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»Liebe muss sein«

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Die Journalistin Gabriele von Arnim stellt in Gießen ihr bemerkenswertes Buch »Das Leben ist ein vorübergehender Zustand« vor.

Gießen . «Das Leben ist nur ein vorübergehender Zustand«: Der Titel des Buches von Gabriele von Arnim ließ auch den Vorstand des Hospiz-Vereins Gießen aufhorchen. Denn darin drücke sich so vieles davon aus, »was auch unsere Ehrenamtlichen bei ihrer Arbeit täglich erleben«, verdeutlichte der Vorsitzende Erwin Kuhn zum Auftakt der Veranstaltungsreihe im Volksbankforum, die anlässlich des 25-jährigen Vereinsbestehens stattfindet und sich dem Thema »Leben und Sterben« widmet. Die Moderation übernahm die Gießener Journalistin Annette Spiller.

»Das Sterben gehört zum Leben«, besagt ein Sprichwort - und dennoch wird es konsequent tabuisiert. Was es allerdings bedeutet, plötzlich durch eine Krankheit aus dem normalen gesunden Lebenstrott herausgerissen zu werden, schildert Gabriele von Arnim eindringlich ehrlich in ihrem autofiktionalen Werk. Mehr als 30 Jahre war sie mit dem ehemaligen ARD-Chefredakteur Martin Schulze verheiratet. Dieser bekam 2004 kurz hintereinander zwei Schlaganfälle, war fortan halbseitig gelähmt, zudem zitterte eine Hand nur noch. »Sein Geist war wie immer brillant, er verstand alles, aber er konnte nicht mehr mit der Außenwelt kommunizieren. Sein Verstand war eingekerkert in einem kaputten Körper«, beschreibt seine Frau diesen Zustand, der bis zu seinem Tod im März 2014 fast zehn Jahre andauerte.

Gabriele von Arnim blieb an seiner Seite, pflegte ihn und musste bei allem auch die Balance für sich und ihr eigenes Leben finden. Das Lesen und die Literatur haben ihr Kraft gegeben: »Einfach mal aus dem eigenen Leben weggehen in ein anderes Leben, um das eigene ertragen zu können.«

Nach seinem Tod stürzte sich die Journalistin in die Arbeit, sie wollte diese Erlebnisse, über die sie Tagebuch geführt hat, im wahrsten Sinne verarbeiten. »Aber auch Trauer braucht Zeit. Und so hatte ich vor ein paar Jahren schon einmal mit dem Buch begonnen. Doch das ging noch nicht. Also habe ich es wieder zur Seite gelegt, bis die Zeit reif war.«

Herausgekommen ist ein sehr bemerkenswertes Buch, in dem sie nichts glorifiziert und beschönigt, denn eine Krankheit habe nichts Erhabenes oder Schönes. Wenn es um körperliche Mängel und die Versorgung von Wunden oder sonstige Unzulänglichkeiten geht, lässt sie in ihren Beschreibungen nichts aus. Außerdem habe sie lernen müssen, seinen Willen zu respektieren und nicht übergriffig zu werden.

Bewusst verzichtet Gabriele von Arnim auf jegliche Namensnennung und verleiht damit der Geschichte eine Universalität. »Aber natürlich ist es die Geschichte von meinem Mann und mir. Die beiden Figuren sind auch Repräsentanten einer Situation, denn die Hauptperson ist die Krankheit.« Und die Krankheit veränderte von heute auf morgen alles: Der Mensch, der gerade noch so eloquent und scharfzüngig war, war verschwunden. Er, der die Öffentlichkeit liebte, konnte nicht mehr sprechen; seine Frau war die Einzige, die sein »Gebrabbel« verstand.

Viele Freunde und Bekannte hätten sich zurückgezogen, manche gar die Straßenseite gewechselt, wenn sie Martin Schulze in seiner Gebrechlichkeit im Rollstuhl sahen. Dabei sehnte sich ihr Mann nach den Menschen um ihn herum. «Und so holten wir uns die Welt nach Hause.« Fast täglich seien Gäste gekommen, um ihm etwas vorzulesen.

Auf die Frage der Moderatorin, wie sie damit zurechtgekommen seien, antwortete von Arnim: »Menschen haben Angst vor Schwäche und vor dem Schmerz, der in der Erinnerung an früher liegt.« Sie habe für ein solches Verhalten durchaus Verständnis, war jedoch zugleich traurig darüber, dass es viele nicht einmal versucht hätten. »Wir haben uns nie in die Krankheit eingelebt, wir haben sie gelebt. Und auf einmal merkt man wie viel Kraft in einem wirklich steckt«. Nach zehn Jahren war die Kraft verbraucht. Die Partnerschaft habe sich in dieser Phase gewandelt, daraus sei eine wirklich innige Liebe geworden. »Liebe muss sein«. Trotz der wahnsinnigen Belastung hatte sie zum Schluss Angst vor der »Leere danach«. Diese Ambivalenz gehöre jedoch zu dem Prozess dazu. Daher riet sie allen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden: »Gehen Sie freundlich mit sich selbst um.«

Gabriele von Arnim: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand, 240 Seiten, Rowohlt 2021.

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