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Ostern und der Wunsch nach Frieden

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Ein Bild aus guten Tagen: Matthias Schwarz (zweite Reihe) mit einer Exerzitiengruppe aus dem Kreis Gießen, dem Wetteraukreis und dem Vogelsbergkreis in der Eichelsdorfer Kirche. Es sei, so sagen Teilnehmer, ein Abend gewesen, den man nie vergisst. Es war weit vor Corona und dem Krieg in der Ukraine. Die Welt war auch damals nicht das Paradies, aber sie war nicht so sehr aus den Fugen wie heute. © privat

Zwei Jahre war es Corona, jetzt ist es ein Krieg im Osten von Europa: Ostern wird auch in diesem Jahr wieder unter besonderen Bedingungen stattfinden. Und wieder müssen die christlichen Kirchen wohl Abstriche machen beim traditionellen Osterprogramm. Der Überfall russischer Truppen auf die Ukraine wird wohl das beherrschende Thema der Osterpredigten sein.

Wir haben mit Pfarrer Matthias Schwarz über das dritte Osterfest im Ausnahmezustand gesprochen, über Friedensgebete und -lieder, über Hilfsaktionen und über die ewige Frage: Wie kann Gott das zulassen? Schwarz äußert sich zu blau-gelben Fahnen und über das Schweigen mancher Christenmenschen.

Matthias Schwarz ist rumgekommen. Er war Pfarrer in mehreren mittelhessischen Gemeinden, wirkte als Seelsorger und Exerzitienbegleiter in Häusern der Stille - im ländlichen Elgershausen und in der Bundeshauptstadt Berlin. Vor mehr als zehn Jahren kam er zurück nach Mittelhessen. Nun ist es nicht mehr lange bis zu seiner Pensionierung im nächsten Jahr. In den Niddaer Stadtteilen Eichelsdorf und Ober-Schmitten möchten die Menschen ihn gerne als Gemeindepfarrer behalten. Für immer, wenn das nur irgendwie ginge. Kein Wunder: Schwarz predigt mit einer Stimme, die seine Zuhörer fesselt. Er ist ein wunderbarer, manchmal aber auch ein - im besten Sinne - wundersamer Seelsorger. Er ist ein genialer Erzähler und ein wahrhaft geduldiger Zuhörer. Auch wenn er das Bild nicht so mag: Schwarz ist ein guter Hirte. Er hat eine Meinung - und die behält er nicht für sich. Erst recht nicht, wenn es um Krieg und Frieden geht,

Herr Schwarz, viele Menschen in Deutschland solidarisieren sich mit der Ukraine, sie spenden, demonstrieren, beten für Frieden, geben Geflüchteten eine erste Unterkunft. Wie ist das Engagement der Menschen in Ihren Gemeinden?

Das kann ich nicht genau sagen, weil es auch viele kleinere, viele private Aktionen gibt, von denen die Öffentlichkeit nichts erfährt, die aber auch hilfreich sind. Es gibt auch einige größere Aktionen. So wurde spontan der Verein »Nidda hilft« gegründet. Viele Kirchengemeinden engagieren sich im Nehemia-Hilfswerk in Wallernhausen (Anmerkung der Redaktion: Motiviert durch das christliche Gebot der Nächstenliebe hilft Nehemia laut eigener Website nachhaltig durch humanitäre Hilfe und Katastrophenhilfe, Entwicklungsarbeit und soziale Projekte. Hilfe wird ohne Ansehen der Person gewährt). Das Hilfswerk hat viel Erfahrung und verfügt über eine entsprechende Logistik. Auch der 2015 entstandene »Unterstützerkreis«, der sich damals vor allem um die Flüchtlinge aus Syrien kümmerte, hat sich wieder neu installiert, um nun Hilfe für geflüchtete Ukrainer anzubieten.

Aber viele sind zurückhaltend, sind schweigsam, bleiben untätig. Martin Luther King hat gesagt: »Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.« Warum schweigen so viele? Auch viele Christen…

Ich kann das so gar nicht bestätigen, zumindest ist der Überfall auf die Ukraine ja überall Thema. Wo ich auch hinkomme, wird darüber gesprochen. Es ist so, wie Sie sagen: viele demonstrieren, beten, spenden, packen Päckchen. Dass sich aber gerade an den Friedensgebeten nicht so viele Menschen beteiligen, liegt auch daran, dass viele nicht mehr darauf vertrauen, dass ein Gebet eine ganze eigene Kraft hat. Für manche stellt sich auch die Frage: Was hat Religion mit Politik zu tun? Nun, wir beten um Frieden, und das hat schon was mit Religion und Glauben zu tun. Was mich aber immer noch ärgert: Warum gab’s 2015, als die Syrer kamen, keine Friedengebete?

Angeblich von Franz von Assisi stammt das Gebet »Gott, mach mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst …« Eine große Aufgabe… Schaffen wir das?

Nun, der heilige Franz hat das nicht gebetet, auch wenn das, selbst auf kirchlichen Web- sites behauptet wird. Wahrscheinlich ist das Gebet im Ersten Weltkrieg entstanden. Und es entspricht tatsächlich der franziskanischen Tradition. Aber ich mag dieses Gebet nicht. Liebe zu geben, wo man sich hasst - es ist unmenschlich, das von Menschen zu verlangen.

Jesus sagt das aber so ähnlich …

Ja, aber das wird man wohl kaum schaffen. Klar können wir Gutes tun. In Ansätzen wird man das immer leisten. Aber man sollte Menschen nicht überfordern.

Gott selbst schweigt ja auch … Und sofort hört man wieder diese Frage: Wie kann Gott das zulassen? Auch von denen, die selbst nicht mal Piep sagen. Dennoch: Wie kann Gott das zulassen?

Tja, wie kann Gott das zulassen? Das fragen wir uns ja immer dann, wenn es schlecht läuft. Ist alles gut, werde ich mich nicht über Gott beschweren. Wir können das nicht auf Gott schieben. Er hat uns diese Welt anvertraut, wir müssen uns selbst kümmern. Im Privaten frage ich Gott schon mal: Was hast du denn da mit mir gemacht, was hast du mit mir vor? Aber wenn es ums große Ganze geht, dann haben wir die Verantwortung.

Lenken wir also mit dieser Frage ab von unserer eigenen Verantwortung?

Ja, jeder muss sich fragen: Was ist mein Anteil? Nicht am Einmarsch der Russen in der Ukraine. Aber wir spüren, dass alles irgendwie zusammenhängt. Unsere Lebensweise wird durch den Krieg infrage gestellt. Und dieser Fragestellung sollten wir nicht mehr länger ausweichen.

Überall sieht man jetzt die blau-gelbe Fahne der Ukraine. Das Agnus Dei, also das Lamm Gottes, steht symbolisch für Jesus Christus. Das Lamm Gottes ist oft mit der Siegesfahne mit rotem Kreuz auf weißem Grund dargestellt. Sollte man das Lamm vielleicht in diesem Jahr eine blau-gelbe Fahne tragen lassen?

So schön und so wichtig manche dieser Solidaritätsbekundungen auch sind, halte ich das mit dem Lamm nicht für angebracht. Bei Demonstrationen kann man natürlich blau-gelbe Fahnen schwenken. Aber das Osterlamm sollte man so lassen, wie es ist. Es gibt andere Möglichkeiten. Unser Küster hat zwei Kerzen mehr auf den Altar gestellt - als Zeichen, dass wir in einer extrem schwierigen Zeit leben. Das finde ich in Ordnung.

Wir feiern nun zum dritten Mal hintereinander Ostern in einer Welt, die aus den Fugen ist. Manche sehen das als Prüfung, die Gott uns auferlegt …

Was sollte Gott denn damit prüfen wollen?

Wie wir darauf regieren, die Herausforderung annehmen?

Ich glaube nicht, dass Gott uns einer Prüfung unterzieht, bei der Menschen getötet werden. Ich glaube auch nicht, dass Gott uns alle in ein großes Sieb legt, es kräftig schüttelt und dann schaut, wer durch das Raster gefallen ist. Mit so etwas spielt Gott nicht.

Der russische Patriarch Kyrill I. lässt sich - man kann es nicht anders sagen - vor Putins Karren spannen. Schweigen beziehungsweise Unterstützung also wieder mal ganz oben in einer Kirche, die sich auch auf Jesus Christus beruft.

Kyrills Verhalten hat immerhin innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche zu Protesten geführt. Diese Kirche ist immer noch in weiten Teilen nationalistisch gesinnt. Viele Mitglieder verbinden russisch sein mit ihrem Glauben. Damit hat die Kirche in Russland einen ganz großen Einfluss. Ich war länger in Finnland und lernte dort viele Anhänger einer eher jungen orthodoxen Kirche kennen. Sie haben die alten orthodoxen Kirchen sehr kritisiert. Man kann nur hoffen, dass sich diese Sicht durchsetzen wird.

Was würde denn Jesus Christus zu all dem sagen, wenn er heute leben würde? Vielleicht »Wehrt euch nicht, wenn euch jemand Böses tut …?« Oder doch was ganz anderes?

Tja, was würde Jesus sagen? Ich habe ja manchmal so spleenige Ideen. Was wäre denn passiert, wenn die Menschen in der Ukraine - unterstützt von vielen Menschen aus dem Westen - in einen passiven, einen waffenlosen Widerstand gegangen wären? Wie einst Gandhi in Indien. Was wäre passiert? Wären die Russen mit ihren Panzern einfach über sie hinweggefahren? Oder doch nicht? Ich weiß es nicht. Putin hat uns jedenfalls gezeigt: Es ist gefährlich, wenn man sich wehrlos macht.

Kommen Menschen aus Ihren Gemeinden zu Ihnen, weil sie angesichts ihrer Fassungs- und Ratlosigkeit Hilfe brauchen?

Eher nicht. Aber überall da, wo wir zusammenkommen, ist es Thema. Ich glaube: Es tut uns auf Dauer nicht gut, wenn wir an nichts anderes mehr denken können.

Werden Sie im Ostergottesdienst auf den Krieg eingehen?

Das hängt davon ab, wie die aktuelle Lage ist. Da ich meist erst samstags meine Predigten schreibe, kann ich das heute noch nicht sagen. Aber irgendwie wird es schon eine Rolle spielen.

Frieden, so sagt man, will ja auch im Kleinen gelebt werden. Aber das schaffen wir oft auch nicht. Bleibt der Frieden im Kleinen wie im Großen also eine ferne Fiktion?

Im Lied »Komm, Herr, segne uns« heißt es »Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden«. Das bedeutet: Frieden ist fragil. Frieden kann man nicht auf Dauer besitzen, kann man nicht wie einen Pokal vorzeigen, Frieden kann man sich auch nicht in den Schrank stellen - um da für immer zu bleiben. Um den Frieden muss man kämpfen. Wichtig wäre es deshalb, dass Russland, wenn wieder Frieden herrscht, in Europa nicht weitgehend isoliert bleibt. Sondern dass man auf Augenhöhe miteinander redet. Mich hat sehr beschäftigt, dass es Berichte über Übergriffe auf Russen gab, die hier in Deutschland leben.

Wie gehen Sie denn ganz privat mit diesem Krieg um? Was empfinden Sie, wenn Sie die Bilder im Fernsehen sehen?

Ich frage mich: Müssen wir jetzt nicht endlich anfangen, neu zu denken. Wir müssen versuchen, im Kleinen, dort, wo wir zu Hause sind, etwas zu bewegen. Alles fängt mal klein an. Zu meinen Konfirmanden habe ich vor ein paar Tagen gesagt: »Ich habe 60 Jahre gut gelebt, und sich sehe im Moment nicht, dass es für euch auch so gut wird.« Es kommt so viel auf sie zu. Und daran habe ich mit der Art und Weise, wie ich gelebt habe, auch einen Anteil. Dieser Krieg hat mich sehr stark zum Nachdenken gebracht. Ja, wir müssen im Kleinen wie im Großen daran arbeiten, dass die Welt friedlicher wird.

Gibt es ein Friedenslied, dass Sie sich in diesen Tagen oft anhören?

Erst mal: Nein, ich höre jetzt nicht dauernd »Imagine«. Aber ich fand es sehr anrührend, als wir in einem Gottesdienst »We shall overcome« gesungen haben. Es ist so nach vorne gerichtet, ist mit Hoffnung und mit Veränderung zum Guten verbunden. Und aus dem Gesangbuch mag ich »Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf«. Da wird die aktuelle Situation ganz gut aufgenommen.

Ein Gebet, das Sie jetzt oft sprechen ...

Die Bitte »Herr, gib uns deinen Frieden«. Menschen aus meinen Gemeinden fragen oft: »Was sollen wir den beten?« Und ich antworte: »Machen Sie es sich nicht zu schwer. Sprechen Sie das ›Vaterunser‹, oder sagen einfach mit ihren Worten, um was Sie Gott bitten. Er versteht das schon...«

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