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"Musik statt Straße" feiert zehnjähriges Bestehen

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Von: Eva Pfeiffer

ANNEROD - (ebp). Armut, Hunger, eine hohe Sterberate, und Mädchen, die mit 13 Jahren bereits verheiratet und schwanger sind - "und das in der EU". Wenn Maria Hauschild über die Zustände im Getto "Nadeshda" im bulgarischen Sliven spricht, ist ihr der Ärger deutlich anzumerken. Vor zehn Jahren hat sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten Georgi Kalaidjiev das Projekt "Musik statt Straße" ins Leben gerufen.

Kinder, die ohne Perspektive im Getto aufwachsen, erhalten hier Musikunterricht - und die Aussicht auf einen Ausweg.

"Ich hatte eine Chance. Die will ich weitergeben", so Kalaidjiev bei einem Pressegespräch. Der Geiger wurde 1947 in einem Roma-Viertel in Sliven geboren und machte als Musiker Karriere. Rund 300 Kinder hat sein Hilfsprojekt in den vergangenen zehn Jahren begleitet. 16 von ihnen kommen nun nach Gießen zu Besuch und werden bei vier Konzerten zeigen, was sie in Sliven gelernt haben. Am Samstag, 17. August, spielen sie zusammen mit dem Multikulturellen Orchester, dessen Leiter Kalaidjiev ist, in der evangelischen Kirche in Annerod.

Das Konzert feiert nicht nur das zehnjährige Bestehen des Projekts, sondern ist auch ein Dankeschön für die Unterstützung der Anneröder. "Ohne die Spenden aus Deutschland würde es nicht funktionieren", betont Kalaidjiev. Neben Geld bekommen die beiden Initiatoren auch immer wieder Sachspenden vor ihre Haustür in Annerod gelegt, die sie bei ihren regelmäßigen Besuchen nach Bulgarien bringen. "Georgi ist in diesem Jahr schon dreimal mit dem Anhänger hingefahren", so Hauschild.

Auch Pfarrer i.R. Rolf Klingmann unterstützt das Projekt seit Jahren. Gemeinsam mit seiner Frau hat er ein Patenkind in Sliven. Seine gereimten Faschingspredigten hat er im vergangenen Jahr als Buch veröffentlicht und anstelle eines Kaufpreises um Spenden gebeten. 4000 Euro sind so zusammengekommen. Mit dem Geld soll ein Teil des Aufenthalts der bulgarischen Gäste finanziert werden. Die Kinder und ihre fünf Betreuer werden in der Jugendherberge in Gießen untergebracht. "Es ist ein wunderbares und absolut unterstützenswertes Projekt", so Klingmann. Nachdem die ersten 125 Bücher, die der frühere Dekan auf eigene Kosten hat drucken lassen, bereits vergriffen sind, gibt es nun die zweite Auflage; ergänzt um die Faschingspredigt von diesem Jahr.

Welche Nachwuchsmusiker die Reise nach Deutschland antreten dürfen, wurde nach einem Vorspielen entschieden. "Einige von ihnen haben erst seit einem Jahr Unterricht", erzählt Kalaidjiev. "Sie haben sich sehr angestrengt, weil sie wussten, was ihnen winkt. Das war eine große Motivation." Es ist nach 2011 und 2015 bereits der dritte Besuch der Kinder aus dem Konservatorium. Bürgermeister Stefan Bechthold erinnert sich noch gut an die bulgarischen Gäste: "Die Herzlichkeit der Kinder war unglaublich." Die Arbeit von Kalaidjiev und Hauschild, die seit 2014 in Annerod leben, sei "ein Musterbeispiel für soziales Engagement".

Wie gut dem Nachwuchs die Unterstützung tut, merken die Initiatoren auch bei Gesprächen mit Lehrern und Familien. Darunter der Vater, dessen beide Töchter Musikunterricht erhalten und der sich dafür bedankte, dass die Mädchen keine Kindsbräute und junge Mütter wurden. "Vor allem die Mädchen merken, dass sie nicht nur dienen und Kinder kriegen müssen", so Hauschild. Auch vor Zuhältern, die Mädchen aus dem Getto anwerben, würden sie geschützt. Doch auch den Jungs würden durch das Projekt die Augen geöffnet: "Sie lassen nicht mehr alles mit sich machen und kommen aus dem Trott heraus."

Dass sie nicht von jetzt auf gleich die gesellschaftlichen Verhältnisse in Kalaidjievs Geburtsort umwälzen können, ist auch den Initiatoren klar. "Aber wir retten einige Kinder aus ihrem nicht selbst verschuldeten Elend. Das ist ein schönes Gefühl."

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