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»Manchmal ist es unerträglich«

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Von: Burkhard Bräuning

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Cornelia Weigand, Bürgermeisterin der von der Flut hart getroffenen Gemeinde Altenahr, kritisiert die ausufernde Bürokratie der übergeordneten Behörden bei der Auszahlung von Hilfsgeldern aus dem Wiederaufbaufonds. © Burkhard Braeuning

Die vielen Einträge in unserem Archiv belegen es: Die Hilfsaktionen in der Region um Gießen für die Flutopfer im Ahrtal reißen nicht ab. Das Engagement ist vielfältig. Und nach wie vor fahren Menschen an den Fluss und packen direkt vor Ort mit an. Es werden auch noch immer Spendenaufrufe gestartet und Benefizveranstaltungen durchgeführt. Wir haben Cornelia Weigand, die Bürgermeisterin von Altenahr, danach gefragt, ob der Einsatz der vielen Freiwilligen hilfreich war.

Sie sagt: »Ja! Und: Die Helfer kamen als Fremde - und wir wurden Freunde.«

Wasser ist kostbar, weil es Leben schenkt. Es ist klar und rein, wenn es aus dem Hahn fließt. In Bächen und Strömen plätschert es meist träge dahin. Aber manchmal wird so ein Fließgewässer zu einer Naturgewalt. Zum Beispiel dann, wenn über Stunden Sturzbäche vom Himmel fallen. Wenn so viel Regen auf die Erde prasselt, kann aus einem kleinen Fluss ein gewaltiger Strom werden. Dann kann es sein, dass in einem idyllischen Tal die Hölle losbricht. Nichts hält dann dem Wasser stand: kein Haus, keine Brücke, keine Straße. Bäume werden entwurzelt, Autos wie Spielzeugboote weggespült. Wir alle wissen: So eine Urgewalt traf im Juli das Ahrtal. Und das Tal der roten Trauben, wie man die Weinbauregion auch nennt, wurde zu einem Tal der Tränen.

Bürgermeisterin Cornelia Weigand sprach am Tag nach der Katastrophe von einer Apokalypse. In der Bibel ist damit das Ende der Welt gemeint. Das war es nicht. Man benutzt das Wort aber auch, wenn man von einem Untergang spricht, von Unheil und vom Grauen. Genau das war es, was sich in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli in dem engen Flusstal abspielte. Die Bürgermeisterin, die vor einigen Tagen zur neuen Landrätin des Kreises Ahrweiler gewählt wurde, hat nicht übertrieben. Das alte Ahrtal existiert nicht mehr.

Alleine in Altenahr starben 33 Menschen in den Fluten. Das Ausmaß der Zerstörung ist unbeschreiblich. Experten sprechen davon, dass erst in zehn Jahren alle Wiederaufbaumaßnahmen beendet sein werden. Gleichwohl wird das alte Ahrtal nicht aus den Ruinen auferstehen. Sieben Monate nach der Flut steht fest: Die Bedingungen, unter denen gebaut werden darf, und die noch zu beschließenden Maßnahmen gegen extremes Hochwasser werden dem »Tal des Rotweins« neue Konturen geben.

Ihr umsichtiges Krisenmanagement, ihre ruhige, an der Sache orientierte Art hat wohl dazu geführt, dass sich Cornelia Weigand bei der Landratswahl gegen drei Männer durchsetzen konnte - mit einem Ergebnis von knapp über 50 Prozent. »Ich hatte nur wenig Zeit für einen Wahlkampf«, sagt sie in einem Telefongespräch wenige Tage nach der Wahl. »Aber ich hatte schon das Gefühl, dass ich eine Chance habe. Und ich war sicher, dass es eine Stichwahl gibt.« Da allerdings verschätzte sie sich. Denn sie gewann im ersten Wahlgang.

Viele Kameras waren in den ersten Wochen nach der Katastrophe auf die Bürgermeisterin gerichtet. Immer machte sie einen gefassten Eindruck. »Das hat etwas mit Funktionieren zu tun. Das muss ich, wenn ich den Menschen helfen will. Wenn ich die Fassung verlieren würde, könnte ich nicht viel ausrichten, dann müsste ich mich mehr um mich selbst kümmern. Aber manchmal, wenn ich ganz allein bin, dann holt es mich ein. Ja, es geht mir sehr nahe!«

Cornelia Weigand schweigt einen Moment, dann sagt sie mit Schärfe in der Stimme: »Seitens des Landes Rheinland-Pfalz ist man der Auffassung, dass schon viel getan wurde. Und ich sage das auch: Wir haben schon viel geschafft, viel aufgeräumt. Ja, der Schlamm ist weg, die Autos, die Unmengen an Möbeln, der ganze Schutt. Die Häuser sind weitgehend entkernt und getrocknet. In den Dörfern stehen praktisch Rohbauten. Aber dort, wo normalerweise 600 bis 700 Menschen leben, wohnt heute nur ein gutes Dutzend.« Dass es Fortschritte gebe, das sei wohl wahr. Aber: Wie die Menschen mit den Herausforderungen umgehen, das werde im Kopf entschieden. »Weil das eigentliche Ziel so weit entfernt ist, brauchen die Menschen Etappenziele, und die gibt es im Moment nicht.« Konkret fehle es an Auszahlungen aus dem Wiederaufbaufonds. »Ja, es sind Gelder geflossen, aber jetzt brauchen die Menschen mehr.« Andererseits fehle der Zugriff auf Handwerker, auf Baufirmen, die Kapazitäten frei haben. Das sorge für ganz viel Verdruss.

Weigand beschreibt auch die emotionale Seite: »Die Tage sind noch kurz, die Häuser kalt, und im Moment gibt es keine verlässliche, keine Mut machende Perspektive.« Eine Frage sei auch: »Wird das Tal wieder so schön sein, wie es war? Wird es so sein, dass Menschen auch wieder hier Urlaub machen wollen?«

Im Moment fehle es noch an konkreten Bebauungsplänen. Bei den übergeordneten Behörden rede man sich raus. »Das macht die Menschen mürbe.« Die Stimmung werde durch den Stillstand schlechter. Das führe zu Frustration, bisweilen auch zu Resignation. »Wir hoffen darauf, dass bald neue substanzielle Auszahlungen anlaufen. Wenn die Tage wieder länger werden und der Frühling spür- und sichtbar wird, dann kommen vielleicht Mut und Optimismus zurück.«

Cornelia Weigand hofft, dass sie als Landrätin die Dinge zügiger vorantreiben kann. Die Kommunikation mit den übergeordneten Behörden läuft über den Kreis zu den Gemeinden. Und insofern habe der Kreis und damit auch die Landrätin mehr Möglichkeiten. »Ich hoffe, dass da ein anderer Hebel entsteht.« Aber sie geht auch mit viel Wehmut: »Altenahr, das ist unser, das ist mein Zuhause. Wir haben hier tolle Menschen. Ich mag das Rathaus - und es macht mir das Herz schwer, wenn ich daran denke, dass ich von meinem Team Abschied nehmen muss.«

Manchmal fühle sie sich wie Don Quijote in seinem Kampf gegen Windmühlen. »Die Windmühlen, das sind Land und Bund. Und die Bürokratie, die vielen Versprechen, die nicht gehalten werden. Es wurde gesagt: das geht unbürokratisch. Und jetzt geht es nur langsam und sehr wohl bürokratisch.« Sie hebt ihre Stimme: »Wir haben nicht ewig Zeit. Wenn erst mal unsere Betriebe gehen, wenn Hotel und Gaststätten nicht mehr öffnen, haben wir keine Basis mehr für den Tourismus. Da hängt eins am anderen.«

Mit großer Dankbarkeit, sagt Weigand, denke man im Ahrtal an die unfassbar große Hilfsbereitschaft vieler Menschen aus ganz Deutschland zurück. »Gerade aus der Mitte Hessens, aus der Region um Gießen, kamen viele. In den allerersten Tagen gab es eine Fülle von direkter Hilfe für die Menschen hier im Tal. Die Helfer brachten Lebensmittel mit und verteilten sie. Sie schafften den Schlamm aus den Häusern. Auch viele aus der Region haben mitgeholfen. Es kamen Privatleute und kleine Unternehmer, die alle ehrenamtlich arbeiteten. Eine Riesenhilfe!« Jetzt benötige man immer mehr Fachfirmen. Aber es kämen auch selbstständige Handwerker und arbeiteten ohne Lohn. »Wir sind so dankbar, was da an selbstloser und ungefragter Hilfe angeflogen kam.«

Man rede oft sehr negativ über die Jugend von heute. »Aber es waren ganz viele junge Menschen da, haben angepackt. Viele blieben lange und haben in kleinen Zelten geschlafen. Die jungen Leute machen sich zu Recht Sorgen um das Klima. Wir können das gut nachvollziehen. Spätestens nach der Katastrophe wissen alle im Ahrtal: Wir müssen etwas gegen den Klimawandel tun.«

Und dann sagt sie etwas, das einen zu Tränen rührt: »Es war nicht nur die praktische Hilfe, die uns voranbrachte, sondern vor allem auch das Wissen: Es sind Menschen da, die unser Leid teilen. Ja, manchmal ist es unerträglich, aber es ist gut, zu erkennen, dass man in dieser Unerträglichkeit nicht ganz allein ist.«

Weigand macht wieder eine kleine Pause, dann sagt sie leise: »Es gab nicht nur Hilfe, es gab auch das Böse, das Schlechte. Schon in der ersten Nacht wurde in leerstehende Häuser eingebrochen. Aber das ist nur eine kleine Randnotiz in all dem Leid. Denn was zählt, ist das: Viele von uns haben die ersten Tage überstanden und konnten morgens wieder aufstehen, und haben sich nichts angetan, weil sie gesehen haben: Ich muss durch dieses Unbegreifliche, diese riesige Arbeit und diese wahnsinnige Zerstörung nicht alleine durch.«

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