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»Neuzugang« geht vom Leihgesterner »Platz«

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Luigi Laurito dreht ab Ende September den Zapfhahn hoch. Foto: Wißner © Wißner

Luigi Laurito hat kapituliert. Zum 30. September hört der Betreiber des Sportheims der TSG Leihgestern auf.

Linden (twi). Er war mit Sicherheit der beste »Neuzugang«, den die TSG 1893 Leihgestern in diesem Jahrzehnt verpflichtet, doch nun ist zum 30. September endgültig Schluss. Für einen 70-Jährigen auch verständlich, doch die Umstände sind es, die ihn auch zur Aufgabe zwingen: Luigi Laurito. Lindens wohl bekanntester Italiener, ein Gastronom vom Apennin der ersten Stunde, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat, ein Gastwirt, der sein Handwerk versteht und seit 55 Jahren mit großer Leidenschaft betreibt - und nun kapituliert.

Corona, gestiegene Preise, fehlendes Personal; die Gründe sind vielfältig und für all diese kann er nichts, muss sie hinnehmen. Die Pandemie hat gerade in der Gastronomie vieles verändert und Laurito viel Kraft gekostet.

Dabei hätte er es einfacher haben können, als er am 15. Oktober 2020 nach Linden zurückkehrte und das Sportheim Leihgestern »bei Laurito« eröffnete. Einen Biergarten hatte der TSG-Vorstand quasi als Gastgeschenk für den »Neuzugang« neu hergerichtet. Mit zwei Pächtern zuvor hatte der Traditionsverein Schiffbruch erlitten und mit Laurito einen Coup gelandet, um dabei in der Fußballersprache zu bleiben. Denn der der TV 07 Watzenborn-Steinberg wollte den Wirt seines Tennisheims unbedingt behalten und machte diesem Angebote, die man eigentlich nicht ablehnen kann. Doch Laurito, selbst einst Fußballer, steht auch für Traditionen und bei ihm gilt »ein Mann, ein Wort« - und der TSG hatte er nun einmal schon seine Zusage gegeben. Und so kehrte er nach zehn Jahren nach Linden zurück, wo er zuvor 24 Jahre Pächter der Lindener Ratsstuben-Kegelzentrum war.

Kaum hatte er in Leihgestern begonnen, kam der erste Lockdown und das Weihnachtsgeschäft war dahin. Gleiches dann 2021. Dazu dann auch noch der Umstand, dass es nicht wie ursprünglich geplant klappte, das Sportheim gemeinsam mit seinem Bruder zu betreiben. »Die Welt hat sich in diesen zweieinhalb Jahren der Pandemie verändert und der Gastronomie große Probleme gebracht. Als es nun zum 1. Mai wieder losging, da gab es kein Personal«, klagt Laurito und verrät, dass er deshalb seit nunmehr vier Monaten auch als Koch in der Küche seinen Mann steht. Doch auch er kann sich nicht teilen und dies alles zehrt an den Kräften, denn noch eine Veränderung hat die Pandemie mit sich gebracht.

»Ein Glücksfall«

»Alles spielt sich nun zwischen 17.30 und 19.30 Uhr ab. In diesen zwei Stunden werden 99 Prozent des Tagesumsatzes gemacht und wenn ich dann in der Küche stehe, dann kann ich nicht auch noch ans Telefon gehen und Bestellungen annehmen, die in 15 Minuten fertig sein sollen«, schildert er seine missliche Lage und entschuldigt sich bei seinen Gästen. »Es geht einfach nicht mehr, dabei hat das Lokal großes Potenzial und der Verein ist ein toller Verein, familiär, voll funktionierend, auch das Führungspersonal ist mit viel Engagement bei der Sache. Und auch die Umgebung, die Nachbarn und Anwohner sind dankbar für das Angebot hier. Es ist im Endeffekt egal, welche Speisen ein künftiger Wirt hier anbietet, er muss es nur beherrschen«, wirbt Laurito bereits für einen Nachfolger, denn einen solchen gibt es noch nicht. Wie TSG-Vorsitzende Michaela Seipp dazu verrät, habe es zwar bereits Gespräche gegeben, »doch sind wir auf der Suche. Wir wissen wie schwer es ist, einen Nachfolger zu finden und Luigi Laurito war für uns ein Glücksfall. Die Umstände müssen wir akzeptieren, denn auch für uns ist die Bewirtschaftung unseres Vereinsheims aufgrund der gestiegenen Preise schwieriger geworden«. Gastronomie sei eben nicht attraktiv, geht Laurito auf die Arbeitszeiten ein. »Wir müssten normalerweise zwei Tage in der Woche schließen, doch das kann sich keiner leisten, erst recht nicht bei den steigenden Energiepreisen. Am besten funktioniert es noch bei Familienbetrieben, wenn die nächste Generation die Tradition fortführt. Die Arbeitszeiten sind zu lang und heute unattraktiv. Alles ist besser als in der Gastronomie«, resümiert Laurito.

Bis Dezember 2010 führte der beliebte Italiener die Lindener Ratsstuben im Stadtzentrum, um sich mit seiner Abkehr von Linden dann dem Sport zuzuwenden. So übernahm er zunächst das Clubheim samt Gastronomie des Rot-Weiß-Clubs in Gießen und im Mai 2015 das TV 07-Tennisheim in Watzenborn-Steinberg. Dieses führte er bis zum 30. September 2020, um dann nach Linden zurückzukehren.

Treue Gäste

Doch egal wo Laurito wirkte, seine Gäste sind ihm treu geblieben, sind nach Gießen und auch nach Watzenborn-Steinberg gekommen. Die Ratsstuben, die er im November 1986 übernahm, waren für ihn und seine Familie mehr als nur ein normaler Gastronomiebetrieb, nämlich eine Lebensaufgabe. Laurito, der zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine bewegende Laufbahn zurückblicken konnte, sah das langsam wachsende Stadtzentrum als Herz der zusammenwachsenden Stadt an und dass dieses richtig zum Schlagen kam, daran hat das älteste von insgesamt sieben Kindern aus dem gerade mal 1300 Einwohner zählenden Cannalonga in der italienischen Provinz Salerno großen Anteil. Aus diesem kleinen Ort sind einst fast 500 Personen ausgewandert, die allesamt in der Gastronomie tätig sind - die Hälfte in Mittelhessen und die andere in der Gegend von Lörrach bis Walsund, wo sie Pizzerien und Eisdielen betreiben. Bereits als 14-Jähriger hatte er in der Schule geschrieben, dass er nach Deutschland auswandern will. Ein Jahr später kam er dann nach Gießen, wo er im Februar 1968 bei Luca Bortoli im Restaurant Am Schwantenteich begann.

Noch gut kann er sich daran erinnern, als dieser den damals 1,40 Meter großen und gerade mal 35 Kilogramm schweren »kleinen Italiener« sah und zu seinen Mitarbeitern sagte: »Kauft ihm eine Rückfahrkarte und schickt ihn nach Hause, der Kerl kann nicht arbeiten.« Doch dies war eine totale Fehleinschätzung und bereits zwei Jahre später war Luigi Laurito Küchenchef und mit 19 Jahren einer der Partner von Luca Bortoli bei der Übernahme des Löwen in Gießen.

Zwischenzeitlich war er in Würzburg und auch in Mainz tätig, wo er 1971 dem damaligen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, einem gewissen Helmut Kohl, eine Pizza zubereitete. Auch wenn dieser ansonsten nur Pfälzer Saumagen in der Welt bekannt machte, hat Luigi Laurito keine Klagen vom ehemaligen Landesvater gehört.

Wieder zurück in Gießen erwies sich das Gastronomie-Duo Bortoli-Laurito als äußerst effektiv. In der Sonnenstraße übernahmen sie 1975 die Gaststätte Zur Sonne, bauten das Lokal komplett um und eröffneten El Gaucho. Es folgte 1981 die Gaststätte Zur Quelle in der Frankfurter Straße, die zum Restaurant Frascati wurde. 1986 übergab Luigi seine Anteile am Löwen seinem Bruder Sabatino. In Linden stieg er in den Ratsstuben zusammen mit seinem Partner Luigi Majo ein, der aber schnell wieder ausstieg.

Die TSG war mit ihrem Sportheim nach der Kündigung von Torben Mader zum Jahresultimo 2017 nicht so recht glücklich geworden und konnte nun mit Laurito wieder einen Aufschwung verzeichnen, doch kam nun Corona.

Vorsitzende Michaela Seipp ist dankbar für Bewerbungen, wie sie sagt, auch per E-Mail an vorstand@tsg-leihgestern.de.

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