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Leiche existiert angeblich nicht

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In dem beschaulichen Dorf Bellersheim soll 2016 ein Mord verübt worden sein. Dafür müssen sich zwei Angeklagte vor Gericht verantworten. © Czernek

Kreis Gießen . Der jüngste Verhandlungstag zum Mordfall in Hungen-Bellersheim gab Einblicke in die Gedankenwelt eines der beiden Angeklagten. Zu Beginn des Prozesstages im Gerichtssaal am Stolzenmorgen verlas die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze zwei Briefe des angeklagten IT-Spezialisten, die er kürzlich in der Untersuchungshaft geschrieben hat.

Das eine Schriftstück war direkt an die Vorsitzende Richterin adressiert, das andere an seine Mutter.

Gegenseitige Beschuldigungen

Den beiden Angeklagten, einem 44-jährigen Mathematik- und Physiklehrer aus Bruchköbel und einem vier Jahre jüngeren IT-Spezialisten, wird vorgeworfen, ihr späteres Opfer im November 2016 zu einer Hofreite nach Hungen gelockt und dort erschossen zu haben. Anschließend habe der Jüngere der beiden die Leiche zerstückelt und sie an einem bisher unbekannten Ort beseitigt. Wer die tödlichen Schüsse abgegeben hat, ist bislang ungeklärt, denn die beiden Angeklagten beschuldigen sich gegenseitig.

In beiden Schriftstücken verhöhnt der IT-Spezialist auf extrem despektierliche Weise das Opfer und seinen Mitangeklagten. Dies veranlasste den Staatsanwalt zu dem Hinweis, dass diese Äußerungen im Rahmen der Strafzumessung negativ zu Buche schlagen können und dies zu Feststellung der besonderen Schwere der Schuld im Rahmen des Urteils führen kann.

Im ersten Brief möchte er angebliches Wissen über den Mordfall weitergeben und schreibt, dass sein Mitangeklagter, ein 44-jährigen Mathematik- und Physiklehrer aus Bruchköbel, gegenüber einem anderen Gefangenen die Tat gestanden habe. Dieser Gefangene würde sein Wissen gegen eine Geldzahlung öffentlich bezeugen. Vielleicht würde ja auch die Familie des Getöteten ein Kopfgeld darauf aussetzen, schreibt er lakonisch. Da dieser angebliche Gesprächspartner mittlerweile ebenfalls in der JVA in Gießen einsitzt, konnte diese Behauptung leicht überprüft werden, denn die Richterin hatte ihn als Zeugen geladen.

Der 26-Jährige war zwischenzeitlich für ein paar Monate in der Haftanstalt untergebracht, in der auch der ältere der beiden mutmaßlichen Täter einsitzt und konnte somit beide Angeklagte kennenlernen. Er gab sich jedoch völlig ahnungslos. Er wisse überhaupt nicht, warum er hier als Zeuge geladen sei. Auch als ihm die Richterin geduldig die entsprechenden Passagen aus dem Schriftstück vorlas, gab sich der Zeuge weiterhin wortkarg und unwissend.

Diesen Umstand wollten ihm weder das Gericht noch die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung so recht glauben. »Wir wissen, dass sie uns hier nicht die ganze Wahrheit sagen«, kommentierte Oberstaatsanwalt Thomas Hornburger die Äußerungen.

Zweifel an Glaubwürdigkeit

Auch nach einem Hinweis auf mögliche Konsequenzen mauerte er weiter. So wollte er noch nicht einmal die Namen derjenigen nennen, die mit ihm zusammen in der Wäschekammer arbeiten. »Ich nenne hier keine Namen. Wenn Sie das wissen wollen, dann können Sie ja in der Haftanstalt anrufen, die wissen das.« Bei diesen Verlautbarungen des Zeugen platzte sogar dem jüngeren Angeklagten der Kragen, er bat um Gehör und sagte zu ihm: »Alter, das ist falsche Knastsolidarität. Es geht nur darum, dass Du das bestätigst, was Du mir erzählt hast. Jetzt kannst Du es noch drehen. Wenn die Aussage vorbei ist, bekommst du möglicherweise wegen der Falschaussage noch einen drauf.«

Redseliger nach Unterbrechung

Um sein Gedächtnis etwas aufzuhellen, wurde die Sitzung kurzzeitig unterbrochen, danach war er deutlich redseliger. Auf einmal gab er ein gehöriges Wissen über den Fall zu, er und der jüngere Angeklagte würden regelmäßig nach einer Verhandlung über den Verlauf sprechen; dass er allerdings gegen Geld eine entsprechend belastende Aussage gegen den älteren Angeklagten machen würde, das bestritt er.

Allerdings wartete er mit einer äußert fantasievollen Geschichte auf, die nicht so recht zu den Ermittlungsergebnissen passte: Der Angeklagte hätte ihm gesagt, dass dies eine »Story« sei. Keiner hätte jemanden umgebracht.

Es gäbe keinen Toten, das hätte der Angeklagte zu ihm gesagt. Der Flug zu dem See, wo angeblich die Leiche hingebracht worden sei, sei auch »Verarsche« gewesen. Der Angeklagte habe sich noch lustig darüber gemacht, dass man extra einen Hubschrauber geordert habe, um in dem See nachzusehen.

Auch auf Nachfrage des Staatsanwalts blieb er bei dieser Aussage. Der Prozess wird fortgesetzt.

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