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»Nur noch per Zettel verständigt«

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Das Verhältnis zwischen Ehemann und seiner von ihm in Harbach getöteten Frau vor Gericht erörtert. Sie verständigten sich nur noch per Zettel.

Kreis Gießen (bcz). Ein ehemaliger Bauunternehmer aus Grünberg muss sich wegen Mordes an seiner Ehefrau aktuell vor der Fünften großen Strafkammer des Gießener Landgerichts verantworten. Gestern wurden weitere Zeugen gehört, darunter auch der Sohn und die beiden Schwiegersöhne des Opfers.

In der Nacht vom 29. Dezember auf den 30. Dezember 2021 erschoss der 65-jährige Rentner seine von ihm getrennt lebende Ehefrau mit einer Ceska-Maschinenpistole Bauart Skorpion. Anschließend stellte er sich der Polizei.

Das Gericht befragte gestern weitere Zeugen zu dem Verhältnis der beiden Eheleute zu einander und zu den weiteren Hintergründen der Tat. Der Angeklagte hatte sich zwar nach der Tat gestellt und die Tatwaffe wurde in seinem Fahrzeug auch sichergestellt, jedoch schweigt er seitdem.

Der Sohn der Getöteten hatte zu beiden ein gutes Verhältnis, das jedoch weniger eng war, wie das seiner Schwestern, da er nach der Scheidung seiner Eltern bei seinem Vater blieb, während beide Töchter mit der Mutter von Wiesbaden nach Reiskirchen zogen, wo sie anschließend mit dem Angeklagten eine Beziehung führte. Die beiden Schwiegersöhne bestätigten im Wesentlichen die Aussagen ihrer Ehefrauen, die dem Angeklagten ein hohes Maß an Eifersucht und Gewaltbereitschaft bescheinigt hatten. Auch wenn sie nicht direkt bei den Auseinandersetzungen dabei gewesen waren, bezeugen sie dennoch die Folgen. Mal hätten sie das blaue Auge gesehen, ein anderes mal habe sie nach einem Sturz gehinkt. Ein Gericht verhängte daraufhin ein Annäherungsverbot. Beide bestätigten auch, dass der Angeklagte sich nicht darangehalten habe. Die Schwiegersöhne beschrieben die Beziehung der beiden über weite Strecken als »normal«. Die Eheleute hätten ihre Streitigkeiten eher unter sich ausmachen wollen, ohne ihre Kinder zu belasten. »Es war auch nicht alles schlecht gewesen«, sagten sie über die Zeit.

Die plötzliche Versöhnung des Paars an Weihnachten und die angeblich geplante Reise über Silvester traf auch bei den Schwiegersöhnen auf Unverständnis. Über die Trennungs- und Scheidungsgründe sagten beide aus, dass der Ehemann irgendwann nicht mehr mit ihr kommuniziert habe. Beide hätten sich nur über Zettel verständigt, die sie füreinander in der Garage hinterlegt hätten. Auf einem habe gestanden, dass sie sich auf eine Scheidung einstelle solle. Im Zuge der Trennung sei der Streit über das gemeinsame Haus und über die notwendigen Unterlagen immer häufiger eskaliert.

Über die letzten Stunden seiner Schwiegermutter sagte er, dass sie an diesem Abend »so glücklich wie schon lange nicht mehr gewirkt hat. Da war nichts zu merken, dass da etwas am Brodeln war«. Ein komplett anderes Bild der Getöteten zeichnete die 78- jährige Cousine des Angeklagten. Die Getötete habe immer nur Geld haben wollen. In den Monaten vor der Tat habe sie auf Wunsch der Polizei ihren Cousin immer begleitet, wenn er etwas in dem Haus holen wollte. »Die Frau war immer da, war aggressiv zu uns, sie schrie uns an und beschimpfte mich.« Der Ehemann hätte Angst vor ihr gehabt, behauptete sie. »Er hat sie sehr geliebt, wollte sich mit ihr versöhnen, und sie hat ihn wie einen Hund behandelt.« Diese Aussagen stehen im starken Kontrast zu den anderen Zeugenaussagen und riefen Stirnrunzeln bei den Töchtern hervor, die als Nebenklägerinnen auftreten.

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