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Liebe und Vertrauen

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Von: Burkhard Bräuning

Am Anfang von Ostern steht ein Verrat. Judas liefert seinen Freund Jesus Christus ans Messer. Und so nimmt die Leidensgeschichte ihren Lauf. Zu meiner Ostererzählung passt kein Verrat. Mit Ostern verband ich als Kind vor allem eins: Vertrauen. Vertrauen darauf, dass alles gut wird, gut ist und gut bleibt. Ich hatte sogar eine Garantie darauf. Nur wussten die beiden, die Ostern für mich zu einem Fest des Vertrauens machten, gar nichts davon.

Es waren meine Eltern, in die ich all meine Hoffnungen setzte. Und ich wurde nie enttäuscht.

In unserer Familie herrschte nie nur eitel Sonnenschein. Wir hatten unsere Sorgen und Konflikte, wer hat die nicht. Aber Ostern, das war pure Freude, Ostern war alles gut. Alles - das war für mich die Summe aus dem, was mir zum Fest wichtig war.

Nein, nicht das gut gefüllte Osternest. Eher das Drumherum, das gute Essen, der Duft von Kuchen, der bunt dekorierte Tisch und vor allem die Tatsache, dass die komplette Familie versammelt war. Ostern - und Weihnachten auch - stärkten meinen Glauben daran, dass es Dinge gibt, auf die man sich verlassen kann.

Mein Elternhaus war Nest und Zufluchtsort. Nichts war mir in diesen Kindertagen vertrauter als die wenigen Zimmer, die Küche, das Bad und der Keller unseres Hauses. Wenn meine Mutter zu Bett ging, rüttelte sie an der Haustür, prüfte, ob sie wirklich verschlossen war. Dann ging sie drei Treppenstufen nach oben, machte kehrt und rumpelte noch mal. Danach marschierte sie zügig alle Stufen nach oben.

Ich schwöre, es war nie anders. Und ich dankte ihr jeden Abend dafür. Ich konnte das Knarzen der Küchentür mit Leichtigkeit von dem der Wohnzimmertür unterscheiden. Nichts war mir fremd. Ich kannte die Gerüche im Keller, im Kuhstall und auf dem Heuboden.

Nach dem Abendessen, wenn alle noch um den Küchentisch saßen und plauderten, kletterte ich über unseren Schuhschrank nach oben auf den deutlich höheren Küchenschrank. Da legte ich mich flach hin und lauschte den Gesprächen meiner Eltern, meiner Oma und meiner älteren Geschwister. Sie alle kannten meinen Beobachtungsposten. Manchmal vergaßen sie mich aber, und dann musste ich nicht allzu früh ins Bett. Ich saugte alles auf, was ich hörte. Und fühlte mich geborgen.

Die Fürsorge meiner Eltern Anna und Karl, mein gesamtes Zuhause stärkten mein Urvertrauen. Und mein Grundschullehrer Karl Sommer machte aus dem kleinen, neugierigen, manchmal auch naseweißen und noch sehr naiven Jungen einen Menschen, der an das Gute glaubt, der dem Staat, der Gesellschaft und den politischen Institutionen vertraut. Aber nicht bedingungslos.

Das Leben lehrte mich, dass man neben einer Meinung auch eine Haltung haben sollte. Als junger Mann lernte ich, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist. Und in Frieden leben zu können, auch nicht. Ich lehnte radikale und extreme Positionen ab, Gewalt sowieso, diskutierte leidenschaftlich gerne über Politik und haderte manchmal mit meinem Gott, zu dem ich als Kind innig gebetet hatte. Aber ich lobte, und wenn es nur für mich selbst war, seine Schöpfung.

»The Times They Are A-changin‹« - das singt Bob Dylan seit fast 60 Jahren. Ja, die Zeiten ändern sich. Der Junge von einst ist heute 64 Jahre alt. Meine Oma und mein Vater sind gestorben. Meine Geschwister sind weitergezogen. Ich bin geblieben. Meine Frau und ich haben für uns und unsere drei Kinder hinter meinem Elternhaus ein eigenes Nest gebaut. Nichts Feudales. Wir haben’s im Winter warm, kuscheln uns an den Kachelofen, im Sommer sitzen und arbeiten wir gerne im Garten. Meine Mutter ist mittlerweile 92 Jahre alt und lebt bei uns. Die Haustür prüft sie abends nicht mehr, das machen wir.

Wir haben unsere Kinder all das gelehrt, was auch unsere Eltern uns mitgegeben haben. Vor allem Liebe und Vertrauen. Hannah, Neele und Kara sind längst selbstständig, gehen ihre eigenen Wege. Unsere Jüngste wohnt aber noch zu Hause. Die Großen kommen gerne heim - ins Elternhaus, und das macht uns glücklich. Sie vertrauen darauf, dass Ostern auch in diesem Jahr so wird, wie es immer war, dass Weihachten das Glöckchen geläutet wird, dass wir für sie da sind - nicht nur in guten Zeiten. Für sie sind Haus und Grundstück ihr ganz eigenes Bullerbü.

Das Vertrauen im Kreis der Familie ist also auch in der nächsten Generation geblieben. Mein Vertrauen in Staat und Gesellschaft aber hat gelitten. Besonders in den letzten zwei Jahren. Lockdowns, Maskenpflicht, Abstandsregeln, Hygienevorschriften - war alles richtig. Und es war keine Einschränkung unserer Freiheit.

Meiner Grundrechte sah ich mich nie beraubt. Aber nun lässt man die Zügel komplett schleifen, keine Führung mehr, man redet von einem Freedom Day. Was für ein Hohn. Unter Freiheit verstehe ich etwas anderes. Der Staat hat sich allerdings frei gemacht - von seiner Verantwortung. Und er schiebt sie auf die Angestellten in den Geschäften, auf die Lehrerinnen und Lehrer, auf die Arbeitgeber. Ja, auf uns alle.

Und es kommt, wie es kommen muss und wie man es schon in den ersten Wochen der Pandemie gesehen hat: Nicht alle sind bereit, sich dieser Verantwortung zu stellen. Wer fragt noch nach den gesundheitlich angeschlagenen Menschen, nach den vulnerablen Gruppen, nach den ganz Alten? Von den Corona-Leugnern möchte ich hier gar nicht reden, sie haben sich schon lange disqualifiziert. Sie passen so gar nicht in einen Text, in dem es um Vertrauen und um (Nächsten-)Liebe geht. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem diese Menschen das Sagen haben. Aber dazu wird es auch nicht kommen. Sie sind - Gott sei Dank - längst nicht zahlreich genug, um diesen Staat zu übernehmen.

In den ersten beiden Jahren der Pandemie wurde sichtbar, dass die große Mehrheit sich einschränkt, um andere zu schützen. Dass viele geben, während andere nur nehmen. Und jetzt, in Zeiten eines furchtbaren Krieges, zeigt sich das noch viel mehr. Unzählige Familien und Alleinstehende helfen den Menschen in der Ukraine, stehen den Geflüchteten bei, spenden, stellen Wohnraum zur Verfügung. Und sie fragen nicht, was sie dafür bekommen.

Die Corona-Leugner haben nun ein anderes Betätigungsfeld. Sie springen Putin zur Seite. Die Gräueltaten von Bu-tscha seien von Ukrainern verübt worden, liest man nun auf den einschlägigen Websites und Social-Media-Kanälen. Ich zitiere aus einem Brief an die Redaktion: »Butscha wurde von Einheiten des Kiewer Volkssturms besetzt, dessen Kommandeure für ihren Hass auf alles Russische bekannt sind.

Daher liegt der Verdacht nahe, dass die Soldaten des Kiewer Volkssturms in Butscha ein Massaker an allen begangen haben, die sie der Unterstützung der russischen Armee verdächtigt haben. Das jedoch hört man in deutschen Medien nicht. Die total einseitige Berichterstattung zu Corona wiederholt sich leider.« Ja, stimmt natürlich. Und der Mond ist gar nicht wirklich da, er ist nur eine Projektion. John F. Kennedy feiert im Mai bei bester Gesundheit seinen 105. Geburtstag - zusammen mit Elvis. Ach, man möchte heulen… Ich weiß nicht, warum Menschen so etwas denken, sagen und schreiben. Aber sie haben Unrecht. Und sie zerstören blindwütig das, was eine Gesellschaft stark macht. Vor allem Nächstenliebe und Vertrauen.

An dieser Stelle darf die Geschichte nicht enden. Sie braucht einen versöhnlichen Schluss. Vor einigen Tagen besuchte ich eine Familie, um sie zum Thema Ostern zu befragen. Sie waren freundlich, ganz herzlich und offen. Als ich mich verabschieden wollte, baten sie mich, noch einen Moment zu bleiben. Und sie sagten, dass der Krieg ihnen keine Ruhe lasse. Sie wollten nun Geflüchtete aufnehmen. »Wir haben lange nachgedacht - weil wir wissen, dass man da nicht so einfach reinstolpern darf, man sich über die Folgen im Klaren sein muss. Aber wir glauben, dass wir es schaffen können, trotz aller Bedenken.«

Sie führten mich in eine Einliegerwohnung. »Die haben wir für verschiedene Zwecke benutzt«, sagte die Frau: »Sie war Herberge für Freunde und Verwandte, Büro, Abstellraum«. Sie zeigten mir eine Küche, ein kleines Bad und ein großes Zimmer - wunderschön eingerichtet. Schon in der Küche fiel mir ein besonderer Duft auf. Frisch geputzt? Ja. Aber das war es nicht. Im Zimmer dann wieder dieser Duft. Aber mit neuen Nuancen. Ich fragte mich: Was ist das? Duftkerze? Nein! Parfüm? Nein! Riecht zwar ein bisschen nach Holz und ein wenig auch nach Leder, aber auch wie Sommer - und wie Weihnachten und Ostern. Und da wusste ich es plötzlich: Es duftete nach Liebe. Und nach Vertrauen. Vertrauen darauf, dass alles irgendwann auch wieder gut wird.

Ich habe diesen Duft immer noch in der Nase. Und ich nehme ihn mit in die Feiertage. Er passt zu meinem Ostern. Was sonst noch dazugehört: Das Lied »Wir wollen alle fröhlich sein«, das Kerzenlicht am Morgen, bunte Ostereier, das Fest der Familie, der Kuchen am Nachmittag und der Spaziergang am frühen Abend. Und Vertrauen. Frohe Ostern!

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