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28 165 Menschen beziehen im Kreis Sozialleistungen. Symbolfoto: dpa

Erster Armutsbericht

Männer stärker armutsgefährdet

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Zehn Prozent der Kreisbevölkerung leben von und mit Sozialleistungen, heißt es im ersten Armutsbericht der Kreisverwaltung.

Kreis Gießen (ww). 28 165 Armutsgefährdete leben im Kreis Gießen, das sind zehn Prozent der Bevölkerung (Stand 31. Dezember 2020). In Gießen und Lollar ist mehr als jede Zehnte von der Geburt bis unter 65 Jahren von Hartz IV (Arbeitslosengeld II, ALG II) abhängig.

Die unter 15-Jährigen sind in beiden Kommunen sogar mit über 20 Prozent Anteil betroffen. 20 613 ALG II-Empfänger gab es insgesamt. Die Mindestsicherungsquote betrug 9,2 Prozent.

Das bedeutet, dass dieser Anteil an der Gesamtbevölkerung von Sozialleistungen lebt. Hessenweit waren es nur 8,2 Prozent und kreisweit ohne Gießen nur 6,9 Prozent.

Diese Zahlen stehen im ersten Armutsbericht des Landkreises Gießen. Er wurde im Sozialausschuss des Kreises eingebracht, aber vor Weihnachten nicht mehr beraten. Im neuen Jahr soll dazu eine Diskussion stattfinden.

Im Bericht findet sich auch die Anzahl der Geflüchteten als Leistungsbezieher. Sie wird mit 1195 für 2020 angegeben.

Innerhalb der Gruppe der Armutsgefährdeten gibt es neben den Hartz IV-Beziehern und Geflüchteten Leistungsempfänger der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, aber auch Kinderzuschlagsberechtigte. Letztere müssten ohne den Zuschlag Hartz-IV beantragen.

Unter 15-Jährige besonders betroffen

Der Landkreis weist eine hohe Anzahl an Leistungsempfängern unter 15 Jahren im Gesamtbereich der Armutsgefährdeten auf. Es sind 15,3 Prozent, und der Wert liege damit über der hessischen Quote, wird im über 104-seitigen Bericht konstatiert.

3566 Einwohner des Kreises waren 2020 erwerbstätig, erhielten aber dennoch Hartz-IV. »Arbeit allein ist also oft nicht ausreichend«, heißt es in dem Papier zu den »Aufstockern«. Ob sich die Anhebung des Mindestlohns hier mildernd auswirke, bleibe abzuwarten, lautet eine Einschätzung im Bericht, in dem es dann weiter heißt: »Der gesetzliche Mindestlohn existiert in der Bundesrepublik seit 2015. Eine substanzielle Absenkung der Armutsgefährdung ging damit allerdings nicht einher.«

9307 Personen im Alter von 55 bis unter 65 Jahren, vorwiegend Frauen, sind auf Grundsicherung im Alter oder im Falle der Erwerbsminderung auf Leistungen angewiesen. Ihre Anzahl sei aber eine rein rechnerische Annäherung, da eventuell bei diesen Leistungsempfängern Rücklagen vorhanden seien und/oder keine Rückschlüsse auf die Erwerbsbiografie gezogen werden könnte. Frauen ab dem 55. Lebensjahr stellten aber allein 18,2 Prozente aller erfassten 17 823 geringfügig Beschäftigen im Landkreis.

Als bedürftig gilt in Hessen, wer als Alleinstehender unter 1095 Euro und als Familie unter 2300 Euro netto verdient. Da es viele Doppelverdiener-Haushalte mit vier Personen, darunter zwei unter 14-jährige Kinder, gibt, wurde hier berechnet, ab wann keine Armut mehr vorliegt. Im Bereich zwischen 2500 und 3500 Euro brutto im Monat sei kein zusätzliches Einkommen mehr notwendig. Immerhin 12 937 der 100 724 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten seien aber im Kreisgebiet auf ein zweites Gehalt angewiesen.

47 150 Frauen arbeiten im Landkreis. Der Zunahme an Erwerbstätigkeit von Frauen wird jährlich höher, bleibt allerdings im Landkreis deutlich unter dem Hessenschnitt. Ab 35 Jahren gehe der Anteil der Frauen in Vollzeit massiv zurück und steige auch nicht mehr an. Das Durchschnittsalter bei Geburten betrug 31 Jahre im Berichtsjahr.

Die Hälfte aller 60 037 Vollzeitbeschäftigen verdienten weniger als 3491,79 Euro brutto monatlich, wobei die Biebertaler mit 3716,95 Euro am höchsten liegen und die Hungener mit 3338,71 Euro an Einkommen am niedrigsten. Von den Erwerbstätigen im Landkreis arbeiten 75 Prozent im Dienstleistungssektor. 12 937 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen würden trotz Vollzeit weniger als 2500 Euro brutto verdienen, 1890 sogar weniger als 1500 Euro.

Die Beschäftigungsquote ist seit 2015 deutlich gestiegen, allerdings liegt der Landkreis Gießen deutlich unter dem Hessendurchschnitt von 60,2 (Stand 2019) mit über fünf Prozent.

Hohe Mietbelastung für Geringverdiener

Da jeder Wohnraum benötigt, wird auch auf den Anteil der Kosten am Einkommen eingegangen. Dabei wurden 60 Quadratmeter für einen Ein-Personen-Haushalt und einen 96 Quadratmeter für einen vier Personenhaushalt wie auch 2,50 Euro pro Quadratmeter an Neben- und Betriebskosten zugrunde gelegt. Dabei kam heraus, dass die Belastung in den 18 Kommunen zwischen 42 und 47 Prozent für Geringverdienende mit 1500 Euro brutto betrage.

Daher spreche weniger dafür, aus Kostengründen im Umland Fuß zu fassen. Bei der Aufstellung müssen individuell noch Strom, Internet und Stellplatzbeträge berücksichtigt werden.

Grundsätzlich sind mehr Männer als Frauen auf Hartz IV angewiesen und damit auch armutsgefährdeter.

Auch Bedarfsgemeinschaften wurden untersucht, die mittlerweile einen Anteil von 32,4 Prozent an den Familienstrukturen ausmachten. Dominieren würden hier Singles vor zwei Partnern mit Kindern.

Eine Sondergruppe bilden noch einmal diejenigen, die Hilfe zur Pflege erhalten. 701 Personen mit Leistungsbezug wurden stationär betreut. Weitere Leistungsberechtigte, die mit 868 Personen die Mehrheit sind, konnten zu Hause ambulant versorgt und unterstützt werden.

In einem weiteren Abschnitt des Armutsberichts geht es um den Bereich Bildung. Die Anzahl an Schulabgängern sei rückläufig, und die Entwicklung halte seit mehr als zehn Jahren an. 2014/2015 seien es noch 2621 gewesen, im Durchschnitt danach nur 2441. Es würden mehr mittlere Abschlüsse erlangt. Die Hauptschulabschlüsse seien weniger attraktiv.

Weniger Abgänger an Schulen

Die Hochschulreife hätten 2014/2015 1150 Schüler erlangt, in den vergangenen sechs Jahren waren es durchschnittlich nur noch 1058 Abgänger. Die Fachhochschulreife werde ebenfalls attraktiver. Die Hochschulreife und mittlere Abschlüsse würde fast zu gleichen Anteilen angestrebt.

101 Millionen Euro Kosten im Jahr 2019

Zuletzt werden auch die Kosten für Sozialleistungen dargestellt. 2019 mussten 101,81 Millionen Euro an Leistungen erbracht werden. Alleine Hartz IV-Auszahlungen im Kreis schlugen mit 55,32 Millionen Euro zu Buche.

Von den insgesamt 22 hessischen Kreisen in einem Benchmarking zahlte der Landkreis nach dem Werra-Meißner-Kreis (WMK) 128,1 Euro pro Einwohner im Jahr an Sozialleistungen.

Im WMK betrug der Wert sogar 144,4 Euro. Auf Rang drei landet Marburg-Biedenkopf mit 124,2 Euro. Die Zahlen für 2020 werden demnächst erst freigegeben.

Auch wenn es sich um den ersten Armutsbericht handelt, seien Ausprägungen bereits seit 2015 bekannt. Ganz neu ist nur, dass die Kommunen jetzt transparenter analysiert wurden.

Seit 1963 wird gesetzlich verankert über die Armut in der Bundesrepublik Bericht erstattet. Seit 2011 gibt es regelmäßige Berichte zum Thema. Mittlerweile liegt der sechste auf Bundesebene vor.

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