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Misteln auf dem Vormarsch

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Von: Klaus Kächler

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Die attraktiven Früchte der Mistel finden nicht nur Vögel anziehend. Sie sind für Menschen nicht genießbar. Foto: Kächler © Kächler

Halbschmarotzende Pflanzen gefährden heimische Streuobstbestände. Bsonders im Ostkreis sind sie mittlerweile ein großes Problem.

Kreis Gießen . Ein Kuss unterm Mistelzweig soll Glück und ewige Liebe verheißen. Doch der immergrüne Glücksbringer mit den attraktiven weißen Beeren breitet sich immer weiter aus und wird langsam aber sicher zu einer ernsthaften Gefahr für heimische Streuobstbestände.

Die Pflanzen leben als Halbschmarotzer auf den Ästen und entziehen dem Baum mit ihren Saugwurzeln Wasser und Nährstoffe.

»Besonders gefährlich wird es für Bäume, die nicht rechtzeitig und regelmäßig gepflegt werden«, erklärt Wolfgang Zeibig von der Hessischen Apfelwein- und Obstwiesenroute im Landkreis Gießen auf Anfrage. Besonders in den vergangenen zehn Jahren habe er eine deutliche Zunahme an Obstbäumen vor allem im Raum Laubach/Hungen festgestellt. »Hier wird die Mistel zu einem ernsthaften Problem für Obstbaumnutzer.«

Das kann auch Stephan Kannwischer, Sprecher des Nabu Horlofftal, bestätigen. Vor allem ältere Apfelbäume seien gefährdet. Und genau da liege der Knackpunkt. »Unsere Streuobstbestände und ihre Nutzer sind überaltert.« Opa habe noch gewusst, dass man Obstbäume pflegen muss und wie das geht. Vater habe keine Zeit und die Enkel kein Interesse, schildert Kannwischer.

Wolfgang Zeibig sieht jedoch eine allmähliche Trendwende. »Vor allem in Stadtnähe scheint das Interesse an eigenen Obstbäumen wieder zu wachsen, vor allem bei jungen Leuten.«

Nicht mit Stumpf und Stiel bekämpfen

Corona und der Krieg in der Ukraine hätten gezeigt, wie wichtig es sei, heimische Resourcen zu nutzen. Ein saftiger roter Boskoop oder eine süße Goldparmäne aus eigener »Bio-Produktion« seien außerdem einer Pink Lady oder einem Gala-Apfel aus dem Supermarkt in Geschmack und CO2-Bilanz weit überlegen, so Kannwischer.

Allerdings sei die Pflege der Apfelbäume wichtig. Dazu gehöre der regelmäßige Schnitt und das Nachpflanzen von jungen Hochstämmen. Beim Baumschnitt könnten die Mistern problemlos entfernt werden. Wenn der Baum nicht zu stark befallen ist, reiche auch ein Rückschnitt der Misteln. Dabei gelte: »Nicht mit Stumpf und Stiel bekämpfen, sondern auf ein erträgliches Maß zurückdrängen«. Schließlich gehöre sie zur heimischen Vegetation, so der Nabu-Sprecher. Viele Vogelarten hätten Mistelbeeren auf dem Speiseplan, darunter die seltene Misteldrossel, aber auch häufige Arten wie Sing- und Wacholderdrossel. Anders als von vielen vermutet, stehe die halbschmarotzende Pflanze allerdings nicht unter Schutz.

Schon in der Antike umgab die Mistel eine mythische Aura. Als »Pflanze ohne irdische Wurzeln« galt sie den Griechen als heilig. Auch in der nordischen Mythologie spielt sie eine besondere Rolle. Ihr werden zahlreiche Heilkräfte zugeschrieben.

Zaubertrank bei Asterix

Richtig bekannt wurde die immergrüne Pflanze aber durch Asterix und Obelix als Zutat im Zaubertrank des Druiden Miraculix. Der Brauch, sich unter einem Mistelzweig zu küssen, stammt aus dem angelsächsischen Raum.

Derzeit sieht man die kugelig wachsenden Misteln in den kahlen Bäumen besonders gut. Wolfgang Zeibig rät: »Vor allem jetzt im Winter und zeitigen Frühjahr sollte man befallene Obstbäume beschneiden.« Wolle man die Schmarotzer ganz entfernen, sollten Äste mit Mistelbefall mindestens 30 bis 50 Zentimeter ins gesunde Holz zurück abgesägt werden.

Soweit bekannt, besteht für Birnen, Kirschen, Pflaumen oder Zwetschgen keine Gefahr.

Wie Stephan Kannwischer erläutert, habe sich die Natur für die Verbreitung der Misteln einen besonderen Trick einfallen lassen: Ihre weißen Früchte sind extrem klebrig. »Viele Vögel naschen gern an den leuchtend weißen Beeren. Ein Teil der klebrigen Früchte bleibt dabei an ihren Schnäbeln haften. Wetzen die Vögel den Schnabel an einem Zweig ab oder hinterlassen dort ihren Kot, kleben die Mistelsamen an der Rinde des künftigen Wirtsbaumes fest.« So könne sich die Mistel über mehrere Kilometer verbreiten.

Über eine heilende Wirkung streiten sich die Wissenschaftler. Doch längst sind nicht alle Rätsel um die Mistel gelöst und noch immer umgibt sie ein geheimnisvolles Flair.

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Im Winter wird das Ausmaß des Befalls deutlich: Auf manchen Baumstücken - so wie hier bei Lich - sind Misteln zu einer echten Plage geworden. Foto: Kächler © Kächler

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