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Nach 52 000 Jahren zu Besuch

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Von: Frank-Oliver Docter

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Auf diesem kürzlich mit einem Teleskop aufgenommenen Foto des Kometen C/2022 E3 (ZTF) ist der charakteristische Schweif solcher Himmelskörper gut erkennbar. Um jedoch auch diesen sehen zu können, braucht es mindestens ein großes Fernglas. Foto: Dan Bartlett/dpa © Dan Bartlett/dpa

Der Komet C/2022 E3 (ZTF) zieht seine Bahn über den Sternenhimmel auch im Landkreis Gießen. Bei der Astro AG Heuchelheim wird das genau verfolgt. Doch die Bedingungen sind schwierig.

Heuchelheim . Ein äußerst seltener Besucher aus den Tiefen des Weltalls stattet in diesen Wochen der Erde eine Visite ab: Der Komet C/2022 E3 (ZTF), wie seine wissenschaftliche Bezeichnung lautet, kehrt auf seiner weitläufigen Flugbahn nur alle rund 52 000 Jahre zu unserem Planeten zurück. Am 1. Februar soll der Komet mit 42 Millionen Kilometern die größte Annäherung zur Erde erreichen.

Das sei »etwas weniger als ein Drittel der durchschnittlichen Entfernung der Erde zur Sonne«, also in astronomischen Maßstäben »recht nah«, erzählt Klaus Spruck im Gespräch. Der Vorsitzende der Astronomischen Arbeitsgemeinschaft Heuchelheim, kurz Astro AG, und seine Mitstreiter verfolgen genau, welchen Verlauf der »schmutzige Schneeball« aus Gas, Wasser, Ammoniak und Staubteilchen mit seinem markanten »zig Millionen Kilometer langen Schweif« über den Abend- und Nachthimmel nimmt.

Problem Wetter

Doch man muss beileibe kein Profi-Sternengucker sein, um C/2022 E3 (ZTF) am Firmament zu entdecken. Um jedoch auch den Schweif sehen zu können, sei »mindestens ein großer Feldstecher« beziehungsweise ein Fernglas erforderlich, betont Spruck. Mit bloßem Auge zeigt sich der Komet dagegen nur als schwacher heller Punkt, der langsam über den Himmel wandert.

Zurzeit befindet er sich im Sternbild Drache, um sich bis zum 29. Januar entlang des Großen Wagens, auch Großer Bär genannt, in Richtung Polarstern - dem hellsten Stern im benachbarten Kleinen Wagen (Kleiner Bär) - zu bewegen. Ab 20 Uhr ist der weither angereiste Besucher bereits tief am Abendhimmel erkennbar und nähert sich bis 4 Uhr in den frühen Morgenstunden allmählich seinem höchsten Punkt. Am Polarstern vorbeiwandernd führt seine Bahn dann am Firmament in die Nähe unseres rötlich leuchtenden Nachbarplaneten Mars.

Spruck geht davon aus, dass der Komet noch bis Ende Februar mit Teleskopen zu beobachten sein wird, um sich dann wieder für lange, lange Zeit von der Menschheit zu verabschieden. Im Übrigen könne nicht sicher gesagt werden, dass es erneut 52 000 Jahre bis zu seiner Rückkehr dauern wird. »Vielleicht sind es auch nur 48 000 Jahre«, verweist der Hobby-Astronom auf mögliche Veränderungen der Flugbahn durch den Einfluss anderer Himmelskörper. Je mehr sich der Komet von der Sonne entfernt, umso mehr wird der Schweif nachlassen, da seine durch die Strahlung verdampfenden Bestandteile wieder gefrieren.

Die derzeitige Wettervorhersage verheißt allerdings nichts Gutes: »Bis kommendes Wochenende soll es durchgängig Bewölkung geben«, berichtet der Vorsitzende. Darüber hinaus beeinträchtige der zunehmende Mond die Sichtbarkeit von C/2022 E3 (ZTF). Letztere Abkürzung steht für Zwicky Transient Facility, einer automatischen, computergesteuerten Methode, mit der von einem Observatorium in Kalifornien (USA) aus die Bahnen sogenannter Kleinplaneten überwacht und berechnet werden. Hierbei handelt es sich um astronomische Objekte, die sich auf einer Umlaufbahn um die Sonne bewegen und Ausmaße von wenigen Metern Durchmesser bis zu mehreren Hundert haben.

Neben wolkenverhangenem Himmel macht noch ein weiteres Problem den Hobby-Astronomen zu schaffen: die Lichtverschmutzung, also die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen von Straßenbeleuchtung bis hin zu Werbetafeln.

Wie massiv diese heutzutage ist, belegt Spruck an einem Beispiel: »Wenn man vom Vogelsberg im Dunkeln in die Umgebung schaut, ist das Rhein-Main-Gebiet eine der hellsten Lichtquellen.« Und das, obwohl beides eigentlich Luftlinie über 60 Kilometer voneinander entfernt ist. Das Problem besteht jedoch ebenso im ländlicher geprägten Mittelhessen. Auch wenn viele Straßenlaternen inzwischen auf weniger lichtstarke LEDs umgestellt worden sind, seien diese häufig so justiert, dass »30 bis 40 Prozent des Lichts nach oben wegstrahlt«. Andere nächtliche Beleuchtungen wie die von Werbetafeln und nach oben gerichteten Bodenstrahlern hält der AG-Vorsitzende für »nicht notwendig«.

AG 1975 gegründet

Der Entwurf zur Novellierung des Hessischen Naturschutzgesetzes vom vergangenen Dezember enthält zwar Maßnahmen gegen die Lichtverschmutzung. Doch handele es sich dabei »nur um Soll-Vorschriften«, moniert er. Man habe es leider versäumt, früher rechtliche Grundlagen zu schaffen. »Im Prinzip ist das Kind schon jetzt in den Brunnen gefallen«, stellt er fest.

Die Astronomische Arbeitsgemeinschaft wurde 1975 gegründet. Heute gehören ihr etwa 30 Mitglieder an, die aufgrund von Umzügen weit über Deutschland verteilt seien, erzählt Spruck. »Unsere Treffen finden daher meist virtuell statt.« Das Durchschnittsalter der Mitglieder ist mittlerweile ziemlich hoch, da es an Nachwuchs mangelt. Womöglich kann ja der jetzige Komet Neugierige anlocken und für das faszinierende Hobby begeistern.

Die Treffen finden immer freitags ab 20 Uhr im Alten Rathaus in Heuchelheim statt, wo die Gemeinde den Hobby-Sternenguckern einen Raum zur Verfügung gestellt hat.

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