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»Mir ist zum Heulen«

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Hilfe vom Arbeitskreis »Leben nach Tschernobyl« für ältere Menschen aus Borispol gab es 31 Jahre lang. Archivfoto: Wißner © Thomas Wißner

Mitglieder des aufgelösten Arbeitskreises »Leben nach Tschernobyl« bangen um ihre Freunde in Borispol.

Kreis Gießen. (ww). Pfarrer Eberhard Klein ist besorgt und fühlt sich hilflos 2000 Kilometer vom Geschehen entfernt. Was machen die Freunde in Borispol, das nur 35 Kilometer von Kiew entfernt liegt? Der letzte Konvoi des Arbeitskreises »Leben nach Tschernobyl«, den Klein mitgegründet hat, steht noch aus und wird in nächster Zeit nicht starten. Die Russen sind einmarschiert.

30 Jahre hatten Langgönser wie Reinhard Knauf und Sigrid Blochwitz, aber auch der Gießener Gerhard Keller diese Hilfe organisiert und sie im vergangenen Jahr aus Altersgründen eingestellt. Unzählige Menschen aus dem Kreis halfen den Armen vor Ort mit Spenden. Damit wurden eine Suppenküche und eine Kleiderkammer, aber auch die Ausbildung von Näherinnen, Freizeiten und eine Notfallapotheke finanziert. Geräte für das Krankenhaus konnten angeschafft werden.

Rund 63 000 Menschen leben in der Stadt, darunter viele Rentner, die mit 60 Euro im Monat bei Lebensmittelpreisen wie im Westen auskommen müssen. Klein und seine Mitstreiter haben bei ihren Besuchen in den drei Jahrzehnten viel gesehen, aber auch eine unvorstellbare Gastfreundschaft erlebt. Alle haben dort Freundschaften geschlossen.

Was jetzt am Rande Europas geschieht, ist unvorstellbar. Per Telefon, Whatsapp und Social Media bleibt man in Kontakt. Schon Anfang der Woche war in einem Gespräch die Rede, dass Keller inspiziert würden. Man rechnete mit Luftangriffen.

Nur wenige Tage später sitzen dort die ersten Menschen. Es sind aus Richtung des internationalen Flughafens, der sich am Rande Borispols befindet, dumpfe Explosionen zu hören. All das lässt sich den offiziell wie inoffiziellen Nachrichten entnehmen. Gerhard Keller eine E-Mail von Natascha Logatschowa aus Borispol erhalten, die für den Arbeitskreis die Projekte 30 Jahre ehrenamtlich betreute und jetzt mit deren Abwicklung betraut ist. Der AK-Vorständler schrieb ihr noch Montag: »Ich hoffe so sehr, dass sich die Regierungen einigen und die russischen Truppen die Ukraine nicht angreifen werden« und sie antwortete am Dienstag: »Es ist schön zu wissen, dass du uns die Daumen drückst. … Wir leben wie früher. Kinder gehen zur Schule, Erwachsene arbeiten. Es herrscht keine Panik. Die Menschen sind es einfach leid, Angst zu haben, und die Pandemie hat ihren Teil dazu beigetragen. Niemand glaubt, dass Russland einen groß angelegten Krieg beginnen wird ….«

Nur zwei Tage später ist es dann soweit. Keller schreibt ihr, dass man gehört habe, dass Borispols Flughafen angegriffen wurde. Eine Antwort hat er darauf noch nicht erhalten, aber noch mehr Sorge um ihr Wohlergehen.

Die Armut ist schon da, jetzt trifft die Ukraine noch der Krieg. Europa ist bedroht, von einem Aggressor, den Namen Putin mag Klein erst gar nicht aussprechen.

Als ein anberaumtes Treffen mit dem US-Außenminister Antony Blinken mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow in dieser Woche geplatzt war, sei ihm klargeworden, dass es in der Ukraine brennen wird. Schon vor zwei Wochen hatte der AK-Führungskreis eine Vorahnung, dass Russlands Truppen in die Region Donbass einmarschieren würden. »Wer sich in allen Medien umschaut, der wusste, damit war zu rechnen.«

Vor allem die Einnahme von Tschernobyl bereitet ihm Unbehagen, wo einst Brennstäbe durchschmolzen. Und Keller erinnert daran, dass es etliche aktive Kraftwerke in der Ukraine gebe, die im Kriegsfall zu Zeitbomben werden könnten.

2019 gab es den vorläufig letzten Hilfstransport des Arbeitskreises in die Region, seit dem 17. Oktober des Vorjahres ist er aufgelöst. Dennoch treffen sich die Kernmitglieder noch regelmäßig. Die letzten Kleiderspenden, zwei große Container voll, und restliche finanzielle Mittel aus einem Vermächtnis sollten den Borispolern noch zugutekommen. Daraus könnte es auf lange Sicht nichts werden.

Doch Hilflosigkeit soll nicht herrschen, betont der 66-jährige Klein, der einst evangelischer Landesjugendpfarrer war und derzeit in Frankfurt die Jugendkulturkirche Sankt Peter als Geschäftsführer leitet. Überall in Deutschland sei aus Protest nun blau-gelb zu sehen, die Nationalfarben der Ukraine, und auch in Gießen habe es am Donnerstagabend schon eine erste Demonstration gegen den russischen Einsatz gegeben.

Klein war XY Jahre Pfarrer in Langgöns und gründete 1990 den Arbeitskreis mit. Drei Jahre nach der Katastrophe im Atomkraftwerk in Tschernobyl, das 170 Straßenkilometer von Borispol entfernt liegt, ging es zunächst nur darum, die Sowjetunion kennenzulernen. Auch vor dem Hintergrund, dass die Nato in einem Doppelbeschluss Rüstungskontrolle und -aufstockung gleichzeitig beschlossen hatte.

Der Lehrer Gerhard Keller, der sich in der Friedens- und Antiatomkraftbewegung engagierte, wurde auf die Reiseplanungen aufmerksam und machte den Vorschlag, Opfern von Tschernobyl mit Spenden zu helfen. Er kümmerte sich über einen Kontakt um eine Namensliste der Evakuierten, die nach Borispol umgesiedelt worden waren.

Zu den ersten Spenden in Höhe von rund 3880 Mark zählten Multivitamintabletten und Einmalhandschuhe, erinnert sich Keller, der erst 1991 nach der Gründung des Arbeitskreises zum ersten Hilfstransport aufbrechen konnte. 1993 und 1994 wurde Kindern aus Borispol sogar Freizeiten im Kreis Gießen ermöglicht. Sie sind heute Erwachsene und Freunde, deren Leben jetzt bedroht werden, sagt Klein.

Und Gerhard Keller ist »zum Heulen zumute«. Menschen wie Natascha Logatschowa, die 30 Jahre anderen geholfen haben, seien akut in Gefahr. Eine Dolmetscherin, die häufig für den Arbeitskreis übersetzte, sei glücklicherweise schon kurz vor der polnischen Grenze angelangt. Auch Klein kennt Familien, die gerade flüchten oder bereits eingereist sind. Gerade Jüngere zerreiße die Trennung von ihren Eltern, sagt Klein. Er will am Wochenende mit dem Langgönser Bürgermeister Marius Reusch sprechen, inwieweit es Möglichkeiten gibt, Flüchtlinge aus der Ukraine vor Ort unterzubringen.

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Der Arbeitskreis um Gerhard Keller (rotes Shirt) organisiert seit 1991 Hilfsgütertransporte nach Borispol. © Wißner
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Eberhard Klein Mitgründer © Red

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