Londorf: Zehn Jahre im Dornröschenschlaf

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LONDORF - (dge). Man kann über soziale Netzwerke schimpfen, doch manchmal haben sie auch etwas Gutes: In diesem Fall hat ein "herrenloses" Haus einen neuen Besitzer gefunden. Wie kam es dazu? Auf Facebook hatte Rabenaus Bürgermeister Florian Langecker auf das leerstehende Haus an der Durchfahrtstraße in Londorf hingewiesen. Mehmet Demir aus Wieseck zögerte nicht lange, gab ein Angebot ab und ist nun stolzer Besitzer der Immobilie.

Beim Ortstermin mit Florian Langecker führt er durch das rund 150 Jahre alte Haus, das nicht eines gewissen Charmes entbehrt. Man kann sich durchaus vorstellen, das es einmal ein Schmuckstück werden kann.

Wie Langecker berichtete, stand die Immobilie an der Ecke Gießener Straße/Burgstraße seit rund zehn Jahren leer. Früher habe es wohl mal zur Kirche beziehungsweise Diakonie gehört. Ein Bediensteter der Kirche habe darin gewohnt. Später sei es in Privatbesitz übergegangen. So weit er wisse, sei es wegen einer Privatinsolvenz aufgegeben und an das Land Hessen verschenkt worden. Seither stand der Landesbetrieb Bau und Immobilien (LBIH) in der Verantwortung.

Zahn der Zeit

Zehn Jahre gehen an einem unbewohnten Haus nicht spurlos vorüber und so nagte der Zahn der Zeit munter vor sich hin. So fiel es nicht nur ins Auge, sondern es rankten sich auch Gerüchte um das Haus. Im Ort habe man gemunkelt, dass hier einmal eine Domina ihre Dienste angeboten haben. Dieses Gerücht hat es sogar in den Narrenboten des Karnevalvereins "Blaue Raben" geschafft, ob es aber in der Tat einer solchen Nutzung unterzogen wurde, ist nicht belegt. Er habe es schade gefunden, dass das Haus leer stand, sich aber gedacht, "es muss ja irgendjemanden gehören und der wird schon seinen Grund haben, warum er es nicht veräußert", blickte Langecker zurück. Im November vergangenen Jahres habe er dann die Meldung vom Ordnungsamt der Gemeinde erhalten, dass es sich um ein sogenanntes herrenloses Haus handele. Nachbarn hätten sich beschwert, dort würden Tiere im Gebäudeinneren laufen.

Zu dem Zeitpunkt habe er sich erstmalig mit der Thematik "herrenlose Häuser" befasst. Herrenlos bedeute, das Haus gehört niemanden, erläuterte der Bürgermeister. "Mein erster Gedanke war, prima, dann verschenken wir es eben. Das wäre aber zu einfach gewesen." Wenn jemand den Besitz an seinem Haus aufgebe, habe die Gemeinde nur die Verkehrssicherungspflicht. Gleichzeitig habe der LBIH in Wiesbaden ein sogenanntes Aneignungsrecht. Vereinfacht gesagt: Die Behörde verwaltet herrenlose Häuser ohne sie zu besitzen und ohne sich vor Ort darum zu kümmern. So sei es zumindest hier in Londorf der Fall gewesen. "Die Gemeinde hatte quasi den Ärger und das LBIH wollte es gleichzeitig gewinnbringend veräußern, konnte aber das erforderliche Engagement nicht aufbringen." Doch damit nicht genug: Das Haus sei mit hohen Grundschulden belastet gewesen. "Also eine sehr festgefahrene, scheinbar unlösbare Problematik, denn wie lässt sich ein baufälliges altes Haus mit hohen Grundschulden gewinnbringend veräußern?" Die Mitarbeiter vom LBIH seien sehr freundlich gewesen und hätten unterstützt, wo es nur ginge. Trotzdem, so Langecker, sei es ein unglückliches Konstrukt, dass eine Behörde ein Aneignungsrecht habe, ohne über Mitarbeiter zu verfügen, die sich vor Ort um die Liegenschaften kümmern.

Zunächst habe es einzelne Interessenten gegeben, doch habe der LBIH ablehnen müssen: Man sei an die Landeshaushaltsordnung gebunden und könne nicht einfach so ohne Wertermittlung verkaufen. "Ich müsste zunächst ein Gutachten beauftragen - von einem öffentlich bestellten Gutachter. Ich fand zunächst niemanden, der das kurzfristig machen konnte und es sollte auch mit über 1000 Euro zu Buche schlagen", schilderte Langecker das Dilemma, vor dem Gemeinde nun stand. Doch Jens Köhler von der SWS (Sozialer Wohnungsbau und Strukturförderung im Landkreis Gießen GmbH) habe weitergeholfen. Er habe einen öffentlich bestellten Gutachter gefunden, der das Haus kurzfristig schätzen konnte.

Um die seinerzeit eingetragene Grundschuld muss sich der neue Eigentümer keine Sorgen machen, denn der Bürgermeister "konnte mit den Gläubigern aushandeln, dass Sie auf die Außenstände verzichten, sodass die Grundschuld gelöscht werden konnte. Da alles ziemlich flott über die Bühne ging, musste auch niemand für das Gutachten in Vorlage treten, es wurde direkt vom LBIH mit dem Erlös verrechnet."

Eigenleistung

Auch Mehmet Demir hat schon Kontakt mit der SWS aufgenommen und sich über die Möglichkeit einer Förderung informiert. Außerdem ist er bereits mit den Denkmalschutzbehörden im Gespräch. Auf ihn wartet eine Menge Arbeit, er will das Haus sanieren und dann vermieten. Demir will viel Eigenleistung in die Sanierung stecken, deren Kosten er mit 100 000 bis 150 000 Euro kalkuliert hat. Drei bis fünf Monate, so schätzt er, wird es dauern, bis alle Arbeiten geschafft sind. Der 26-Jährige sieht das jedoch relativ gelassen: "Ach, das geht schon. Es ist ja nicht das erste Haus, das ich renoviere", schmunzelt er.

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