschäftigt. Foto: Leyendecker © Leyendecker
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Es wird noch viel Zeit brauchen, bis die Häuser wieder bewohnbar sind. Fotos: Leyendecker © Leyendecker

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