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Nach der Krise ist vor der Krise

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Nicht alle Geschäfte haben die Corona-Lockdowns überlebt. Laut IHK gibt es im Landkreis Gießen aber keine Anzeichen für eine nachgeholte Insolvenzwelle, nachdem die Corona-Beihilfen von Bund und Land nun ausgelaufen sind. Symbolfoto: dpa © DPA Deutsche Presseagentur

Für Betriebe in Stadt und Landkreis Gießen wurden mehr als 9.7 Millionen Euro Corona-Beihilfen zur Verfügung gestellt, doch der Ausblick ist düster.

Kreis Gießen. (ib). 17,5 Milliarden Euro Corona-Beihilfen von Bund und Land sind seit Beginn der Corona-Pandemie bis zum Auslaufen dieser Unterstützung am 30. Juni an hessische Unternehmen und Soloselbstständige überwiesen worden. Das bilanzierten Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne), Finanzminister Michael Boddenberg und Innenminister Peter Beuth (beide CDU). Für Betriebe in Stadt und Landkreis Gießen wurden mehr als 9.7 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Die 17,5 Milliarden Euro umfassen Zuschüsse, Darlehen, Kredite, Bürgschaften und zum größten Teil vorübergehende steuerliche Erleichterungen. »Wir konnten vielen hessischen Betrieben helfen, die Auswirkungen der Pandemie abzufedern und die wirtschaftlichen Folgen zu bewältigen«, freute sich Boddenberg.

Mehr als zwei Jahre nach dem Start der ersten Wirtschaftshilfen, habe Hessens Wirtschaft erkennbar Fahrt aufgenommen, lobte auch Al-Wazir. Das Wirtschaftswachstum habe 2021 sogar über dem Bundesdurchschnitt gelegen. »Ich bin zuversichtlich, dass Hessens Wirtschaft wieder an die Stärke vor Beginn der Corona-Pandemie anknüpft«, so der Minister. »Wir sind unterm Strich sehr gut durch die Corona-Krise gekommen«.

In Hessen wurden 746 766 Anträge für direkte Unterstützungszahlungen eingereicht. Dazu kommen noch zehn Landesbürgschaften und -garantien in Höhe von 661,4 Millionen Euro sowie Bürgschaften und Garantien der Bürgschaftsbank Hessen (BBH) in Höhe von 273,2 Millionen Euro für Kredite, Liquiditätsbeteiligungen und steuerliche Hilfen. 127 Anträge, die eigentlich nicht die Kriterien erfüllten, wurden durch eine Notfallkasse abgedeckt, die 4,9 Millionen Euro auszahlte

Zu diesen Landesmitteln kamen vom Bund noch Coronabeihilfen, die November-/Dezemberhilfe, Überbrückungshilfen und Neustarthilfen von rund 9.5 Milliarden Euro

9,7 Millionen für Stadt und Landkreis

Unternehmen in der Stadt sowie im Landkreis Gießen wurden nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg (IHK) 323 Förderkredite in Höhe von mehr als 9,7 Millionen bewilligt. Davon gingen unter anderem 85 Kredite an Betriebe im Bereich Gastronomie, 36 an solche im Bereich der sonstigen persönlichen Dienstleistungen (Frisöre, etc.), 34 Kredite an Einzelhandelsunternehmen und 25 Kredite an Firmen im Bausektor.

Aus dem Programm Liquiditätshilfe für kleine und mittlere Unternehmen in Hessen wurden Firmen in Stadt und Kreis fünf Förderkredite in Höhe von rund 730 000 Euro bewilligt.

Diese Zahlen wurden zum Stichtag 31. März 2022 erhoben, dürften sich aber von der Gesamtbilanz nicht allzu sehr unterscheiden, das es laut IHK im zweiten Quartal nur noch wenige Neubewilligungen in den Förderprogrammen gab.

Dagegen hätten in der Anfangsphase der Corona-Krise die Telefone bei der IHK nicht mehr stillgestanden, heißt es dort. Ein Team von 25 Mitarbeitern habe ununterbrochen Fragen zu den Corona-Hilfen beantwortet. Abhängig von der Betroffenheit der Branche hätten viele Unternehmen sofort Hilfe gebraucht, manche erst später. Viele der IHK-Mitgliedsbetriebe waren dabei stark betroffen und hätten über längere Zeiträume die maximalen Hilfen in Anspruch genommen.

Einzelne, sehr stark betroffene Branchen hätten sich in der Pandemie nicht ausreichend unterstützt gefühlt, sagt Andrea Bette, stellvertretende Leiterin des Geschäftsbereichs »Existenzgründung und Unternehmensförderung, Innovation und Umwelt«. Dies betreffe vor allem die Veranstaltungsbranche. Aber der Großteil der Unternehmen fühle sich durchaus ausreichend unterstützt.

Manche Unternehmen seien aber auch gänzlich leer ausgegangen, ergänzt ihr Kollege Vitalis Kifel, Fachreferent für Unternehmensförderung. Firmen, die bereits eine längere Vorbereitungszeit hatten, aber erst 2020 gegründet worden waren, wurden nicht gefördert. Vor allem, wenn sie noch keine Umsätze vorweisen konnten.

Größtenteils seien die Corona-Beihilfen aber nach Anlaufschwierigkeiten und Verzögerungen in der Hochphase schnell und unbürokratisch ausgezahlt worden, lobt Bette.

Keine Insolvenzwelle

Für eine von einigen Wirtschaftsexperten befürchtete nachgeholte Insolvenzwelle nach dem Auslaufen der Beihilfen sieht man derzeit bei der IHK keine Anzeichen. Die Fördermittel und das Kurzarbeitergeld hätten viele Unternehmen in der Hochphase der Pandemie vor der Insolvenz bewahrt, betont Kifel. Das bestätigt auch die Zahl der Insolvenzen, die ist aktuell kaum höher als vor einem Jahr. So meldeten beispielsweise 98 Betriebe in Hessen Insolvenz an, im Mai 2021 waren es 94.

Für eine Entwarnung sieht die IHK aber dennoch keinen Anlass. Angesichts der drohenden Rezession infolge des Ukraine-Kriegs und explodierender Energiekosten sowie einer immer noch nicht beendeten Pandemie stünden die heimischen Unternehmen aktuell enorm unter Druck. Krisenmanagement sei zum festen Bestandteil der Tagesordnung geworden. Mit Störungen in den Lieferketten, Fachkräftemangel und stark gestiegenen Preisen für Waren und Energie habe sich die angespannte Situation der Unternehmen seit Beginn der Corona-Pandemie nicht verbessern können.

Besonders angespannt fällt nach Einschätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) die Bewertung der Finanzlage im Bereich Verkehr, Logistik und Lagerhaltung aus - nahezu jedes zweite Unternehmen melde hier Probleme. Häufig träfen in dieser Branche fest vereinbarte Leistungspreise auf sprunghaft gestiegene Energiekosten. Dazu kämen Engpässe durch Logistikstörungen wie die Überlastung internationaler Häfen sowie die mangelnde Verfügbarkeit von Containern oder Paletten.

Besonders stark geändert habe sich die Situation bei den Unternehmen des Straßengüterverkehrs. Jeder zweite Betrieb berichte dort über Finanzierungsprobleme. Das seien zehn Prozent mehr als noch zu Jahresbeginn, so der DIHK

»Unternehmen brauchen Planungssicherheit und die Politik muss dazu den Rahmen festlegen. Die Wirtschaft erwartet von der Politik, dass bei einer erneuten Zuspitzung der Corona-Lage deutlich differenziertere Maßnahmen getroffen werden, um besondere Härten für Unternehmen abzumildern. Die Förderkulisse muss auf branchenspezifische Besonderheiten noch mehr Rücksicht nehmen«, erklärt IHK-Geschäftsführer Dr. Frank Wendzinski.

Nachbesserung bei der Besteuerung

Und dann sind da ja noch die Steuern. Das Bundeskabinett hat kürzlich den Entwurf eines vierten Corona-Steuerhilfegesetzes beschlossen. Die darin enthaltene Verlängerung der erweiterten Verlustverrechnung hält IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Matthias Leder im Grundsatz für richtig. Die hessischen IHK hätten sich aber noch deutlich bessere Bedingungen für die Betriebe gewünscht. Verluste sollten komplett und über den gesamten Lebenszyklus eines Unternehmens zurückgetragen werden können. Es entspreche dem Gebot der leistungsgerechten Besteuerung, dass sich Verluste steuerlich spiegelbildlich zu den Gewinnen auswirkten.

Der Verlustrücktrag auf zwei unmittelbar vorangegangene Jahre greift bei mehrjährigen Krisen wie der aktuellen Corona-Pandemie jedoch zu kurz. Er reiche dann nämlich nicht bis in Vorkrisenzeiten zurück und könne damit krisengeschüttelte Branchen kaum stabilisieren. Zudem sollte der Verlustrücktrag nicht nur für die Einkommen- und Körperschaftsteuer gelten, sondern auch für die Gewerbesteuer. »Das wäre ein Gebot der leistungsgerechten Besteuerung«, findet Leder.

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