1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

»Möglichst billig« schlägt »Charme«

Erstellt:

Von: Frank-Oliver Docter

gikrei_2311_Wettenberg_A_4c
Eines seiner Lieblingsstücke: Lothar Ferber mit einer um 1900 gefertigten Jugendstil-Vitrine. Foto: Docter © Docter

Lothar Ferber schließt nach 40 Jahren sein Antiquitäten-Geschäft in Krofdorf-Gleiberg. Alte Möbel sind nicht mehr so gefragt.

Wettenberg . Als er sanft mit seiner Hand über das Holz der Jugendstil-Vitrine streicht, gerät Lothar Ferber ins Schwärmen: Vom »Charme alter Möbel«, der Patina darauf und der Geschichten, die solch alte Möbelstücke zu erzählen hätten, nachdem sie unter anderem zwei Weltkriege überstehen mussten. Den 68-Jährigen verbindet mit jedem der Möbelstücke in seinem Antiquitätengeschäft in der Wetzlarer Straße 4 im Wettenberger Ortsteil Krofdorf-Gleiberg eine ganz besondere Beziehung. Schließlich hat er fast alle davon eigenhändig in seiner Werkstatt aufwendig restauriert. Umso mehr bricht es ihm nun das Herz, sein 1988 eröffnetes Geschäft schon bald schließen zu müssen. Was zum einen am »Wertverlust bei Antiquitäten« und andererseits an einer über die Jahre immer weiter zurückgegangenen Kundennachfrage liege, schildert Ferber im Gespräch mit dem Anzeiger.

Räumungsverkauf

Bis zum Jahresende läuft bei ihm ein Räumungsverkauf mit herabgesetzten Preisen. Wer durch die Ladenräume im Erdgeschoss und in der ersten Etage geht, findet eine breite Auswahl an Schränken, Tischen, Stühlen, Hockern, Vitrinen und Sekretären, aber auch Vasen, Porzellanfiguren oder Gemälde. Die Möbelstücke stammen aus Epochen »von Barock bis Jugendstil«, erzählt der Inhaber. Die gute Verarbeitung und das dicke Holz vermitteln den Eindruck, als ob sie für die Ewigkeit gefertigt wurden. Und tatsächlich haben viele von ihnen schon 150 Jahre oder mehr auf dem Buckel.

»Die Spuren der Zeit müssen noch erkennbar sein«, sagt Lothar Ferber und zeigt auf die eine oder andere kleine Delle, die mitunter von einer bewegten Vergangenheit kündet. Ein Merkmal, das gerade Antiquitäten-Liebhaber zu schätzen wissen. Doch von jenen, die das tun, gebe es leider immer weniger, bedauert er. Als Folge davon sei »das Preisniveau in den letzten 20 Jahren ständig gesunken«. Angefangen mit dem Verkauf und der Restauration von Möbeln hatte Lothar Ferber bereits im Jahr 1980 »in einer alten Scheune in Vetzberg«. Als dann dort irgendwann der Platz nicht mehr ausreichte, »erfuhr ich von den Räumen hier in Krofdorf-Gleiberg«, und so kam es 1988 zum Hauskauf und Umzug, erzählt er. Bis 2003 hatte Ferber noch einen Geschäftspartner, außerdem unterstützt ihn Gattin Susanne Will-Ferber im Laden.

Handwerklich hat sich der 68-Jährige seine Fähigkeiten mit der Zeit selbst erarbeitet und diese immer weiter verfeinert. »Wenn man etwas gerne macht, entwickelt man auch eine Liebe dazu«, beschreibt er diesen Prozess. In der Anfangszeit habe es noch in fast jedem größeren Ort im Landkreis ein Antiquitätengeschäft gegeben, blickt Ferber zurück. Doch über die Jahrzehnte seien diese stets weniger geworden. Genauso habe sich die Art der Beschaffung der Möbel verändert. »Früher kamen häufig fahrende Händler bei uns vorbei und boten sie auf ihren Wagen zum Verkauf an«, berichtet er. Später wurden seine Bezugsquellen insbesondere Privatleute - wenn etwa jemand seine Wohnung verkleinerte oder eine alleinstehende Person verstarb -, Auktionen oder Flohmärkte.

Parallel zu dieser Entwicklung »brachen die Preise ein, weil die jüngere Generation, bis auf wenige Ausnahmen, nichts mit Antiquitäten am Hut hat«, erzählt der Inhaber. Hier wie auch in großen Teilen älterer Generationen gehe es heute vor allem darum, Möbel »möglichst billig« zu kaufen und somit kaum noch auf höhere Qualität oder Langlebigkeit zu setzen. Nicht selten würden Menschen im Fünf-Jahres-Rhythmus oder noch früher ihre Möbel gegen neue austauschen. »Viele scheinen nur noch die eine Einkaufsmöglichkeit zu kennen«, weist er auf den weltbekannten Einrichtungskonzern aus Nordeuropa mit den vier Großbuchstaben im Namenszug hin. Seiner Ansicht nach seien bei den günstigen Möbelproduzenten die selbst aufzubauenden Stücke vielfach »so gefertigt, dass etwas schnell kaputtgeht«. Als Beispiel hierfür nennt er Rückwände aus Pappmaschee, in die Nägel einzuschlagen sind, statt dies einfacher und möbelschonender mit einer Nut zu lösen.

Entdeckerfreude

Diese Entwicklung ist für einen Antiquitäten-Fan wie Lothar Ferber einfach nur frustrierend. »Früher gab es noch die Entdeckerfreude, wenn Leute zig Kilometer gefahren sind und dann eine Kostbarkeit entdeckten«, erinnert sich der Inhaber. Der im Übrigen keine eigene Internet-Seite betreibt, um darüber seine Möbel anzupreisen. »Ich bin ein old-fashioned-Typ«, sagt er. Dass heutzutage bei immer weniger Menschen eine Liebe zu Möbeln mit einer jahrhundertealten Geschichte besteht, »ist eben so, ich verurteile das nicht«. Und so bleibe ihm die Hoffnung, dass die »Vorzüge« hochwertiger Möbel »von einer der nächsten Generationen mehr geschätzt werden«.

Auch nach dem letzten Öffnungstag des Geschäfts möchte Lothar Ferber »für meine treue Stammkundschaft« weiter erreichbar sein, wenn etwa ein Möbelstück zu restaurieren oder zu reparieren ist. Künftig nur noch die Beine hochzulegen, das kann sich der 68-Jährige nicht vorstellen.

Das Antiquitäten-Geschäft in der Wetzlarer Straße 4 in Krofdorf-Gleiberg ist samstags wie auch montags bis freitags jeweils von 12 bis 19 Uhr geöffnet.

Auch interessant