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Oft der einzige Lichtblick

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Hilfsgüter und Lebensmittelspenden sind in diesen Tagen noch begehrter als sonst. © »Brücke der Hoffnung«

Der Verein »Brücke der Hoffnung« ist seit mehr als 25 Jahren in der Ukraine aktiv.

Hüttenberg. (ikr). »Unsere Mitarbeiter in der Ukraine wollen auch in dieser schweren Zeit Hoffnungsträger für die Menschen sein.« Das betont Burkhard Rudat, der seit 1977 in Osteuropa tätig ist und den Verein »Brücke der Hoffnung« leitet. Im Mittelpunkt der Arbeit des überkonfessionellen Hilfswerks stehen die geistliche und materielle Hilfe für Menschen am Rande der Gesellschaft, vor allem für Kinder, Jugendliche und arme Familien. Die deutsche Zentrale der Hilfsorganisation ist in Hüttenberg-Rechtenbach. Der Verein finanziert sich ausschließlich durch Spenden. In diesen Tagen ist Burkhard Rudat besonders gefordert, muss er doch in der prekären Kriegssituation den Kontakt zu mehr als 30 Mitarbeitern halten.

Seinen Schwerpunkt hat das Hilfswerk seit 1995 in Swetlowodsk, einer Stadt mit etwa 42 000 Einwohnern, die vier Autostunden von Kiew entfernt liegt. Auf der Homepage des Vereins werden seit Beginn des Angriffskriegs durch Russland am 24. Februar täglich neue Nachrichten eingestellt. Mit Datum 1. März beispielsweise ist zu lesen: »Eine weitere Kriegsnacht liegt hinter den Menschen. Mehrmals in der Nacht heulten die Sirenen in Swetlowodsk. Auch unsere Mitarbeiter wurden aus dem unruhigen Schlaf gerissen… Alle liefen in ihre Kellerräume und warteten, bis die Entwarnung kam.... Ein neuer Morgen bricht an. Auch heute werden unsere Erzieherinnen für die Kinder wieder Suppe kochen. Viele seelsorgerliche Gespräche finden statt.«

Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt

Seit mehr als 25 Jahren hilft »Brücke der Hoffnung« bedürftigen Menschen im Raum Swetlowodsk, führt Hilfsgütertransporte durch und organisiert Verteilaktionen. Im Mittelpunkt stehen jedoch Kinder und Jugendliche in dieser Region. Sie sind die größten Verlierer in einem seit vielen Jahren herrschenden Klima von Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholismus und Verwahrlosung. Für sie sind Einrichtungen und Angebote von »Brücke der Hoffnung« oft der einzige Lichtblick in ihrem auch bereits vor dem aktuellen Kriegsgeschehen trostlosen Alltag.

Es gibt die »Villa Sonnenschein«, ein offenes Haus, wo sich im »Spatzennest« Vorschulkinder aus zerrütteten Familien treffen. Ein Kinderchor und verschiedene Gruppen für Mädchen und Jungen existieren. In der Suppenküche wird täglich warmes Mittagessen serviert. In der »Villa Regenbogen« können Mädchen, die sich zu Hause nicht mehr sicher fühlen, Zuflucht finden. Im »Tageskinderheim am See« haben vernachlässigte Kinder tagsüber ein liebevolles Zuhause. In der Lehrwerkstatt lernen junge Leute, mit verschiedenen Werkstoffen zu arbeiten, zu tapezieren, zu nähen. So haben sie später bessere Chancen, Arbeit zu finden - eine Hilfe zur Selbsthilfe. Durch Seelsorge versuchen die ausgebildeten Mitarbeiter, innere Verletzungen traumatisierter Kinder zu heilen.

Graue Lehmhütten, spärlich bekleidete, verdreckte Kinder, eine unbeschreibliche Armut und Hoffnungslosigkeit - das ist der Boden, auf dem die Menschen in den sogenannten »Vergessenen Dörfern« ums Überleben kämpfen. Dort leben alte, kranke, behinderte Menschen und Familien, die es nicht schaffen, ihrer Trostlosigkeit, ihrer Armut, ihrer Hoffnungslosigkeit zu entfliehen. Um diesen Ärmsten der Armen zu helfen, hat »Brücke der Hoffnung« in den Ortschaften Pawlowka, Odarjewka und Boschedarjewka Häuser als »Zufluchtsorte«, und in Grigorowka eine Suppenküche eingerichtet. In den »Zufluchtsorten« finden Jungen und Mädchen ein neues Zuhause. Hier werden sie eingekleidet, erhalten eine warme Mahlzeit, besuchen fröhliche Kinderstunden. Noch wichtiger: Es gibt Liebe, Wärme, Wertschätzung, Geborgenheit. Familien werden durch Kinderpatenschaften betreut, es gibt finanzielle Unterstützung, Hilfsgüter aus Deutschland, Feuerholz für die bitterkalten Winter, und Kartoffel- und Gemüseaktionen, bei denen im Frühjahr Tonnen von Saatkartoffeln und Gemüsesetzlinge an bedürftige Familien gespendet werden.

Zurzeit sind Sachspenden wie Gemüse, Milch und Grundnahrungsmittel oder Brennholz und ganz besonders warme Kleidung und Decken begehrter denn je.

»Tante Mascha, wie lange dauert der Krieg noch? Hast Du auch die Flugzeuge gehört? Warum schießen die Menschen aufeinander?« Die Kinder haben in diesen Tagen unzählige Fragen, deren Beantwortung die Mitarbeiter an ihre Grenzen bringt. In allen Häusern des Vereins werden noch größere Mengen Suppe gekocht, um neben den Kindern auch viele Flüchtlinge, die auf der Durchreise sind, mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Dabei begegnen die Mitarbeiter auch vielen Ängsten und Schicksalen.

In Panik in die Keller geeilt

Denn der Krieg ist auf dem Vormarsch: Am späten Abend des 28. Februar heulten in Swetlowodsk die Sirenen. In Panik eilten die Menschen in ihre Keller. Wer keinen Keller hat, versteckte sich in einem Raum ohne Fenster, viele im Badezimmer, die meisten in panischer Angst. Nach zwei Stunden gab es Entwarnung. Drei russische Militärflugzeuge waren über das Gebiet geflogen, von denen eins abgeschossen wurde. Nach einer harten Nacht waren die Männer in Swetlowodsk schon ganz früh wieder unterwegs. Von überall hatten Verwandte und Freunde angerufen und berichtet, dass Panzer und Militärfahrzeuge durch ihren Ort rollten. Da wollte man auch in Swetlowodsk auf eine solche Situation vorbereitet sein. Das ganze Wochenende wurden Sandsäcke gefüllt.

Jeden Sommer lädt »Brücke der Hoffnung« zu einem großen Lager am Fluss Dnepr in der Nähe von Swetlowodsk ein. Dort können die jungen Menschen eine unbeschwerte Zeit genießen. Das dortige Freizeitzentrum in Pawlowka wurde vor nicht allzu langer Zeit mit Stockbetten und Sanitäranlagen eingerichtet. Am 25. Februar, ein Tag nach Kriegsausbruch, erreichte die Mitarbeiter ein Anruf, ob eine Gruppe von Flüchtlingen für eine Nacht im Freizeitzentrum bleiben kann. 16 erschöpfte Menschen trafen am Nachmittag in Pawlowka ein. Innerhalb kürzester Zeit wurde Bettwäsche organisiert und es wurden provisorische Nachtlager errichtet. Ein warmes Abendessen tat sichtlich gut. Alle waren sehr dankbar für die Fürsorge. Am nächsten Tag zogen die Menschen weiter.

Mit Datum 26. Februar ist auf der Homepage notiert: »Die Menschen in der Ukraine machen sich auch um Freunde und Verwandte Sorgen, die sich in extremen Situationen befinden. Die mittlere Tochter unserer Mitarbeiterin Sweta Beresniuk brachte am Tag, als der Krieg ausbrach, in einem Krankenhaus in Kiew ihr Baby zur Welt. Bald darauf musste sie mit ihrem Neugeborenen zum Schutz in den Keller. Seitdem ist sie mit ihrem Baby und Anderen dort untergebracht. Die jüngste Tochter der Mitarbeiterin verbrachte mehrere Nächte in einer U-Bahn-Station. All das, während Explosionen zu hören waren. Der Bruder unserer Mitarbeiterin Darina Panassenko sitzt seit Kriegsausbruch in einem kalten Keller.«

Arbeiter bekommen keinen Lohn mehr

Inzwischen wissen viele Menschen nicht, wovon sie sich Lebensmittel kaufen sollen. Die Firmen, die es in Swetlowodsk gab, haben geschlossen. Die Arbeiter wurden nach Hause geschickt, bekommen keinen Lohn mehr. Auch mit der Auszahlung von Renten und Kindergeld gibt es Probleme. »Unsere Mitarbeiter versuchen weiterhin, Lebensmittel zu besorgen und den Familien, die wir betreuen, zu helfen«. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. »In all dem wollen unsere Mitarbeiter Hoffnungsträger sein. Eine schwere Aufgabe«, bilanziert Rudat.

Der Verein hat für März eine Deutschlandtournee mit der ukrainischen Musikgruppe »Soruschka« geplant und hofft, dass sie trotz der angespannten Situation stattfinden kann. »Wir wollen mit Bildern, Filmen, Geschichten und Liedern Einblicke in all das bieten, was momentan in der Ukraine passiert und wie unsere Hilfsaktionen aussehen«, erklärt Rudat.

Am Mittwoch, 23. März, gastiert die Gruppe ab 19.30 Uhr im Haus der Evangelischen Gemeinschaft Rechtenbach, Frankfurter Straße 25, Zufahrt über In den Eichgärten 13. Eine Anmeldung ist nicht nötig, der Eintritt ist frei.

Der Verein freut sich über Spenden auf das Konto bei der Volksbank Mittelhessen mit der Iban DE45 5139 0000 0078 8266 06.

Weitere Informationen im Internet unter www.bdh.org

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