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Mit Nebel und grellen Farben

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Von: Klaus Kächler

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Ein Bild der Verwüstung bot sich Mitte Januar in Hungen. Das Foyer und die Schalterhalle der Sparkassenfiliale wurden durch eine Sprengung total zerstört. Auch umliegende Häuser wurden in Mitleidenschaft gezogen. Archivfoto: Kächler © Klaus Kächler

Heimische Geldinstitute schützen sich vor Automaten-Sprengern mit Nebel und grellen Farben, aber auch eingeschränkten Servicezeiten, wenn nicht sogar dem Abbau von Geldautomaten.

Kreis Gießen . Ein ohrenbetäubender Knall reißt am 13. Januar um 2.15 Uhr die Anwohner in Hungen aus dem Schlaf. Kriminelle haben den Bankautomaten im Filialgebäude der Sparkasse Laubach-Hungen gesprengt. Im Umkreis gehen Dutzende Scheiben und eine gegenüberliegende riesige Schaufensterfront zu Bruch. Trümmerteile liegen auf der Straße. Noch immer ist die Filiale geschlossen.

Allein im Bereich des Polizeipräsidiums Mittelhessen wurden im vergangenen Jahr 16 Automatensprengungen registriert. Eine deutliche Steigerung gegenüber 2020 mit sechs Sprengungen. Kein Wunder also, dass bei Anwohnern und Hausbesitzern mit einem Geldautomaten im oder am Gebäude die Angst umgeht.

Diese Problematik beschäftigt nun auch die Politik. So beschloss die Innenministerkonferenz am Wochenende, dass die Betreiber von Geldautomaten künftig zur Sicherung der Geldbestände vor Sprengungen verpflichtet werden sollen. Laut Bundesinnenministerium sind in den vergangenen beiden Jahren rund 800 Geldautomaten gesprengt worden. Die höchste Zahl, die vom Bundeskriminalamt jemals erfasst wurde. Auch im Bereich des Polizeipräsidiums Mittelhessen stieg die Zahl solcher Überfälle von sechs im Jahr 2020 auf 16 im vergangenen Jahr.

Der Anzeiger fragte bei heimischen Banken nach, wie sie mit der Situation umgehen und welche Maßnahmen zur Sicherung der Geldautomaten sie bereits ergriffen haben.

Wie Dunja Oßwald vom Marketing der Sparkasse Laubach-Hungen schildert, laufen die Planungen für die Sanierung der heftig betroffenen Geschäftsstelle in Hungen noch immer auf Hochtouren. »Der Bauantrag ist eingereicht, das Ausschreibungsverfahren läuft und der Baubeginn soll planmäßig im Januar 2023 sein«, so Oßwald. Zur Schadenssumme könne man im Moment leider keine detaillierten Angaben machen, da der Abwicklungsprozess mit dem Versicherer aktuell noch andauere und erst zum Ende der Wiederherstellung eine endgültige Aussage hierzu getroffen werden könne. Die Sparkasse Laubach-Hungen unterhält in jeder Geschäftsstelle mindestens einen Geldausgabeautomaten.

Bei den Zugangszeiten habe man Anpassungen vorgenommen, sodass die SB-Bereiche der Sparkasse nun »nur« noch von 5 bis 23 Uhr zugänglich seien. »Unsere Geldausgabeautomaten erfüllen die aktuellen Sicherheitsempfehlungen. Selbstverständlich prüfen und realisieren wir hier laufend sicherheitstechnische Verbesserungen«, macht Oßwald deutlich.

Automaten stillgelegt

Die Volksbank Mittelhessen war ebenfalls schon von Sprengungen betroffen. Im Zuge einer Sicherheitsanalyse habe man einige Geldautomaten in Wohn- und Geschäftshäusern bereits außer Betrieb genommen, erklärt Volksbank-Pressereferentin Valentina Pohle. Die Außerbetriebnahme erfolge immer in Abwägung des Risikos zu dem öffentlichen Interesse an dem Geldautomaten-Standort. So habe etwa der Abbau des Geldautomaten in der Licher Unterstadt mit der zurückgegangenen Nutzung, aber auch mit dem Standort in einem Wohnhaus zu tun gehabt.

Über das Sicherheitskonzept möchte man bei der Volksbank jedoch nicht allzu viel verraten.

Auch die Sparkasse Gießen betreibt nach eigenen Angaben im Kreisgebiet vereinzelt Automaten oder SB-Stellen, die in Wohnhäusern beziehungsweise in Wohngebieten liegen. Wie Marina Böcher, Leiterin Unternehmenskommunikation bei der Sparkasse Gießen, mitteilt, erarbeite man derzeit gemeinsam mit dem Hessischen Landeskriminalamt Konzepte, wolle aber im Zuge dessen aus Sicherheitsgründen keine relevanten Daten zu den Liegenschaften der Sparkasse an Dritte weitergeben. »Nach unseren drei Geldautomatensprengungen innerhalb kürzester Zeit im vergangenen Jahr haben wir auf Empfehlung und Beratung des Landeskriminalamts bereits verschiedene Ad-hoc-Maßnahmen ergriffen«, schildert Böcher. Dazu gehörten »Sicherungsmaßnahmen am Gebäude« wie etwa Nachtverschluss zu den SB-Foyers zwischen 24 und 5 Uhr sowie »Sicherungsmaßnahmen an den Geräten selbst« mit einem Bargeldeinfärbesystem mit künstlicher DNA, das im Alarmfall das in den Geldkassetten enthaltene Bargeld einfärbt, wodurch dieses weitgehend unbrauchbar gemacht werde.

»Im Mittelpunkt all dieser Sicherungsmaßnahmen stehen die Verhinderung von Angriffen auf unsere Geldautomaten-Standorte, der Schutz von Menschen und Sachwerten sowie die Erschwerung und Verhinderung der Beuteverwertung«, fasst Böcher abschließend zusammen.

Andreas Klünz, Vorstandsmitglied bei der Sparkasse Grünberg, erläutert, dass man sich in der Gallusstadt schon seit längerem Gedanken mache. So seien nach einer ausführlichen Risiko-Analyse zwei der insgesamt neun Geldautomaten im Umland aus dem Betrieb genommen worden. Für andere setze man auf eine Video-Überwachung mit direktem Draht zu einem Sicherheitsdienst und einer Schließung über Nacht.

An den Standorten in der Hauptzentrale, am Marktplatz sowie in der Filiale in Londorf finde eine Vernebelung statt, sobald jemand sich an den Automaten zu schaffen mache. »Dann können die Gangster die Hand nicht mehr vor Augen sehen«, kommentiert Klünz.

Banden unterwegs

Bei den Tätern handelt es sich in der Regel um gut organisierte Banden, die bei ihren Raubzügen absolut rücksichtslos vorgehen. Wurde früher oft Gas eingeleitet und entzündet, kommt in letzter Zeit immer häufiger Festsprengstoff zur Anwendung. Die Menge reicht oft aus, um Gebäude erheblich zu beschädigen, ganz zu Schweigen von der Gefahr für Anwohner oder Passanten. Die Spur führt in vielen Fällen ins Ausland, etwa in die Niederlande.

Bei einem internationalen Schlag gegen Geldautomatensprenger sind Mitte September 13 Tatverdächtige festgenommen worden. Drei davon sind mutmaßlich für die Sprengung in Hungen verantwortlich. Aufgrund der erheblichen Menge an Sprengstoffs ermittelte die Polizei in diesem Fall sogar wegen versuchten Mordes, weil ein 14-Jähriger zum Tatzeitpunkt nahe am Geldinstitut vorbeiging, allerdings nicht verletzt wurde.

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