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»Noch nie so hoch«

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Das Hauptproblem sieht das Langgönser Unternehmen Bork im Fahrermangel. Es sei zu befürchten, dass diese Tendenz noch weiter steigt. Symbolfoto: dpa © Imme Rieger

Kreis Gießen . Die hohen Benzinpreise im Zusammenhang mit dem russischen Invasionskrieg in der Ukraine belasten ganz besonders die heimischen Speditionen. Auch viele der dort beschäftigten Fahrer stammen aus Osteuropa. Wie gehen die Unternehmen mit der aktuellen Situation um? Der Anzeiger fragte bei zwei Unternehmen nach.

»Der Fahrermangel und die Energiekosten machen uns am meisten Sorgen«, sagt Kurt Metz, Fuhrparkleiter bei der Spedition Bork in Niederkleen. Das Unternehmen ist eines der größten seiner Branche in der Region, momentan verfügt es über 285 zugelassene Zugmaschinen und 570 Auflieger. Etwas mehr als 400 Fahrer arbeiten dort, über 200 Fernfahrer kommen aus Polen, aus Russland und der Ukraine stammt aktuell kein Fahrer.

»Die Energiekosten waren noch nie so hoch wie heute, sie kommen direkt nach den Lohnkosten. Die hohen Preise drücken auf die Betriebskosten«, erklärt der Fuhrparkchef. Die Spedition reagiert auf diese Situation mit diversen Schulungen und versucht, darüber Kraftstoff einzusparen, »auch im Zehntelbereich«, betont Metz.

Jahreslaufleistung

Denn bei einer Jahreslaufleistung, die im vergangenen Jahr bei 30 Millionen Kilometern lag, seien 0,2 bis 0,5 Liter Einsparung pro 100 Kilometer »eine gewaltige Menge«. Das komme auch der Umwelt zugute. Kraftstoff habe Bork noch genügend, es sei für das Unternehmen kein Problem, dafür in Vorkasse zu treten, »dadurch können wir die Versorgung aufrechterhalten«. Dies sei bei manchen kleineren Speditionen momentan schon problematisch, weiß der Fuhrparkleiter. Kosten und Frachtraten müssten kalkuliert werden und gegebenenfalls an die Kunden umgeschlagen werden.

Wenn der Kraftstoffpreis weiter ansteigen würde, stünde irgendwann die Frage im Raum, welche Produkte aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr gefahren werden könnten. Bork ist fast ausschließlich auf dem deutschen Markt aktiv, nach Russland oder in die Ukraine hat die Spedition keine geschäftlichen Verbindungen. In Deutschland fährt sie vorwiegend Produkte für den täglichen Gebrauch wie Lebensmittel, aber auch Hygieneartikel und medizinische Produkte.

Was Kurt Metz noch größere Sorgen bereitet als der Spritpreis, ist die Personalsituation: »Wir hatten ja schon vorher Fahrermangel, 60 000 Fahrer fehlen aktuell in Deutschland. Selbst wenn das Benzin fünf Euro kosten würde, fährt der Lkw nicht von alleine«, macht er die Bedeutung dieses Berufsstands deutlich. Die Wertschätzung der Fahrer habe in den vergangenen Jahren extrem gelitten, die Branche sei stark in der Kritik von Umweltschützern.

Der Krieg in der Ukraine könnte sich nun auch auf die Speditionen in Deutschland auswirken: »Etwa 100 000 Fernfahrer aus der Ukraine arbeiten in Polen. Wenn die in ihr Heimatland zurückgehen, reißt das eine große Lücke.« Metz befürchtet ein Szenario, dass viele polnische Fernfahrer, die jetzt noch in Deutschland arbeiten, dann wieder in ihre Heimat zurückgehen, um dort zu arbeiten und zugleich näher bei ihren Familien zu sein. »Darin sehe ich eine weitaus größere Gefahr für Deutschland als in den steigenden Kraftstoffpreisen. Das wäre eine einschneidende Sache, durch die die Versorgung stark gefährdet werden könnte«, befürchtet er.

In vielen europäischen Ländern wie Holland, Österreich oder Polen haben die Regierungen bereits Maßnahmen getroffen, um Firmen in der Logistikbranche zu entlasten, beispielsweise indem die Kosten für Speditionsdiesel reduziert wurden, »in Deutschland ist man zu zögerlich, auch hier muss die Regierung bald Maßnahmen treffen«, kritisiert Metz.

Sonst werde der innereuropäische Wettbewerbsdruck noch weiter erhöht, »irgendwann sind bei uns Optimierungen dann nicht mehr möglich«. Fünf Lkw der Bork-Flotte werden mit Gas betrieben. »Das ist noch teurer geworden, wir werden diese Fahrzeuge wohl stilllegen müssen.«

Kriegsausbruch

Das Kundenverhalten nach dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine habe man bei Bork sofort gemerkt: »Die Leute haben viel mehr gekauft, wir hatten in den ersten Tagen einen deutlichen Anstieg der Touren.« Metz sagt: »Wir sind zwar nicht direkt betroffen, aber mittelbar, besonders die Artikel des täglichen Bedarfs haben noch nie in so kurzer Zeit solche Preissprünge erfahren.« Sein Resümee: »In der jetzigen Krise kommt uns unsere Größe zugute, denn die Kundenwünsche müssen ja auch logistisch umgesetzt werden können. Aber wir sind absolut an der Grenze, auf Dauer ist das nicht durchzuhalten. Insbesondere dürfen keine weiteren Fahrer abwandern.«

Michaela Rochow-Linke und Björn Fröder sind Inhaber der Rochow & Fröder GbR aus Hüttenberg-Rechtenbach, die internationale Eil- und Kühltransporte anbietet. Zwölf Fahrzeuge und 13 Mitarbeiter hat das Unternehmen. Es ist darauf spezialisiert, temperaturempfindliche Waren und Gefahrgüter zu transportieren.

»Wir haben jetzt einen erhöhten Aufwand, neben den Touren für unsere Stammkunden adäquate Touren mit akzeptablem Zahlungsziel und Frachtpreis zu finden. Leider ist es immer noch so, dass Touren für unter einem Euro pro Kilometer angeboten werden. Der vorgeschriebene Mindestlohn und weitere Kosten sind mit einem Preis unter 1,65 Euro pro Kilometer aber nicht kostendeckend«, sagt Björn Fröder.

Wie reagiert die Spedition auf die hohen Kraftstoffpreise? »Wir beobachten ständig die Tankstellenpreise, um dann zu entscheiden, wo und wann getankt wird.«

Mit den Kunden würde bezüglich der erhöhten Transportkosten hart verhandelt und die Zahlungsziele würden verkürzt. »Tankrechnungen werden nach 14 Tagen abgebucht, unsere Rechnungen werden im besten Fall nach 30 Tagen gezahlt«, berichtet der Spediteur. Im Transportgewerbe sei es leider keine Seltenheit, dass sich die Zahlungsziele bis zu 60 Tagen hinauszögerten. »Da wurden die Tankrechnungen schon viermal bezahlt«, wissen die beiden Inhaber aus ihrem Berufsalltag.

Kritisch sehen sie beispielsweise auch litauische Unternehmen: »Die verstärken weiter ihren Einsatz im deutschen Raum ohne Berücksichtigung der Kabotage-Regeln beziehungsweise unter Umgehung dieser Regeln.« (Der Begriff Kabotage wird seit dem 15. Jahrhundert benutzt. Darunter versteht man das Recht zur Beförderung von Personen oder Gütern innerhalb eines Landes durch ein Unternehmen eines anderen Landes. Auch die eigentliche Leistung wird als »Kabotage« bezeichnet. Das europäische Kabotage-Gesetz regelt entsprechende Beförderungsbedingungen. Anm. d. Redaktion).

»Geiz ist geil«

Björn Fröder sagt: »Solche Unternehmen haben natürlich ganz andere Fixkosten als wir. Hier siegt aber der Trend ›Geiz ist geil‹.« Er betont: »Die an uns gestellten Qualitätsanforderungen kosten natürlich.«

Geschäftliche Verbindungen nach Russland und in die Ukraine hat die Spedition aus Hüttenberg nicht, auch keine Mitarbeiter, die von dort stammen. »Wir haben das große Glück, nur deutsche Fahrer zu haben, das sind super Jungs«, lobt die Chefin ihr Team.

Das Problem des Fahrermangels kennt sie aber auch: »Gerade suchen wir einen Springer für die Urlaubs- und Krankheitsvertretung.«

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Eine Tankfüllung ist zur Zeit recht teuer. Symbolfoto: dpa © Red

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