Misshandlung nicht nachweisbar

Kreis Gießen (twi). Ein 28-jährige Familienvater aus der Gemeinde Langgöns ist vor dem Gießener Amtsgericht vom Vorwurf freigesprochen worden, 2017 seinen damals fünf Wochen alten Sohn geschüttelt zu haben, was in der Folge zu Hirnblutungen führte. Das Kind leidet heute unter Entwicklungsverzögerungen, Sprachstörungen und einem unterdurchschnittlichen Sprachverständnis.

Was genau passiert ist, konnte nicht rekonstruiert werden. Neben dem Angeklagten kommt aus Sicht der Staatsanwaltschaft die Mutter des Kindes als Täterin in Frage, der Anwalt des Landkreises als Nebenkläger erweiterte den Kreis der potenziellen Täter um die Hebamme. »Sie werden nicht ihr Leben lang schweigen können«, gab Richter Dr. Dietrich Claus Becker dem Angeklagten mit auf den Weg.

Der 28-Jährige war angeklagt, seinem Sohn in einer Kurzschlusshandlung aufgrund Überforderung bei der Betreuung ausgedehnte Schädelblutungen zugefügt zu haben. Als Ursache bei der vermeintlichen Tat im Juni 2017 wurde ein »Schütteln« angenommen. Nach den Aussagen des Frankfurter Kinderarztes Dr. Lothar Schrod und einer Rechtsmedizinerin kam Staatsanwalt Mike Hahn zu der Feststellung: »Nichts Genaues weiß man nicht«, auch wenn dies zynisch klinge. Er plädierte auf Freispruch.

»Stumpfe Gewalteinwirkung«

Aus Sicht von Schrod waren die Verletzungen des Jungen eindeutig Folge einer schweren Kopfverletzung und nicht durch eine spontane Blutung durch Gefäßfehlbildung zu erklären. »Die Ursache der schweren Kopfverletzung liegt in einer stumpfen Gewalteinwirkung, deren genauer Hergang wegen der fehlenden Aussage des Angeklagten nicht ganz klar ist.« Bei der Aufnahme in der Klinik habe der Säugling keine äußeren Verletzungen gehabt. Eine Gewalteinwirkung, wie etwa ein Faustschlag, sei »eher unwahrscheinlich, weil dann ein Bluterguss zu sehen ist«. Die hier vorliegenden Verletzungen seien »nicht so, wie wir sie von einem klassischen Schütteltrauma kennen, sondern zweifelsohne Folge einer Kopfverletzung. Ob es Quetschungen waren, die von außen eingewirkt haben, oder ob ein weiterer Gegenstand eingesetzt wurde, bleibt offen«, erklärte der Kinderarzt.

Diese Ausführungen sorgten für allerlei Nachfragen. »Was heißt das, die Verletzungen sind nicht so typisch wie bei einem reinen Schütteltrauma. Davon geht jedoch die Anklageschrift aus«, hakte Richter Becker nach. Der Gutachter legte sich fest, dass »die Hirnverletzungen des Säuglings durch ein Aufkommen, Quetschung oder Gewalteinwirkung auf den Kopf verursacht worden sind«. Das dies zum angenommenen Zeitpunkt in der elterlichen Wohnung geschah, zeige der in der Gießener Kinderklinik festgestellte abfallende Hämoglobinwert. Dadurch sei eine Blutung am Vortag ausgeschlossen. Auch als die Hebamme bei der Familie ankam, könne der Junge nicht unauffällig gewesen sein.

Um den Zeitpunkt einzugrenzen fragte Hahn nach, ob die Tat auch passiert sein konnte, bevor das Kind schlafen gelegt wurde. Dies mochte der Gutachter nicht ausschließen. Bei der Eingrenzung des Zeitfensters der Misshandlung kommt dann die gleichaltrige Ehefrau des Angeklagten in Frage. Staatsanwalt Hahn wollte wissen , ob »wir Hinweise auf das Schütteln haben oder ob alles Quetschungen waren?« »Die Blutungen im Hirn sind nicht so ganz klassisch für das schütteln, sondern sind Quetschungsfolgen. Es gibt kein eindeutiges Anzeichen, das auch ein Schütteln aufgetreten ist«, erklärte der Kinderarzt.

Schädigungen der Nervenverbindung

Die Rechtsmedizinerin erläuterte anschließend den MRT-Befund mit Einblutungen im hinteren und vorderen Kopfbereich sowie Schädigungen der Nervenverbindung und schloss dabei ein Geburtstrauma wie auch Infektionskrankheiten als Ursache aus. Es gebe keine Hinweise für einen direkten Anstoß und auch ein Schütteln könne nicht ganz ausgeschlossen werden.

»Ich kann gar nicht anders als Freispruch beantragen«, meinte der Staatsanwalt. »Das Kind kam in die Klinik und hat ein Verletzungsbild, das aufhorchen lässt. Das Verfahren nimmt seinen Lauf. Gutachten werden in Auftrag gegeben, das dauert alles sehr lange. Und dann auch noch ein Zusatzgutachten und die Corona-Pandemie und das Verfahren zieht sich so lange hin und wir müssen eine Entscheidung über einen Vorfall treffen, der viereinhalb Jahre zurückliegt. Es sprach zunächst einiges für das Schütteln oder das Anschlagen auf einen weichen Untergrund. Auf Nachfragen kann dies alles nicht ausgeschlossen, aber auch nicht festgestellt werden. Eine wahre Konkretisierung ist meines Erachtens schwer möglich«, erläuterte Hahn. Eine vorsätzliche Handlung sei nicht nachweisbar und selbst wenn, dann komme dafür nicht nur der Angeklagte in Frage,

Rechtsanwalt Oliver Persch, der Anwalt des Landkreises, teilte die Auffassung des Staatsanwalts und sprach von einer »tragischen Situation für das Kind«. Richter Becker begründete den Freispruch damit, dass beim Strafprozess viele Fragezeichen blieben und der Freispruch auch letztlich der Tatsache geschuldet ist, »dass die, auf deren Sachkenntnis wir setzen, keine Antwort geben können«.

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