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Noch ein ganz weiter Weg

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Von: Burkhard Bräuning

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Guido Orthen, Bürgermeister der Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, sagt: »Wir müssen den Menschen vor allem das Gefühl geben, dass wir uns um sie kümmern.« © Burkhard Braeuning

»Erst verwüstet, dann vergessen?« Das ist der Titel einer Dokumentation über die Folgen der Flut im Ahrtal. Ist das so? Ja und nein. Die Welt dreht sich weiter, könnte man lapidar sagen. Aber noch ist das Ahrtal nicht im Dunkel der Geschichte verschwunden. Es gibt noch immer große Anteilnahme und viel Hilfe. Guido Orthen, Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler, und Cornelia Weigand, Bürgermeisterin von Altenahr, tun alles dafür, damit die Menschen im Tal nicht vergessen werden.

Sie erzählen uns vom harten Alltag in einer leidgeprüften Region.

Sakko oder Anzug sind derzeit nicht die Kleidungsstücke, die Guido Orthen im Dienst trägt. »Das passt nicht, wenn man beinahe täglich raus muss in eine von der Flut schwer getroffene Stadt.« Wir sitzen am Konferenztisch in seinem Büro. Für Smalltalk ist keine Zeit, zu viel gibt es zu erzählen über den Stand der Dinge in Bad Neuenahr-Ahrweiler und das ganze Ahrtal. Über eine Stadt, die Trauer trägt, wie Orthen es formuliert. Das Graubraun der Schaufenster in der Fußgängerzone passt dazu. »Aber wir halten dagegen«, sagt Orthen. »Wir werden wieder eine bunte Stadt sein. Der Weg dahin ist aber weit.«

Herr Bürgermeister Orthen, sieben Monate sind seit der Katastrophe vergangen. Konnten sich die Behörden mittlerweile einen umfassenden Überblick über die Schäden verschaffen?

Nun, die vollständige Erfassung ist mittlerweile so gut wie abgeschlossen. Allein die Liste der Aufbauprojekte am kommunalen Eigentum der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler wird nach aktuellem Stand über 1400 Positionen umfassen. Wir schätzen den Schaden an der kommunalen Infrastruktur auf etwa 1,7 Milliarden Euro, eher mehr. Über 10 500 Haushalte im gesamten Stadtgebiet sind von der Flut betroffen. Und insgesamt rund 5000 Gebäude wurden zerstört beziehungsweise mehr oder weniger stark beschädigt. Im kommunalen Bereich sieht die Bilanz bei den Gebäuden so aus: 20 sind komplett zerstört, und 80 sind Sanierungsfälle. Da ist viel zu tun.

Wie sieht es mit einem Bebauungsplan aus? Gibt es da Probleme? Kann denn überall wieder gebaut werden?

Ob ein Gebäude wieder aufgebaut werden kann, kann nur im Einzelfall und nicht pauschal beantwortet werden. Durch die vorläufige Sicherstellung des neuen Überschwemmungsgebietes der Ahr im Oktober 2021 sind zahlreiche bebaute Bereiche der Stadt mit einem grundsätzlichen Bauverbot belegt. Insofern kann dort nur mit Ausnahmegenehmigung der Oberen Wasserbehörde neu gebaut oder wieder aufgebaut werden.

Woher kommt das viele Geld, das benötigt wird?

Die Aufbauhilfe wird hälftig vom Bund und allen Bundesländern finanziert. Von dem Gesamtvolumen von 30 Milliarden Euro entfällt knapp die Hälfte auf die von der Flut betroffenen Gebiete in Rheinland-Pfalz.

Was sind aktuell die aus Ihrer Sicht größten Probleme?

Ich zähle einfach mal auf, ohne tiefer einzusteigen: Langwierige bürokratische Verfahren, Handwerkermangel, Materialmangel, Fachpersonalmangel, Wärmeversorgung der Haushalte, Bestimmung des künftigen Ahrverlaufs, Entwicklung eines einheitlichen Hochwasserschutzkonzeptes.

Wie ist die Lage in den Unternehmen?

Etwa 80 Prozent der Unternehmen in Bad Neuenahr-Ahrweiler waren betroffen, davon sind aber schon sehr viele wieder am Start. Fast alle produzieren wieder oder bieten ihre Leistungen an. Von den Einzelhändlern konnten nur die wenigsten ihren Betrieb bereits wieder am bisherigen Standort aufnehmen. Manchen Branchen konnte noch keine deutliche Zukunftsperspektive aufgezeigt werden. So besteht im Bereich Tourismus und bei den mittelbar angrenzenden Branchen noch große Unsicherheit.

Was sind die größten Hürden?

Die wichtigste Hürde ist aktuell die Klärung des künftigen Verlaufs der Ahr und die in der Folge zu entwickelnden Konzepte für Hochwasserrückhaltung und -vorsorge. Von diesen Erkenntnissen hängen viele weitere Entscheidungen - etwa die Neuplanung der Brücken - ab.

Im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung in Mittelhessen hört man immer wieder Stimmen, die sagen, es gehe zu langsam. Stimmen Sie dem zu?

Der Wiederaufbau unserer Stadt ist eine Mammutaufgabe, die uns noch über Jahre begleiten und sämtliche finanziellen und personellen Ressourcen vor Ort binden wird. Das alles braucht Zeit.

Was steht auf der Habenseite?

Wir haben viel geschafft: Wir konnten die Strom- und Wasserversorgung nahezu zu 100 Prozent wiederherstellen. 19 480 Stromanschlüsse waren betroffen. Wir haben eine vollständige Versorgung mit Strom seit dem 19. August 2021. Täglich waren bis zu 100 Personen im Einsatz. Kontinuierlich wird nun das neue Stromnetz aufgebaut. Die Wärmeversorgung für den Winter wurde weitgehend gesichert. Tausende Quadratmeter Gehwege und Straßen sind wieder provisorisch hergerichtet. Und wir ermöglichen mit unseren Pop-Up-Malls wirtschaftliches Leben in der Stadt. Außerdem haben wir für Tausende Kinder den Schul- und den Kitabetrieb wieder aufgenommen - wenn auch anders als vorher. Trotz allem haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Es gilt nun die kommunale Infrastruktur weiter aufzubauen. Dazu zählen sowohl Straßen und deren Beleuchtung als auch Parks, Spielplätze und Sportstätten.

Wie geht es in diesem Jahr weiter, was steht ganz oben auf der Agenda?

Zunächst wollen wir die Menschen gesund, sicher und zuversichtlich durch die letzten Winterwochen bringen. Wir haben zehn Wintertreffpunkte zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung geschaffen. Außerdem kulturelle Angebote. Dazu die erwähnten Pop-up-Malls mit Angeboten des Einzelhandels und der Gastronomie. Von herausragender Bedeutung ist in diesem Jahr natürlich, mit den ersten Maßnahmen zum Wiederaufbau zu beginnen. Seit 1. November besteht die Aufbau- und Entwicklungsgesellschaft Bad Neuenahr-Ahrweiler. Derzeit ist die Gesellschaft damit beschäftigt, für die anstehenden Projekte die Grundlagenermittlung durchzuführen.

Wie geht es den Menschen hier im Tal?

Die Menschen sind jetzt vor allem mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Viele mussten ihr Zuhause verlassen und leben vorübergehend in Provisorien, teils weit weg von der Stadt. Trotzdem muss in diesen Familien der ganz normale Alltag weitergehen, die Arbeit, die Schule, das soziale Leben. Das ist eine tägliche Herausforderung und Belastung. Bei manchen ist immer noch nicht klar, ob und wann sie in ihr altes Haus oder ihre ehemalige Wohnung zurückkehren können. Auch die Suche nach dauerhaftem Wohnraum ist ein Problem.

Wie geht es Ihnen und Ihren Mitarbeitern mit all der vielen Arbeit?

Von rund 340 Mitarbeitern der Stadtverwaltung ist etwa ein Drittel selbst von der Flut betroffen. In der Stadtverwaltung ist und kann auch noch keine Normalität eintreten. Nach wie vor gilt es, die Folgen der Flut zu bewältigen. Teile des Rathauses sind noch immer eine Baustelle, und der Betriebshof ist täglich mit flutbedingten Arbeiten zugange. Es wird noch eine unbestimmte Zeit dauern, bis in der Stadtverwaltung wieder von Normalität gesprochen werden kann.

Wird die Stadt wieder neu erblühen?

Ja, die Stadt wird wieder lebendig und bunt sein. Bad Neuenahr-Ahrweiler wird in zwei bis drei Jahren auch wieder eine touristische Stadt sein. Und wir freuen uns schon darauf, dass wir dann auch die vielen tausend Helfer, die uns jetzt so unterstützen, als unsere Gäste begrüßen werden.

Was ist ihre oberste Priorität beim Wiederaufbau?

Das Wichtigste beim Wiederaufbau wird sein, verschiedene Prioritäten zu setzen. Und ich sehe es als klare Aufgabe der Politik, hier die verschiedenen Interessen ins Gleichgewicht zu bringen.

Als Bürgermeister Orthen die Fragen beantwortet hat, richtet er sich auf, schließt kurz die Augen und sagt: »Man könnte viele Geschichten über die Flut und die Folgen erzählen. Jede hat ihre eigene Facette, und jede treibt einem noch immer das Wasser in die Augen. Es ist eine sehr große Zahl von Menschen unmittelbar von der Flut betroffen. Jeder, der seinen ersten Geburtstag nach der Katastrophe feiert, denkt an die Nacht, an die Schreie, die Ängste, aber auch an mutige Menschen. Wir denken oft an die Opfer - und an die Bilder der ersten Tage. Hinzu kommt die Erschöpfung. Es ist ein Wunder, dass es trotzdem nach vorn geht.«

Tote und Verletzte - Im Ahrtal wurden nach der Flut 134 Tote (plus ein Opfer aus Trier) gezählt. 65 Opfer waren männlich, 70 Opfer weiblich. Mehr als die Hälfte der Toten (69) waren in der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler gemeldet. Weitere 33 Tote gab es in der Verbandsgemeinde Altenahr. In Sinzig waren es 13. Zwölf von ihnen hatten dort in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung gelebt. Sechs Tote waren in der Verbandsgemeinde Adenau gemeldet. Das jüngste Todesopfer war vier Jahre alt, das älteste 97.

Verletzte - Es gab 766 Verletzte. Sehr viele Menschen sind traumatisiert.

Vermisste - Vermisst werden aktuell noch zwei Männer im Alter von 60 und 22 Jahren. Klarheit gab es über das Schicksal einer Frau, deren Leiche wenige Wochen nach der Flut bei Rotterdam gefunden wurde.

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