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Osteuropa-Experte Hampel: »Was Putin sagt, ist absurd«

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Auch mit 88 Jahren ist Professor Hampel noch immer ein messerscharfer Analytiker der osteuropäischen Geschichte. Mit großer Betroffenheit verfolgt er den Krieg in der Ukraine. © Kächler

Professor Adolf Hampel aus Hungen ist seit Jahrzehnten ein Osteuropa-Experte. Aussagen Putins zur Ukraine nennt der 88-Jährige »absurd« sowie »politisch und historisch falsch«.

Kreis Gießen . (klk). »Zu behaupten, die Ukraine habe keine eigene Identität, ist Unsinn«, macht der Osteuropa-Experte Adolf Hampel deutlich. In einem Gespräch mit dem Gießener Anzeiger in seiner Wohnung im Hungener Schloss zeigt sich der Professor für Kirchengeschichte im Ruhestand »tief betroffen« von dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Durch seine langjährigen Aufenthalte in der Region hat er zahlreiche persönliche Kontakte geknüpft und ist noch immer mit vielen Freunden von dort im Austausch. »Meine Bekannten sind derzeit in der West-Ukraine noch in Sicherheit, doch die Nachrichten aus den umkämpften Städten im Süden und Osten und in Kiew sind bestürzend.« Umso beeindruckender sei der mutige Kampf gegen die Invasoren und wie das Volk zusammenstehe, macht Hampel deutlich.

Die Aussage Putins, die Ukraine sei eine Erfindung von Lenin, nennt der 88-jährige Wissenschaftler »absurd«. »Dieses Bild ist politisch und historisch falsch«, so Hampel. Zwar hätten Lenin und die Bolschewiken nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches die neue Sowjetunion in 15 Teilrepubliken aufgeteilt, darunter auch die Sowjetrepublik Ukraine. Die Wurzeln des heutigen Staates reichten aber viel weiter zurück. »Neben einer gemeinsamen Geschichte mit dem russischen Brudervolk spielten vor allem die Kosaken eine wichtige Rolle im Siedlungsgebiet zwischen Dnepr und Don.«

Die Kosaken gründeten im 17. Jahrhundert auch einen unabhängigen Staat und verteidigten diesen, bis er schließlich vom russischen Zarenreich zerschlagen wurde. Das Land sei aber auch schon früher als politische und militärische Einheit angesehen worden, vor allem im Kampf gegen das angrenzende Osmanische Reich.

Das Thema »Völkerverständigung« durchzieht Hampels ganzes Leben. Dabei lag ihm schon immer die Annäherung an die frühere Sowjetunion besonders am Herzen. Als Kenner des Ostens war er an den Brennpunkten der vergangenen Jahrzehnte zugegen, ob in Georgien, Moldawien, Aserbaidschan, Litauen, der Ukraine oder auf dem Balkan. Immer setzte er seine Kontakte ein, um eine positive Wende herbeizuführen. Als »Mann der Tat« war Hampel auch stets als politischer Ratgeber gefragt.

Druck auf kritische Medien

Dass die letzten unabhängigen Medien in Russland schließen mussten, erfüllt ihn mit Sorge. Vor gut zwei Jahren habe er dem regimekritischen Radio »Echo Moskau« noch ein Interview gegeben. Dieser Tage nun stellte der Sender auf staatlichen Druck hin - ebenso wie die letzte freie Tageszeitung »Nowaja Gaseta« - seine journalistische Arbeit ein.

In dem Gespräch damals habe er erfahren, wie wichtig es für die Menschen in Moskau sei, dass der Westen ihr mutiges Engagement für Frieden und Freiheit würdige und Solidarität bekunde. »Es wird ganz klar als Ermutigung verstanden. Schließlich riskieren die Russen sehr viel, wenn sie öffentlich gegen Putin demonstrieren«, so der Theologe. Deshalb begrüße er auch ausdrücklich alle Aufrufe zu Solidaritätskundgebungen für die Ukraine und gegen das Putin-Regime. »Gerade bin ich dabei, mit Freunden einen Freundeskreis für den in Haft befindlichen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny zu gründen«, erklärt Hampel.

Der 1933 im Sudetenland geborene Hungener Ehrenbürger studierte von 1953 bis 1958 an der theologischen Hochschule für Vertriebene in Königstein im Taunus und wechselte später an das Collegium Russicum im Vatikan. Er empfing von einem ukrainischen Bischof die Diakonsweihe und wurde von einem russischen Bischof zum Priester geweiht, 1962 promovierte Hampel in Rom. 1969 wurde er Professor für Katholische Kirchengeschichte und Moraltheologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sein Gesuch, ihn vom Zölibat zu entbinden, wurde vom Papst stattgegeben, sodass Hampel seine heutige Frau Renate heiraten konnte. 1973 zog die Familie in das Pfarrhaus im Torbau des Hungener Schlosses.

Wie tiefschichtig der Ukraine-Konflikt ist, zeigt ein Blick auf die Kirchen. Immerhin bekennen sich 60 Prozent der Ukrainer zum orthodoxen Christentum, das historisch eng mit Russland verknüpft ist.

Kirchenkampf in der Ukraine

Während aber der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill in Moskau die »Militäraktion« rechtfertigt, verurteilen die ukrainisch orthodoxen Kirchen Putins Angriffskrieg scharf.

Dazu müsse man wissen, so Hampel, dass sich eine ukrainisch orthodoxe Kirche 2018 endgültig vom russischen Patriarchat lossagte - mit Billigung des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel in Istanbul. Daraufhin habe der Moskauer Patriarch die Bischöfe dieser Kirche exkommuniziert.

Dass die Sanktionen des Westens Wladimir Putin kurzfristig zum Einlenken bewegen können, glaubt Hampel nicht. Allerdings werde deutlich, wie sehr die russische Führung es versäumt habe, das große Land wirtschaftlich zu modernisieren. »Außer Rohstoffen habe man wenig zu bieten und sei auf Konsumgüter aus anderen Ländern angewiesen«, erläutert er. »Wer kauft hier schon einen Lada mit zuverlässiger, aber total veralteter Technik«, scherzt der Russlandkenner.

Vor allem mit China bestünden enge wirtschaftliche Verbindungen. Ein Machtwort aus Peking hätte mit Sicherheit Einfluss auf den Krieg in der Ukraine. Aber China verfolge offenkundig ganz eigene Interessen.

Als viel gefährlicher für Putin schätzt Professor Hampel die mögliche Entwicklung im eigenen Land ein. »Je mehr junge Russen beim Überfall auf die Ukraine sterben und je mehr Mütter auf die Straße gehen, umso größer wird der Druck auf den Präsidenten.«

Wichtig ist dem engagierten Historiker aber auch, dass man hierzulande wegen des Krieges nicht alle Russen pauschal verteufelt. Deshalb verurteilt er Aufrufe zum allgemeinen Boykott von russischen Geschäften und Restaurants nachdrücklich und bekennt: »Meine Liebe zu Russland kann ein Präsident nicht zerstören«.

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